Unsere Gesellschaft befindet sich momentan in einem gewaltigen Umbruch von der industriellen Welt hin zur Informationsgesellschaft. Experten sprechen sogar von einer dritten industriellen Revolution.
Der Hochschullehrer, Abgeordnete und Multimedia-Papst der SPD, Peter Glotz, vergleicht die auf unsere Gesellschaft einwirkende Veränderung durch Multimedia und Kommunikation mit der damals im Mittelalter stattfindenden Medienwende, als Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte .
Von Gutenberg zu Multimedia: Mit der Erfindung des Buchdrucks 1450 durch Gutenberg war man erstmals in der Lage, Informationen und Wissen einem breiten Publikum zu öffnen. 150 Jahre später gab es die erste regelmäßig erscheinende Zeitung, die 1609 in Straßburg erschien. Durch die Fotografie war es erstmals seit 1829 möglich, reale Abbildung zu konservieren. Seit 1895 konnte schließlich auch Bildern das Laufen beigebracht werden, der Film war geboren. Die Echtzeit-Kommunikation wurde 1875 mit der Erfindung des Telefons ermöglicht. Das Schwarzweiß-Fernsehen (1925) wurde in Deutschland 1967 durch das Farbfernsehen abgelöst. Das Zeitalter der digitalen Informationsverarbeitung begann 1981 mit der Verbreitung des Personalcomputers. Der Computer wurde bis zum heutigen Tag zum Multimedia-Computer weiterentwickelt. Er bietet den riesigen Vorteil, die oben erwähnten Entwicklungen zu einer Einheit in digitaler Form zu vereinigen. So können Schrift, Bild, Ton und Video zu einer Gesamtheit miteinander verknüpft werden.
| Buchdruck | 1450 |
| Zeitung | 1609 |
| Zeitschrift | 1682 |
| Fotografie | 1829 |
| Elektrischer Telegraph | 1840 |
| Telefon | 1875 |
| Film | 1895 |
| Drahtloser Telegraph | 1897 |
| Rundfunk | 1920 |
| Tonbandgerät | 1950 |
| Fernsehen | 1954 |
| Satelliten-TV | 1971 |
| Video und Kabel | 1978 |
| Bildschirmtext | 1980 |
| Personalkomputer | 1981 |
| Bildplattenspieler | 1982 |
| CD-Player | 1983 |
| Digital Audio Tape (DAT) | 1987 |
| Digitaler Mobilfunk | 1990 |
| High Definition TV (HDTV) | 1991 |
| Minicompact-Disc / CD-ROM | 1992 |
| Multimedia | 2000 |
Wenn wir heute in die Vergangenheit zurückblicken, so hat die Informationsrevolution bereits in den Sechziger Jahren stattgefunden, als in Industrie, Handel, Forschung und Verwaltung die elektronische Datenverarbeitung erstmals Einzug gehalten hat.
Karl Steinbuchs Zukunftsvisionen einer Informationsgesellschaft von 1966 wurden 30 Jahre später Realität: „In Zukunft werden die Menschen nicht nur über mehr materielle Güter und mehr Energie verfügen, sondern auch über sehr viel mehr Information. Der Besitz an Wissen wird mit unvorstellbarer Geschwindigkeit vergrößert werden. Informationen über Ereignisse an entfernten Orten werden durch Telegrafie, Fernsprecher und Fernsehen überallhin transportiert, diese werden in Computern miteinander verknüpft und auf ihre Wirkung analysiert, das ganze Wissen wird in riesigen - allen Menschen zugänglichen - Informationsbanken gespeichert sein. Die zukünftige Gesellschaft wird im besonderen eine informierte Gesellschaft sein." (Karl Steinbuch: Die informierte Gesellschaft, 1966.) Es ist verblüffend, welche Illusionen und Prophezeiungen Karl Steinbuch vor 31 Jahren über unsere derzeitige Informationsgesellschaft machte. Seine Vorhersagen sind in der Tat gegenwärtig eingetroffen.
Neue Medien, Technologien und Kommunikationsformen haben zur Folge, daß sich unsere Gesellschaft verstärkt einer massiven Informationsflut aussetzt. Aufgabe und Ziel der Informationsgesellschaft wird es sein, einen grundlegenden Veränderungsprozeß zu durchlaufen, der den autorisierten, selektiven Umgang mit den Informationen und Informationsträgern gewährleistet (Medienkompetenz).
