4 Chancen der neuen Technologien für das Lernen an den Schulen
4.2 Neue Aufgaben und Kompetenzen für den Lehrer - Die Rolle des Lehrers
4.3 Neue Aufgaben und Kompetenzen für den Schüler - Die Rolle des Schülers
4.5 Lernveränderungen durch neue Medien
4.6 Verschiedene Lernorte in der Schule
4.7 Technische Voraussetzungen für den Einsatz multimedialer Software
4.8 Organisatorische Vorbedingungen:
Die Befürchtung vieler Pädagogen und Eltern, der Computer könnte den Lehrer in absehbarer Zeit überflüssig machen, ist unbegründet. Der Computer kann für den Unterricht eine Bereicherung darstellen und den Lehrer in gewissem Maße entlasten, damit er mehr Zeit für individuelle Betreuung und Erziehungsfragen zur Verfügung hat. Außerdem kann der Computer die direkte Lehrer-Schüler- und Schüler-Schüler-Kommunikation nicht vollständig ersetzen, die für das gemeinsame soziale Zusammenleben so elementar sind.
Die Lehrkraft muß in ihrer Rolle neben den bisherigen Qualifikationen über neue und zusätzliche Fähigkeiten verfügen und in der Lage sein, den Schülern die neuen Lerninhalte didaktisch und methodisch fundiert vermitteln zu können. Die Rolle der Lehrer wird sich ändern. „Sie sind nicht mehr die Wissensvermittler, wie in der traditionellen Unterrichtsform, sondern Berater und Mentor, der die Kinder im Lernen unterstützt."
„Vorbei werden die Zeiten sein, in denen ein hervorragend ausgebildeter Fachspezialist, der als gebildeter Einzelkämpfer in 45-Minuten-Einheiten nach Vorgaben von Lehrplänen der Kultusministerien einer nichtgebildeten Schülergruppe Bildungsinhalte eintrichtert. Der Lehrer von morgen ist nicht mehr Pauker sondern Moderator: Er leistet Einzelberatung, leitet Projekte, regt Diskussionen an und fördert die soziale Kompetenz seiner Schüler. Zukünftig werden an den Schulen Qualifikationen wie Erziehen, Beraten, Betreuen an Bedeutung gewinnen. Multimedia kann den Lehrer von der reinen Wissensvermittlung befreien und ihn mehr seiner eigentlichen Aufgabe zuführen [...]"
Der Lehrer verändert und verlagert ferner seinen räumlichen Wirkungsstandort; das Lehrerpult rückt in den Hintergrund. Er wird verstärkt neben und hinter den Schülern agieren, beobachten, oder in Kleingruppen Aufgaben und Inhalte besprechen. Die neue Arbeitsweise der Schüler ähnelt der schon geläufigen Freiarbeit. Die Schüler werden einen stärkeren direkten Kontakt zum Lehrer spüren, da der Computer Bestandteile der herkömmlichen Wissensvermittlung für ihn übernehmen kann. Währenddessen hat die Lehrkraft Gelegenheit, sich einer anderen Schülergruppe zu widmen und auf deren Probleme und Belange einzugehen.
Für die Lehrertätigkeit werden sich folgende Schwerpunktänderungen ergeben:
· Der Lehrer tritt als Wissensvermittler mehr und mehr in den Hintergrund. Vielmehr fungiert er als Koordinator und Organisator der informationstechnischen Lernaktivitäten. Einzelberatung, Projektleitung, Diskussionsführung und die Förderung sozialer Kompetenzen werden zentrale Aufgaben des Pädagogen sein. Der Lehrer gibt den Schülern Anregungen und Hilfestellungen, wie sie selbständig lernen können und gestellte Aufgaben mit Hilfe der Medienvielfalt eigenständig oder in der Gruppe lösen können.
· Die traditionelle Stoffvermittlung durch den Lehrer erfolgt mehr und mehr autodidaktisch in kleinen Lerngruppen. Die Schüler sind in der Lage, neben den konventionellen Medien (Bücher, Arbeitsblätter, Materialien ...) auch über elektronische Datenbanken via Internet oder CD-ROM auf die individuell benötigten Informationen zuzugreifen.
· Die Zeit, die der Lehrer üblicherweise für die Wissensvermittlung etwa im Frontalunterricht aufbringen muß, kann er nun verstärkt der Demonstration, Wiederholung und Ergebniskontrolle des Lerninhalts widmen.
