5 Bestandsaufnahme des Computereinsatzes an deutschen Schulen und in der Freizeit
5.1.1 Analyse des Bildungsplans der Hauptschule unter Berücksichtigung der ITG
5.2 Ist die Schule für Multimedia gerüstet ? - Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software
5.3 PC- Nutzung von Jugendlichen in ihrer Freizeit
In der Bestandsaufnahme möchte ich auf verschiedene Probleme und Befunde hinweisen, mit denen die Bildung derzeit zu kämpfen hat. Aber auch etwaige Lösungsansätze werden dabei genannt, etwa wie man den herrschenden Bildungsnotstand geringfügig verbessern könnte. Die PC-Nutzung von Jugendlichen in ihrer Freizeit wird im letzten Teil dieses Kapitels näher beleuchtet und untersucht. Dabei greife ich auf einzelne aktuelle Studien zurück und vergleiche sie untereinander.
Um Kinder und Jugendliche auf die neuen Anforderungen der Computertechnologie in Beruf und Privatleben vorzubereiten, forderte die Öffentlichkeit schon vor ca. 12 Jahren, daß diese neuen Kompetenzen bereits in der Schule vermittelt werden müßten. „Um Jugendliche auf eine verantwortungsbewußte Nutzung der neuen Technologien vorzubereiten, sollte die allgemeinbildende Schule sie mit der Handhabung von Computern vertraut machen, in ihre Anwendung zur Lösung von Problemen einführen und auf Grenzen des Computereinsatzes hinweisen".
Aus dieser Forderung entwickelte die Bund-Länder-Kommission ein Gesamtkonzept, das ich hier kurz skizzieren möchte.
Die Bund-Länder-Kommission (BLK) für Bildungsplanung und Forschungsförderung hat 1987 die verantwortungsvolle Nutzung der neuen Medien als wichtige Leitvorstellung für die informationstechnische Grundbildung in ihr Konzept aufgenommen.
Folgende Leitziele wurden in einem Katalog für die informationstechnische Grundbildung aufgenommen:
· „Aufarbeitung und Einordnung der individuellen Erfahrungen mit Informationstechniken
· Vermittlung von Grundstrukturen und Grundbegriffen, die für die Informationstechniken von Bedeutung sind
· Einführung in die Handhabung eines Computers und dessen Peripherie
· Vermittlung von Kenntnissen über die Einsatzmöglichkeiten und die Kontrolle von Informationstechniken
· Einführung in die Darstellung von Problemlösungen in algorithmischer Form
· Gewinnung eines Einblicks in die Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung
· Schaffung des Bewußtseins für die sozialen und wirtschaftlichen Wirkungen, die mit der Verbreitung der Mikroelektronik verbunden sind
· Darstellung der Chancen und Risiken von Informationstechniken sowie Aufbau eines rationalen Verhältnisses zu diesen
· Einführung in Probleme des Persönlichkeits- und Datenschutzes"
Diese sogenannten Leitziele der Bund-Länder-Kommission wurden aber nicht in allen Bundesländern gleich konsequent durchgeführt. Es gibt in den verschiedenen Bundesländern erhebliche organisatorische und inhaltliche Unterschiede. So kommt es häufig vor, daß Stundenzahlen, Klassenstufen und Computerausstattung in bezug auf die informationstechnische Grundbildung in den verschiedenen Bundesländern erheblich differieren. In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein ist die Grundbildung nach dem Leitfachmodell organisiert, d.h. die informationstechnische Grundbildung knüpft an vorhandene Fächern an. Dabei wird die Unterrichtsgestaltung schwerpunktmäßig berücksichtigt, indem sie in das Lernangebot integriert wird. Dies sind in erster Linie die Fächer Wirtschaftslehre/ Informatik, Technik, aber auch Mathematik, Deutsch und Physik.
In anderen Bundesländern wird die ITG nach anderen didaktischen Konzepten gelehrt (vgl. Abbildung 20).
Abbildung 20: Didaktische Konzeption der ITG - Aufteilung nach verschiedenen Bundesländern
| Didaktische Konzepte | Bundesländer |
| Leitfachmodell | Baden-Württemberg
Schleswig-Holstein |
| Blockbildung | Berlin
Rheinland-Pfalz |
| Mischform aus Leitfachprinzip
und Projektunterricht |
Bayern
Hessen Saarland |
| Projektunterricht | Nordrhein-Westfalen |
In allen alten Bundesländern ist die informationstechnische Grundbildung nicht als eigenständiges Fach in den Unterricht eingeführt worden, sondern alle Schulfächer wurden an den Informations- und Kommunikationstechnologien beteiligt. Lediglich Sachsen ging einen anderen Weg und konstituierte ein eigenständiges Fach.