Die Informationstechnologie kann auf den nachstehenden sechs Gebieten neue Chancen für die Bevölkerung anbieten.
Neue Arbeitsplätze und neue Berufsbilder können im Bereich der Informationstechnologien entstehen. In erster Linie werden auf dem Gebiet der Forschung, der Entwicklung und der Dienstleistung Arbeitsmarktpotentiale erwartet. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien führen auf dem Arbeitsmarkt zu veränderten Kooperationsformen innerhalb von Firmen, Branchen und Unternehmen. Neue Möglichkeiten der Teilzeit- und Telearbeit könnten im besonderen Maß für Familien attraktiv sein.
Von dem Einsatz elektronischer Post, Dateitransfer und Videokonferenzen werden vorwiegend kleine und mittlere Betriebe profitieren, die nun verstärkt mit anderen Firmen multimedial und standortunabhängig über die oben genannten neuen Kommunikationsmittel kooperieren können. Die Produktion von gemeinsam erarbeiteten Gütern kann nun flexibler und kostengünstiger erfolgen. Für den normalen Bürger werden eine Vielzahl neuer Dienste schon heute und in naher Zukunft angeboten. Auf dem Unterhaltungssektor wird uns Video-on-Demand und Pay-per-View offeriert. Aber auch der Einkauf per Fernbedienung (Teleshopping), Tele-Banking, Telelearning, Telespiele und alle erdenklichen Informationsdienste nehmen über kurz oder lang Einzug in unser privates Leben. Parallel dazu wird die Gesellschaft zu Behörden, Verbänden, und Lieferanten schnelleren Zugang besitzen. Vor allem Behördengänge, die häufig mit lästigen Wartezeiten und kurzen Öffnungszeiten verbunden sind, können verringert werden.
Aus- und Weiterbildung werden durch Offline - und Onlineangebote multimedial bereichert und können zu einer Verkürzung der Lernzeit führen, die sogar ortsunabhängig durchgeführt werden kann. Neue Technologien in Schule und Hochschule können den Lernprozeß bereichern und fördern. Der interaktive Zugang zu Datenbanken und Bibliotheken bietet eine umfassende und gezielte Beschaffung von zuverlässigen Informationen.

Jürgen
Rüttgers über Veränderungen im Bildungsbereich
Aus: NZZ Format (1997): "Lernen mit dem Internet". (VOX), 20.05.97, 22:50-23:35
Auch in der öffentlichen Verwaltung bietet die Informations- und Kommunikationstechnik - besonders in den Zeiten knapper Finanzmittel - die Möglichkeit, Leistungsverbesserungen und Rationalisierungen im überladenen Verwaltungsapparat durchzuführen. Aus diesem Grunde strebt man einen generellen Netzausbau zwischen den Behörden an, der die Rentabilität und Qualität in den Behörden verbessert.
Mit Hilfe leistungsfähiger Netze können rasche und preiswerte Ferndiagnosen festgestellt werden, die zusätzliche belastende Krankentransporte überflüssig machen. Kooperation zwischen Krankenhäusern, Ärztepraxen und sozialen Einrichtungen erfolgt über die Netze. Kostenersparnisse lassen sich durch den gegenseitigen Datenaustausch zwischen Versicherungen und Arztpraxen erzielen. Mediziner können sich per Videokonferenzen über Wissensinhalte austauschen und sofort Ratschläge bei auftretenden Problemen einholen.
Bereiche wie Verkehrssicherheit, Verkehrsmanagement und Einsparungen von Umwelt- und Energiekosten werden an dieser Stelle angesprochen. Moderne Verkehrsleitsysteme sind imstande, im Individualverkehr den Fahrer sofort auf Gefahren, Streckenänderungen und Ausweichmöglichkeiten (z.B. bei Stau) frühzeitig hinzuweisen. Alles eingerechnet lassen sich nun Kosten und Umweltbelastungen dezimieren. Nicht nur im Individualverkehr, sondern im Nah-, Fern- und Güterverkehr werden die Technologien ihren Einsatz finden. Z.B. wird es höhere Auslastungen durch universelle Buchungssysteme geben, die zu weniger Leerfahrten und Kosten führen.