Auch der Einsatz von innerer Differenzierung kann durch den gezielten und richtigen Einsatz von Computern den Unterricht bereichern. „Der Lehrer wird mehr und mehr zum Lernberater."
In einer qualitativen Studie sind sechs Lehrer interviewt worden, die am Modellversuch „Grünes Klassenzimmer" (Grundschule) teilgenommen hatten. Bei dieser Gelegenheit sollten sie einschätzen, inwieweit sich ihre Lehrerrolle durch den Einsatz des Computers verändert hat. Die Antworten spiegeln eindeutig die oben genannten Veränderungen wieder:
· die Schüler waren eigenaktiver
· der Lehrer stand weniger im Mittelpunkt
Teilweise nahmen die Lehrer selbst die Rolle des Lernenden ein. Mehrfach wurde von den Lehrern geäußert, „daß sie durch die Freiarbeit der Schüler Zeit für die Beobachtung der Lernenden hatten und deshalb die sozialen Prozesse im Unterricht besser steuern konnten."
Allerdings muß den Lehrkräften die Möglichkeit gegeben werden, vorhandene Defizite im Bereich der Medienkompetenz und Medienpädagogik durch gesicherte Lehrerbildungen auszugleichen, um ihnen die Ängste vor dem Gerät zu nehmen. Es ist unentbehrlich und äußerst wichtig, den Lehrern Wege und Formen aufzuzeigen, wie der Computer produktiv und wirkungsvoll in den Unterricht integriert werden kann. Bereits in der Lehrerausbildung muß der richtige Umgang und effektive Einsatz mit den neuen Medien erlernt werden.

Prof.
Diepold über Lehrer und Ausbildung
Die Schüler gehen im Vergleich zu den Erwachsenen unbefangener und ohne Ängste mit dem Computer um. Viele von ihnen haben bereits Erfahrungen mit dem Rechner in ihrer Freizeit gemacht. Vielfach stehen Computerspiele bei den Nutzungsgewohnheiten im Vordergrund.
Der Schüler muß seine Einstellung zum Lernen völlig ändern. Das Lernen in alter Form, als der Lehrer noch als Wissensvermittler fungierte, ist passé. Er muß sich nun in eigener Regie durch den Umgang mit den vielfältigen Medien sein persönliches Wissen aneignen. Dabei kann ihm der Computer als Daten- und Wissensquelle behilflich sein. Diese neue Form der Wissensverarbeitung erfordert vom Schüler Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Diese Fähigkeiten können sich die Schüler sehr gut mit Multimediaprogrammen aneignen.
Multimediaprogramme besitzen den Vorteil, daß sie sich dem Arbeitstempo des Benutzers individuell anpassen und ihm ständig Rückmeldung über Lernerfolge und Wissenstand geben. In einem Auswertungsprotokoll, das der Lehrer jederzeit aufrufen kann, informiert er sich über die jeweiligen Stärken und Schwächen des Schülers, auf die er nun gezielt eingehen kann.
Damit der Schüler den Umgang mit Wissen und dessen späteren Gebrauch optimal einsetzen kann, muß er zuerst gewisse Lernstrategien entwickeln, die ihm den richtigen Weg weisen. „Durch die Arbeit mit der Maschine lernen Kinder zwei ganz wichtige Dinge, um in unserer komplexen Welt besser zurechtzukommen: In Zusammenhängen denken und sich Wissen selbst anzueignen". Wenn diese Kompetenzen vorhanden sind, ist der Grundstein für lebenslanges Lernen gelegt, der für die zukünftige Arbeitswelt maßgebend ist.
Schon heute wird unserer Arbeits- und Freizeitverhalten mehr und mehr durch die neuen Medien geprägt. Schule darf sich dieser Entwicklung nicht mit aller Gewalt verschließen, sonst läuft sie Gefahr, als Bildungsinstitution in Frage gestellt zu werden.
Aufgabe der Schule wird es sein, mit Hilfe von Multimedia und Datennetzen neue Arbeits- und Lernformen zu entwickeln, um von deren Chancen und Möglichkeiten vollständig profitieren zu können. Herkömmlich geführter Unterricht wird Ziele, Inhalte, Vorgehensweisen und Lernformen durch den Einsatz der neuen Medien verändern. Schule darf nicht den Kurs einschlagen, Unterricht ohne pädagogische Konzepte durchzuführen. Der autonome Einsatz neuer Medien im Unterricht ist keinesfalls Garant für die Bereicherung unserer Bildungseinrichtung, falscher Einsatz kann sich sogar behindernd und negativ auf das schulische Lernen auswirken.