Informationstechnische Grundbildung verfolgt nach den Vorstellungen der Kultusminister folgendes Hauptziel: „Die Schüler sollen lernen, verfügbare Medien sinnvoll und verantwortungsbewußt zu nutzen. Ferner sollen sie befähigt werden, sich ein Werteurteil über Medien zu bilden, das sie in ihrem Handeln leitet." Die Umsetzung soll dabei möglichst in allen Schularten und in einer Vielzahl von Fächern erfolgen.
Der Bildungsplan für die Grund- und Hauptschule des Landes Baden-Württemberg ist noch relativ jung (gültig seit dem 1. August 1994). Im Bildungsplan der Grundschule steht weiterhin die Vermittlung der traditionellen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen im Vordergrund, um diese auch als Grundlage für den späteren Umgang mit dem Computer zu besitzen. An den allgemeinbildenden Schulen wird die informationstechnische Grundbildung schwerpunktmäßig in den Klassen 7 bis 9 vermittelt.
Der Erziehungs- und Bildungsauftrag für das Fach Wirtschaftslehre/Informatik sieht folgende Unterrichtsinhalte vor:
„Der Teilbereich Informatik trägt mit der Vermittlung von wesentlichen Elementen der informationstechnischen Grundbildung zur Allgemeinbildung bei. Die Schülerinnen und Schüler lernen den sachgerechten Umgang mit dem Computer sowohl in der Anwendung der Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenbank als auch im Einsatz von Simulations- und Lernprogrammen. Bei der Anwendung des Computers zur Lösung wirtschafts- und gesellschaftsbezogener Aufgabenstellungen setzen sie sich mit Möglichkeiten und Problemen der neuen Technologien im privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Bereich auseinander. [...] In der Abschlußprüfung der Klasse 10 gehört neben der schriftlichen Lösung von Aufgaben auch eine praktische Prüfung am Computer zu den Prüfungsanforderungen."
Auch für das Fach Technik sind folgende Inhalte für den Lehrer verbindlich:
„Entsprechend dem Stellenwert der „Neuen Technologien" im Lebensumfeld der Schüler und Schülerinnen leistet das Fach Technik im Rahmen der Allgemeinbildung seinen Beitrag zur „informationstechnischen Grundbildung" durch Vermittlung von Inhalten aus den Bereichen Zeichnen, Steuern oder Regeln, Fertigen, Messen und Auswerten mit dem Computer." Bei den verbleibenden Fächern wird die ITG im Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht genannt. Hieraus läßt sich jetzt schon schließen, daß die informationstechnische Grundbildung ihren Unterrichtsschwerpunkt in den Fächern Wirtschaftslehre/Informatik und Technik hat.
Im folgenden möchte ich anhand der jeweiligen Jahrgangspläne von Klasse 5 bis Klasse 10 die ITG-Vermittlung in den verschiedenen Schulfächern der Hauptschule näher betrachten.
| Auflistung aller Schulfächer und den dazugehörigen Fächern in der Hauptschule, die einen Bezug zur informationstechnischen Grundbildung besitzen: |
Klasse 5:
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken:
Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Mathematik (LPE 4) | Erster Kontakt mit dem Computer im Unterricht.Einsatz von Lern- und Übungsprogrammen |
Klasse 6:
| Fächerverbindende Themen (Thema 5) | Das Lernen lernen.