Wir stehen erst am Anfang des Informationszeitalters, das mit Schlagwörtern wie „Multimedia", „Internet", und „Virtual Reality" bezeichnet wird. Bereits heute sind wir in der Lage, Informationen mit Lichtgeschwindigkeit rund um den ganzen Erdball zu versenden. Räumliche und zeitliche Begrenzungen verschwinden. Weltweite Kommunikation in Wort, Schrift, Bild und Ton via Datenautobahn ist möglich. Die Welt formiert sich zu einem globalen Dorf. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis für jeden Staatsbürger jede verfügbare elektronische Information im weltweiten Internet jederzeit und überall zugänglich ist. Nicht nur die Industrie allein, sondern auch Gesellschaft und Bildung werden dem neuen Wandel ausgesetzt sein, doch in welchem Maß und auf welche Art und Weise die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf unser zukünftiges Leben Einfluß nehmen werden, kann letztendlich nur grob skizziert werden. Bürger und Politiker können die weltweite Entwicklung der Informationsgesellschaft nicht grundlegend verändern, jedoch gibt es noch in vielen unbefestigten Bereichen Möglichkeiten, direkte oder indirekte Veränderungen vorzunehmen und zu stabilisieren. Aus dem historischen Rückblick können diese sich momentan vollziehenden Umbrüche mit der Entwicklung der Landwirtschaft vor 200 Jahren verglichen werden. Damals waren noch 95% der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Diese Bauern konnten sich damals wohl kaum vorstellen, daß heute gerade mal vier Prozent in diesem Sektor beschäftigt sind und dabei noch bei weitem mehr als genügend Grundnahrungsmittel produzieren können. Unsere Arbeitsgesellschaft befindet sich - wie die Bauern damals auch - in einem ähnlichen Entwicklungs- und Umstrukturierungsprozeß.
Es wird in den nächsten Jahrzehnten ein regelrechter Boom in der Informationsindustrie zu verbuchen sein. Prognosen zufolge wird dies voraussichtlich der größte und wohl der einzige Wachstumsmarkt sein. In diesen Branchen haben Japan und die USA bereits eine kleine Vormachtstellung eingenommen. Deutschland und Europa muß auch in Zukunft versuchen, in diesen Bereichen wettbewerbs-, handlungs-, und leistungsfähig zu bleiben, um künftig nicht in die Abhängigkeit führender Industrienationen zu fallen.
Telearbeit wird immer mehr in Firmen Einzug halten und unsere Berufswelt verändern. In einer Studie über Telearbeit zeigten ungefähr 40% der deutschen Bevölkerung reges Interesse an Telearbeit. Jedoch muß bedacht werden, daß es sich hierbei nicht um ausschließliche Tele-Heimarbeit handelt, sondern es wird weiterhin wechselseitig im Betrieb gearbeitet. Von zu Hause aus läßt sich mit Auftraggebern auf der ganzen Welt kommunizieren. Besondere Chancen bietet die Telearbeit für erziehende Mütter und Eltern, die sich ihre Arbeitszeiten frei einteilen können und gleichzeitig die familiären Belange erledigen können.
Aus der ökologischen Sichtweise kann Telearbeit einen Beitrag dazu leisten, den Berufsverkehr ein wenig zu dezimieren, jedoch darf sich Telearbeit nicht in die Richtung entwickeln, daß der elektronische Heimarbeiter sein Mitbestimmungsrecht, seinen Arbeitsschutz, seine Entlohnung und seine Arbeits- und Sozialrechte, die ihm bislang auch im Betrieb gewährt wurden, verliert. Scheinselbständigkeit bei Telearbeit muß gesetzlich unterbunden werden.
Für den Unternehmer ist Telearbeit durch Einsparungen im Bereich der Raum- und Arbeitsplatzkosten eine attraktive Alternative zur ehemaligen Beschäftigungsform. Außerdem kann er qualifizierte und kompetente Arbeiter eher halten und für sich gewinnen, wenn diese aus Zeitgründen oder wegen persönlicher Belange ihren Beruf nicht länger verrichten können. Für Deutschland und Europa ist es deshalb wichtig, den technologischen Fortschritt nicht zu verpassen, zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen und den Standort Deutschland zu sichern.
Seit den 60er Jahren ist die Bedeutung des Informationssektors rapide angestiegen. Bereits heute steht schon fest, daß „[...]die Informations- und Kommunikationstechnik jetzt schon der weltweit bedeutendste Wirtschaftszweig mit rund drei Billionen US-$ Umsatz (vgl. Abbildung 2) ist. Wenn Informationen weltumspannend verarbeitet, gespeichert, abgerufen und kommuniziert werden, verlieren Zeit und Ort ihre Bedeutung. Die globale Arbeitsteilung in der Produktion, Beschaffung und Entwicklung bestimmt mehr und mehr unsere wirtschaftliche Realität".