Fest steht, daß der Computer uns das Lernen nicht abnehmen kann, sondern in bestimmten Situationen und Bereichen das Lernen vereinfachen kann. Der Mathematik-Professor und Chipdesigner Bernhard Korte ist der Auffassung: „Lernen ist ein mühsamer Prozeß und erfordert Anstrengung und Schweiß bei Lernenden und Lehrenden. Das kann meines Erachtens kein Computer abnehmen und auch keine Multimedia-Vorführung auf einen zweidimensionalen Bildschirm. Lernen heißt nicht nur Wissen oder Information erlangen, sondern Erkennen und Verstehen. Der neue Typ der multimedial Lernenden wird einen immensen Bauch an Wissen haben. Wissen ist nicht Verstehen, und Information sollte nicht mit Bildung verwechselt werden." Die Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien darf nicht dazu führen, daß wesentliche Formen wie Sozialverhalten und wechselseitige Kommunikation in der Klasse einen untergeordneten Rang einnehmen. Diese Formen müssen verstärkt in den Unterricht integriert werden, da sie sich sehr positiv auf den Prozeß des Verstehens und des gemeinsamen Lernens auswirken.
Die Institution Schule hat in der heutigen Zeit mit dem Problem zu kämpfen, daß außerhalb der Schule grundlegende Lernprozesse und Erfahrungen stattfinden. Unsere starre Bildungseinrichtung Schule hat bisher minimale Veränderungen unternommen, um mit der technisierten Welt konform zu werden. Sie hat ihren Ursprung noch aus der Zeit der ersten industriellen Revolution, als die Produktion von materiellen Güter im Vordergrund stand. Aus diesem Grunde müssen neue Wege und Formen gefunden und entwickelt werden, um den neuen Bildungsanforderungen gerecht zu werden. Selbständiges und praxisnahes Lernen wird für die Zukunft unserer Kinder immer wichtiger.
Verschiedene Schulen haben dieses Defizit bereits erkannt und organisieren ihren Unterricht stärker im Kontext zur Lebenswirklichkeit. Die Schule muß die Begegnungsmöglichkeiten zu ihrem Umfeld voll ausschöpfen. Dabei werden Elternkontakte und außerschulische Interaktionen eine Schlüsselrolle spielen. Der Unterricht wird bewußt durch neue Arbeitsformen, Erkundungen (Schüler sammeln an neuen Lernorten neue Erfahrungen und Erkenntnisse), aktuelle Themen, außerschulische Experten und Neue Medien bereichert.
Folgende neue Lernformen werden durch die Interaktion von Computer und Unterricht in der Schule Einzug halten: · Interkulturelles Lernen
· Selbständiges Lernen
· Selbstverantwortung lernen
· Projektorientiertes Lernen
· Lernen im Team
· Lernen in komplexen Sachverhalten
· Neue Kooperationsformen und Kommunikationsformen
· Differenziertes Lernen
· Motivierendes Lernen
· Kreatives Lernen
· Neues Lernen
· Individuelles Lernen
Im Kapitel 6 werde ich nochmals die neuen Lernformen anhand konkreter Praxisbeispiele aus dem Unterricht erörtern.
Computerfachraum:
Wenn wir historisch zurückblicken, so entstanden im Rahmen der informationstechnischen Grundbildung und des Informatikunterrichts sogenannte Computerfachräume, in denen ausschließlich computerzentrierter Unterricht stattfand. Damals hatten nur wenige Lehrer Zugang zu den Geräten, die ausschließlich von den naturwissenschaftlichen und später von den sprachlichen Fächern genutzt wurden. Heute und in Zukunft wird immer mehr das Problem auftreten, daß Lehrer aus den anderen Fächern in diese Fachräume drängen, andererseits aber die Kapazitäten hierfür schon längst nicht mehr ausreichen und zeitliche Überschneidungen verschiedener Fächer die Folge sind. Außerdem ist das Konzept eines alleinstehenden Fachraumes nicht mehr zeitgemäß. Zusätzlich zum Fachraum müssen an geeigneten Stellen in der Schule neue Computer installiert und aufgestellt werden, die den anderen Fächern zugute kommen.