Informationsbeschaffung mit dem PC |
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken:
Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Technik (LPE 1) | Einführung in die Handhabung eines Zeichenprogramms (ITG) z.B. Autosketch |
Klasse 7:
| Fächerverbindende Themen (Thema 3) | Medien und Freizeit: Auswirkungen des
Medienkonsums und bewußter Umgang mit Medien |
| Deutsch (LPE 1) | Sprechen, Schreiben, Spielen: Kurze Texte mit dem Computer schreiben und mit dem Rechtschreibprüfprogramm korrigieren. |
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken: Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Technik (LPE 2) | Steuern und Regeln: Steuerung mit dem Computer. Erstellen eines einfachen Programms. |
| Wirtschaftslehre/Informatik (LPE 3) | Arbeiten am Computer: Einführung in die Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Kriterien für sinnvollen Computereinsatz.Urheberrecht bei Software. [Grundkenntnisse im Hard- und Softwarebereich] [Kriterien bei der Anschaffung eines PCs] |
Klasse 8:
| Deutsch (ARB 1) | Sprechen, Schreiben, Spielen: Texte schreiben und gestalten (Brief, Lebenslauf, Referat...) Rechtschreibprüfprogramm und Rechtschreibtrainingsprogramme. |
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken: Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Mathematik
(LPE 1) |
Sachrechnen: Tabellenkalkulation am Computer |
| Technik (LPE 2 und LPE 3) | Technisierung und Rationalisierung prägen unser Leben: Stück- und Materialliste mit dem Computer erstellen.Steuerung mit dem Computer entwickeln [Raumplanung mit dem Computer] |
| Wirtschaftslehre/Informatik
(LPE 4) |
Einsatz des Computers zur Bearbeitung und Darstellung wirtschaftskundlicher Sachverhalte und Aufgaben: Weiterführung der Textverarbeitung, Tabellenkalkulation / Datenschutz |
Klasse 9:
| Deutsch
(ARB 1) |
Sprechen, Schreiben, Spielen: Texte schreiben und gestalten und Textbausteine mischen. Texte, Briefe, Protokolle... schreiben und gestalten; Thesaurus verwenden |
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken: Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Technik (LPE 1, 2 und 4) | Technisches Zeichnen mit dem PC Erstellung eines Schaltplans mit einem Zeichenprogramm[Bau eines computergesteuerten Modells] |
| Physik (LPE 4) | Messen und Auswerten mit dem ComputerComputer als Werkzeug |
Klasse 10:
| Fächerverbindende Themen (Thema 2) | Elektronik in Theorie und Praxis: Auswirkungen der Mikroelektronik auf die Wirtschafts- und Arbeitswelt sowie Gesellschaft. |
| Englisch | Lern- und Arbeitstechniken: Üben mit Hilfe technischer Medien (PC) |
| Mathematik (LPE 1 und 3) | Sachrechnen und Statistik : Statistisches Zahlenmaterial mit dem Computer auswerten und veranschaulichen.Potenzen und Wurzeln: Prozentuales Wachstum am Computer berechnen und darstellen |
| Technik (LPE 1, 2, 3) | Teilzeichnung mit Hilfe des Computers anfertigen. Computergesteuerten Arbeitsgang ausführen. Computereinsatz zur Meßerfassung.Platinenlayout und Stückliste mit entsprechenden Computerprogramm erstellen.Auswirkungen der Mikroelektronik erörtern. |
| Wirtschaftslehre/Informatik
(LPE 3 und 4) |
Darstellung und Lösung wirtschaftlicher Aufgabenstellungen mit dem Computer: Erstellen von Diagrammen mit der Tabellenkalkulation. Erstellen von Datenbanken. Auswirkungen der Mikroelektronik auf die Wirtschafts- und Arbeitswelt und die Gesellschaft. |
| Physik (LPE 4 und 5) | Kraft und Bewegung: Der Computer wird beim Weg-Zeit-Gesetz zum Messen, Auswerten und Darstellen benutzt.Begegnung mit neuen Technologien:Telekommunikation, Informationsverarbeitung, Messen und Auswerten mit dem Computer. |
Die Inhalte der informationstechnischen Grundbildung sind in der neunten Klasse gleichmäßig verteilt, so daß die Schüler langsam damit aufwachsen und der Umgang mit dem Computer Teil ihrer Lebenswelt wird. Das Fach Wirtschaftslehre/Informatik nimmt bei der ITG-Vermittlung in der Hauptschule sowohl inhaltlich als auch zeitlich gesehen den Hauptanteil für sich in Anspruch. Allerdings wird auch im Fach Technik mehrmals auf die ITG verwiesen, besonders wenn es sich um den Umgang mit einem Zeichenprogramm und kleinere Steuerungs- und Regelungstechniken handelt. Ferner sind die Fächer Mathematik und Deutsch an der ITG beteiligt. In Mathematik erlangen die Schüler bereits in der fünften Klasse erstmals Erfahrungen mit dem Computer.
Besonders die Tabellenkalkulation am Computer und dessen Darstellungsmöglichkeiten sind im Lehrplan stark verankert. Im Fach Deutsch wird besonders der Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm gelehrt. Für die Fächer Physik und Englisch spricht der Lehrplan bezüglich der ITG nur Empfehlungen aus, deren Verwirklichung im Unterricht für den Lehrer nicht verbindlich ist.