Die in Abbildung 2 aufgeführten Sektoren sind durch ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum gekennzeichnet. Die hier aufgeführten Bereiche werden Prognosen zufolge zukünftig 7 bis 15 Prozent Zuwachs verbuchen können. Tendenziell kann beobachtet werden, daß durch die technologische Weiterentwicklung im informationswirtschaftlichen Sektor die hier abgebildeten einzelnen Wirtschaftszweige, z.B. Computer, Telekommunikation, Konsum- und Unterhaltungselektronik, Medien... immer mehr aufeinander zugehen und mehr und mehr zu einem Einheitsgefüge verschmelzen.
Bei der Verbreitung von PCs 1995 auf der ganzen Welt liegt die USA mit 34 PCs pro 100 Einwohner knapp vor der Schweiz (33PCs/100EW). Deutschland nimmt mit 19 PCs pro 100 Einwohner weltweit Rang 8 ein. Von den 14 Millionen gesamt existierenden Personalcomputern in der BRD sind 7 Millionen in den privaten Haushalten vertreten. Umgerechnet auf die 35 Millionen Haushalte Deutschlands befindet sich demzufolge in jedem fünften Haushalt bereits ein PC.
Schon 1994 erreichte die Bundesrepublik Deutschland mit informationstechnischen Produkten und Dienstleistungen ein Marktvolumen von 382 Milliarden DM. Dies entspricht etwa 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (vgl. Abbildung 3). In den nächsten Jahren wird dieser Sektor aufgrund des verstärkten Ausbaus der Kommunikationsinfrastruktur einen starken Zuwachs verbuchen können. Die Deutsche Telekom AG hatte 1995 bereits 1 400 000 Kunden und Firmen mit ISDN - Anschlüssen ausgestattet, um die bisherigen 40 Millionen bestehenden Telefonanschlüsse auf die anwachsende Informationsflut vorzubereiten. Bilder und Daten lassen sich bedingt durch digitale Übertragungstechnik mit einer Geschwindigkeit von 2 x 64 Kilobit/Sekunde übertragen. Mit dem Glasfasernetz der Deutschen Telekom AG, das bereits über eine Strecke von 110 000 km verfügt und große Wirtschaftszentren in Europa und in Übersee verbindet, erreicht man eine Übertragungsrate von 2,5 Gigabit/Sekunde.
Ende 1996 sollen ca. 1,2 Millionen Haushalte - überwiegend in den neuen Bundesländern - mit der neuen Glasfasertechnik ausgestattet sein. Hohe Übertragungsraten werden gegenwärtig hauptsächlich im Rahmen von audio- und videobasierenden Multimedia-Anwendungen und bei Videokonferenzen benötigt.

Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und der ganzen Welt wird in den nächsten Jahren einem massiven Strukturwandel ausgesetzt sein. Neue Berufsbilder werden sich entwickeln und traditionelle Arbeitsplätze müssen aufgrund geringer Rentabilität kapitulieren. Das Basler Wirtschaftsinstitut „Prognos" kommt in seiner gegenwärtigen Studie zu folgenden Ergebnissen: Bis zum Jahr 2005 werden in der Bundesrepublik Deutschland ca. 2 Millionen traditionelle Arbeitsplätze verlorengehen. Vorwiegend sind es Berufe aus dem Bereich Verarbeitendes Gewerbe (800 000), Öffentlicher Dienst (250 000), Landwirtschaft (200 000) und Banken (100 000), die vom Arbeitsabbau betroffen sind.
Fragwürdig ist die momentane Diskussion, wieviel Arbeitsplätze durch den Multimedia- Einsatz entstehen werden. „Weder die in Prognosen der Europäischen Union genannten 20 Millionen Arbeitsplätze, die für die nächsten zehn Jahre in Produktion und Anwendung europaweit erwartet werden, noch die für Baden-Württemberg erhofften 300 000 bis 400 000 neuen Arbeitsplätze basieren auf einer tragfähigen Grundlage." Politiker gehen momentan davon aus, daß die Arbeitsplätze, die als Folge der Informations- und Kommunikationstechnologie wegrationalisiert werden, auf jeden Fall durch die neu entstehenden aufgefangen werden können und sogar ein geringer Beschäftigungsüberschuß daraus resultieren wird.