Der Computer im Klassenraum:
Der Computer kann im gewöhnlichen Unterricht als Hilfsmittel und Werkzeug eine wichtige Stellung in verschiedenen Anwendungsbereichen einnehmen. Mit Hilfe didaktisch hochwertiger Programme können alte Unterrichtsinhalte in neuer Form multimedial aufbereitet und präsentiert werden. Komplexe Zusammenhänge lassen sich mit Unterstützung von Multimediaprogrammen leichter und schneller vermitteln und haben zusätzlich motivierenden Charakter. Besonders gute Anwendungsmöglichkeiten des Computers liegen bei Unterrichtsinhalten vor, die ohne seinen Einsatz auf Grund aufwendiger Veranschaulichung und Verdeutlichung nur begrenzt durchführbar wären. Die Bildungsforscherin Schulz-Zander sieht den Computer als „eine Medieninsel im Klassenzimmer" an. „Schülergruppen können dort im Rahmen der inneren Differenzierung selbständig arbeiten [...]." Die Arbeitsinhalte bestehen z.B. aus spontanen Recherchen zu den gerade behandelten Themen, deren Ergebnisse der übrigen Klasse durch einen Schülervortrag mitgeteilt werden.
Der Computer in schulinternen Bibliotheken und Arbeitsräumen:
Neben den bereits erwähnten Klassen- und Fachräumen werden zusätzlich in der schulinternen Bibliothek, in Arbeitsräumen und anderen Räumen Computer aufgestellt, die den Schülern für Freiarbeit, Projektarbeit, Wochenplanarbeit und Freistunden zur Verfügung stehen. Auch am Nachmittag bleiben diese Räume für die Schüler geöffnet, so können sie private Belange, Hausaufgaben, Stoffvertiefungen, Wiederholungen, Schulprojekte und Unterrichtsvorbereitungen erledigen. Die Schule gewinnt für die Schüler dadurch an Attraktivität und entwickelt sich zu einem Haus, das durch Begegnung, Gemeinschaft, Lernen, Information, Interaktion, Kooperation und Kommunikation geprägt ist.
Folgende Aspekte müssen vorab erfüllt werden, damit der Computer im Unterricht von Nutzen ist:
Multimedia-Programme brauchen aufgrund ihrer digitalen Medienvielfalt - bestehend aus Texten, Bildern, Tönen und Videosequenzen - sehr große Speicherkapazitäten. Aus diesem Grunde werden Multimedia-Programme ausschließlich auf CD-ROMs angeboten, weil sie über einen großen Datenspeicher verfügen.
Um diese Potentiale optimal nutzen zu können, müssen leistungsfähige Rechner an den Schulen vorhanden sein. Es sollten mindestens 486 DX-, Pentium- oder PowerPC-Rechner vorhanden sein. Der Arbeitsspeicher sollte über ein Minimum von 8 Megabyte RAM verfügen und eine schnelle Gigabytefestplatte zur Datenspeicherung enthalten. Neben dieser Grundausstattung muß eine entsprechende Grafik-, Sound- und Videokarte im Rechner integriert sein. Der Monitor müßte eine Bildschirmgröße von 15 Zoll haben. Für das Abspielen der CD-ROMs sollte ein schnelles CD-ROM Laufwerk mit hoher Übertragungsrate vorhanden sein. Für den Ton müssen entsprechende Kopfhörer und Lautsprecher angeschlossen sein, damit die auditive Wahrnehmung der Schüler beim multimedialen Arbeiten gewährleistet ist.
Neben diesen aufgeführten Hardwarekomponenten muß die Schule über einen gewissen Bestand von Multimedia-Programmen verfügen, die auf verschiedene Klassenstufen und Unterrichtsinhalte individuell abgestimmt sind.
Der Lehrer muß schon im Vorfeld wissen, an welchem Ort und mit welcher Software er zu welchem Themenschwerpunkt arbeitet. Der Computer muß mit dem didaktisch-methodischen Aufbau von Unterricht harmonieren. Planloser Umgang mit den neuen Medien hat negative Ergebnisse zur Folge. Unser festgefahrenes Denken vom isolierten fachspezifischen Unterricht und die Begrenzung der Schulstunden auf 45 Minuten muß korrigiert werden. Erst wenn diese Kriterien erfüllt werden, hat der Computer die Aussicht, im Unterricht als Werkzeug integriert zu werden.