Zeitliche und ortsgebunden Grenzen werden in der Informationsgesellschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Neben den enormen wirtschaftlichen Chancen, die sich für die Industrie und den Dienstleistungssektor auftun, entstehen durch die Globalisierung der Märkte auch vielschichtige, teilweise vorhersehbare und noch unbekannte Probleme.
Gewinner der Globalisierung wird in erster Linie der asiatische Raum sein. Länder wie, Thailand, China, Singapur und Malaysia erfahren gegenwärtig und in Zukunft einen intensiven Wirtschaftsboom (vgl. Abbildung 4). Schon heute verlagern renommierte Firmen wie IBM, Microsoft, Hewlett-Packard, Novell, Sun und Intel einen Teil ihrer Softwareentwicklung in den fernen Osten. Besonders gefragt sind noch die Programmierer in Indien, die Software zu Schleuderpreisen per Satellitenleitung produzieren. „1991 exportierte Indien Software für 164 Millionen Dollar, 1995 waren es schon 734 Millionen, vor allem in die USA, nach Deutschland und in den Rest Europas". Auf Grund der steigenden Löhne und Nebenkosten in Indien müssen bereits heute die dort ansässigen Softwarefirmen gegen qualifizierte Programmierer aus China, Rußland, Ungarn, Malaysia, Singapur und Irland für ihre derzeitigen Marktpotentiale kämpfen. Im Fachjargon bezeichnet man die Verlagerung der Produktion in das billigere Ausland auch „Outsourcing".

Die Gesellschaft wird sich in naher Zukunft mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auseinandersetzen müssen, gleichzeitig wird unsere bisherige Industriegesellschaft mit neuen Arbeitsformen und Freizeitformen wie Teleworking, Telelearning, Telebanking, Teleshopping usw. konfrontiert. „Zunehmend prägt nicht mehr die industrielle Güterproduktion die gesamtgesellschaftliche Entwicklung; statt dessen findet ein ökonomischer Wandel hin zur Informationsgesellschaft statt, die auf dem Generieren und Weiterverarbeiten von Information und Kommunikation basiert" .
Der Begriff Arbeit wird im Computerzeitalter neu definiert werden müssen. Immer weniger Menschen haben einen festen Arbeitsplatz in einem dauerhaften Angestelltenverhältnis. Die zukünftige Gesellschaft wird verstärkt in ihrem Werdegang nicht nur einen einzigen Beruf auf Lebenszeit ausüben, sondern sie wird mehrere Berufe erlernt und ausgeübt haben. Infolge der Tatsache, daß sich unser Wissen derzeitig alle 5 Jahre verdoppelt, nehmen Ausbildung und Weiterbildung einen immer höheren Stellenwert ein.
Der englische Wirtschaftsphilosoph Charles Handy postuliert: „Die Ausgangsvoraussetzung für Erfolg im Informationszeitalter ist heute ein großer Kopf: Die richtigen Ideen, die richtigen Informationen, sind in Zukunft ausschlaggebend. Der Rest ist kein Problem mehr." Man nimmt an, daß die gesellschaftliche Stellung eines Menschen nicht mehr durch sein Einkommen oder durch seine Herkunft bestimmt sein wird. Vielmehr werden Schlüsselqualifikationen wie Medienkompetenz, Flexibilität, Teamarbeit und das Bestreben nach lebenslangem Lernen in der Informationsgesellschaft eine entscheidende Rolle spielen.
Für die zukünftige Gesellschaft wird der Umgang mit Informationen immer stärker in der Berufswelt und in der Freizeit Einzug halten. Gleichzeitig werden immer mehr Arbeiter gebraucht, die umfangreiche Qualifikationen vorzuweisen haben. Der Hilfsarbeiter, der nur kurz angelernt werden muß, wird es in der Informationsgesellschaft sehr schwer haben, einen Beruf zu finden.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat 1987 eine Berechnung aufgestellt, wieviel Prozent der Gesellschaft im Jahr 2010 mit Informationen arbeiten wird. Das Ergebnis ist beachtlich: Im Jahr 2010 werden 55% aller Berufstätigen im Bereich „Information" arbeiten. Nur noch 36% der Arbeitnehmer werden ihren Beruf ohne Computerkenntnisse ausüben können. Im Vergleich dazu waren es 1970 noch 95%, die dem Computer aus dem Weg gehen konnten.
Siegmar Mosdorf, Vorsitzender der Enquête-Kommision , vertritt folgende Ansicht: „Wir müssen verhindern, daß sich unsere Gesellschaft zu einem Zwei-Klassen-System entwickelt, bestehend aus „Usern" und „Loosern". . Sicherlich sind dies die zwei Extreme, die sich gegenüberstehen. Daneben gibt es natürlich auch Benutzertypen, die Eigenschaften beider Extreme aufweisen, die Übergänge sind hier als fließend zu verstehen.
User |
Looser |
User sind Menschen mit einemblitzschnellen Zugang auf die jeweiligengewünschten Informationen und Daten.Für den Umgang mit den neuen Medienhaben sie gelernt, deren Stärken auszunutzenund haben dabei die Risiken und Problemeder neuen Medien immer im Hinterkopf.Sie haben ein mündiges Bewertungs- undAuswahlvermögen, um hochwertigeInformationen vom sogenannten „Datenmüll"zu unterscheiden. |
Hierzu zählen Menschen, die denUmgang mit den neuen, etabliertenMedien und Techniken nichtbeherrschen, und sich nichtgezielt ihre Informationenherbeischaffen können. Sie könnensich aus der Vielfalt der auf sieniederprasselnden Informationenkeinen Überblick und keine Strukturverschaffen. Nichtsdestoweniger sindsie zusätzlich der Medienmanipulationunterworfen. |
Damit es nicht zu einer solchen Fehlentwicklung kommen kann, muß schon heute eine breit angelegte Vermittlung von Medienkompetenz für die Chancengleichheit aller Bürger gewährleistet sein. Dabei muß für jeden Bewohner eine gewisse Grundversorgung für die weltweiten Informations- und Kommunikationsdienstleistungen gewährt sein. Besonders im Bildungswesen wird das Lernen mit den neuen Medien eine immer größere Rolle spielen.
Das unaufhörliche Anwachsen von Wissen und Informationen, der Umgang mit neuen Technologien in Schule, Arbeitswelt und im privaten Bereich, verlangt neben den alten Bildungskonzepten neue Lern-, Lehr-, und Arbeitsformen. Auf Grund der Tatsache, daß unsere Gesellschaft mit den neuen Technologien nahezu in allen Bereichen immer stärker konfrontiert wird, treten andere und neue Fähigkeiten in den Vordergrund. Aufgabe der Bildung wird es sein, daß alle Menschen der Informationsgesellschaft Chancengleichheit haben, um von den Vorteilen der neuen Technologien zu profitieren. Nur durch Wissensvorsprünge, Innovationen und durch schnelle kreative Umsetzung wird die Wirtschaft in Zukunft wettbewerbs- und konkurrenzfähig bleiben und den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern. „"Brain Ware", Wissen, ist die einzige Ressource, mit der Deutschland überreichlich gesegnet ist und die in Zukunft durch entsprechenden Vorsprung allein wettbewerbsfähig macht". Eine derartige Entwicklung kann nur erfolgen, wenn die Rahmenbedingungen zu diesem Zweck bereits in Schule, Ausbildung, Forschung und Wissenschaft erfüllt werden. Wissen und „Information ist zum vierten großen Wirtschaftsfaktor geworden - so wichtig wie Rohstoffe, Arbeit und Kapital."
Technologischer Wandel und Bildungswandel verhalten sich komplementär: Sie stehen in gegenseitiger Wechselwirkung. Beide Bereiche sind voneinander abhängig. Eine technologische Veränderung bewirkt gleichzeitig eine Veränderung im Bildungsbereich. Allerdings wirken zusätzlich viele weitere Faktoren auf die zwei genannten Bereiche ein, die nochmals ein starkes Vernetzungsgefüge bilden, so daß vorgenommene Veränderungen stets kritisch und neutral berücksichtigt werden müssen, damit ungewollte resultierenden Entwicklungen bereits im Vorfeld erkannt und sofort berichtigt werden können.

Prof.
Diepold über die Aufgabe der Schule
Aus: Kinder + Medien (1997): "Gutenberg in Cyberspace". (Südwest 3), 07.07.97, 10:20-10:50
Zurück
zum Anfang dieser Seite