Wir stehen momentan vor dem Problem, daß viele Lernprozesse und Erfahrungen der Schüler außerhalb der Schule in ihrer Freizeit stattfinden. Die Kinder machen heutzutage ihre ersten Erfahrungen und Erlebnisse mit Multimedia im Elternhaus, im Freundeskreis oder durch Computerspiele, die im Kaufhaus um die Gunst der jungen Generation werben. Die Schule muß bereits heute gegen die sogenannten „Edutainment"-Programme und Lernsoftware ankämpfen, die von der Softwareindustrie zu riesigen Stückzahlen verkauft werden und in den multimedial ausgestatteten Kinderstuben, vorwiegend am Nachmittag mit regem Interesse konsumiert werden. Selbst renommierte Schulbuchverlage wie Klett, Schroedel, Cornelsen usw. möchten diesen Markt neu für sich erschließen. Häufig sind die Lernprogramme von amerikanischen Herstellern übernommen und nur sprachlich verändert worden. Sie bieten dadurch nur mäßige Qualität. Laut einer Jugendstudie des Roland Berger-Instituts in München nutzen heute bereits 95 Prozent der Kinder den PC für Spiel und Freizeit, 48 Prozent dagegen nur für Schule und Unterricht. Diejenigen, die zuhause Zugang zu diesem Medium haben, verbringen täglich 70 Minuten davor. Der Umgang mit Lernprogrammen beträgt insgesamt 56 Minuten pro Woche. Der Konsum von Unterhaltungssoftware wie z.B. von Spielen liegt dabei deutlich vorne.
An dieser Stelle offenbart sich die defizitäre Situation, in der sich unsere Bildungseinrichtung gerade befindet. Die große Gefahr dabei ist, daß sich die Hälfte aller Jugendlichen und insbesondere die Eltern von den geistreich klingenden Slogans der Softwareindustrie, wie z.B. „spielerisch lernen" blenden lassen. Oft vertrauen die Eltern intelligenter Lernsoftware blind und haben die Illusion, daß ihr Kind mit diesem Programm seine Lernschwierigkeiten und Lernschwächen aufarbeiten könne.
Tatsache ist, daß sich nur wenige Softwareentwickler nach den pädagogischen Qualitätsansprüchen richten, da die Entwicklungskosten dadurch zusätzlich steigen und sich die Gewinnspanne verringert. Außerdem bietet die Schule im Gegensatz zum Freizeitmarkt noch zu geringe Marktpotentiale für die Softwareindustrie, um auf dessen didaktischen Belange gezielt einzugehen. Unsere Bildungsstätte darf dieser Entwicklung nicht tatenlos zuschauen, sondern muß auf dieser Ebene neue Akzente schaffen. Es kann nicht das Ziel unserer Gesellschaft sein, daß einflußreiche Wirtschaftskonzerne unser Bildungssystem für ihre persönlichen und finanziellen Interessen mißbrauchen.
Das Institut für Schule und Weiterbildung hat 3500 Lernprogramme auf die pädagogische Qualität hin untersucht. Das Ergebnis war ernüchternd, nur 50 Programme bekamen das Gütesiegel „beispielhaft". Das Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft untersucht bereits die aktuellen Lernprogramme nach pädagogischen und inhaltlichen Kriterien und bescheinigt hochwertiger Software das Gütesiegel „Digita". Willi van Lück, Leiter des Referats „Neue Technologie" am Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Soest, bemängelt, daß von den 6000 Lernprogrammen, die mittlerweile kritisch untersucht und in einer Datenbank archiviert wurden, lediglich 80 Programme als ‘beispielhaft für den Unterricht’ anerkannt werden konnten. Die restlichen Programme entlarvt der Software-Experte als pure ‘Abfragesoftware’, die keinen großen Lerneffekt bietet. Aus diesem Grunde müssen die Lernorte Schule und Zuhause im Dialog mit den Eltern verstärkt zusammenwachsen. Nur so kann die schon vorhandene Quantität von Lernprogrammen, die Qualität und die Anforderung von Lernsoftware an die Schule massiv verbessert werden und eine Bereicherung für den Lernenden und das Bildungswesen darstellen.