Diese Darstellung zeigt deutlich, daß einige Fächer an der informationstechnischen Grundbildung nicht im geringsten beteiligt sind, obwohl sich in nahezu allen Fächern - mit Ausnahme von Sport - die ITG-Vermittlung anbieten würde und auch realisierbar wäre. Im Fach Kunst könnte man neue Möglichkeiten der Bild- und Videogestaltung durch den Einbezug grafikfähiger Computer im Unterricht aufzeigen. Mit Hilfe von Computersimulation im Biologie, Chemie- und Erdkundeunterricht lassen sich komplexe Zusammenhänge leichter nachvollziehen. Aber auch in den anderen Fächern Religion, Musik, Geschichte/Gemeinschaftskunde und Textiles Werken/Hauswirtschaft könnte man ITG-Aspekte mit einfließen lassen.
Bei näherer Betrachtung der Richtstundenzahl für die ITG-Vermittlung (Klasse 5-9) stellt man schnell fest, daß die Schüler eine insgesamt sechsstündige Einführung im Umgang mit dem Computer bekommen. Für die Einführung in Textverarbeitung und Tabellenkalkulation sind nochmals 30 Schulstunden veranschlagt. Für die restlichen Lehrplaneinheiten sind keine konkreten Richtstunden vorgegeben, so daß es im Ermessen des jeweiligen Fachlehrers liegt, wieviel Zeit er tatsächlich in die Weiterführung der ITG-Aspekte legt.
Die informationstechnische Grundbildung ist an der Hauptschule stark technik- und anwendungsbezogen, weil die Vermittlung an Leitfächer gekoppelt ist. Soziale Aspekte wie die schulische Problematisierung von Technik und Computer erfolgen erst in der 10. Klasse. Schüler, die nach der 9. Klasse eine Ausbildung anstreben, haben bis dahin kein Wissen über die Vernetzung (Datenautobahn) und dessen Auswirkungen vermittelt bekommen. Sie lernen nicht, wie man Zugang zu Informationen und Wissen über das Internet bekommt. Dadurch können sie die Chancen und Risiken der Informationstechniken nicht abschätzen und verstehen. Ergänzend dazu bietet der Einsatz des Internets an den Schulen den Vorteil, Unterricht neu und interessanter zu gestalten.
Das Arbeiten mit dem Computer - besonders in Datennetzen - erfordert neue konstituiert schulische Lernformen. Der Projektunterricht bietet sich besonders für die Eingliederung des Computers in den Unterricht an, weil er ein ganzheitliches Lernen fördert und nicht an bestimmte Leitfächer gekoppelt ist. Insofern müssen im Bildungsplan mehr verbindliche Lehrplaneinheiten für projektorientierten Computereinsatz geschaffen werden, um Komplexität und Zusammenhänge im Unterricht besser herausarbeiten zu können.
Um einen sinnvollen ITG-Unterricht zu gestalten, der sich mehr auf die Vorbereitung der Schüler in ihre Lebensbereiche stützt, müssen kurzfristig veränderte Anforderungen im Bildungsplan berücksichtigt sein. Natürlich kann ein Lehrplan nicht von heute auf morgen geändert werden, es bedarf einer gewissenhaften Planung.
Dennoch kann es sich die „Schule der Zukunft" nicht erlauben, in einer immer schnellebigeren, informations- und kommunikationstechnischen Zeit auf gesellschaftliche Veränderungen nicht oder nur passiv zu reagieren. Auffallend an deutschen Schulen ist, daß der Bildungsplan Kindern bis zum 14. Lebensjahr nichts anbietet, was in irgendeiner Form den Umgang mit Computern beinhaltet, obwohl Metaanalysen über die Lernwirksamkeit gerade bei dieser Altersgruppe die größten Erfolge aufweisen.
Seit dem Schuljahr 1995/96 läuft an zwölf beteiligten Grundschulen in Baden-Württemberg ein Modellversuch. Hierbei wird untersucht, wie multimediale Lernumgebungen situationsorientiert, fächerübergreifend und kindgerecht eingesetzt werden können.
Videobeispiel: Multimediales
Lernen in der Grundschule (Teil 1)
Aus: Kinder + Medien (1997): Vom Spiel zur Lernmaschine. (Südwest 3), 30.06.97, 10:30-11:00
Videobeispiel: Multimediales
Lernen in der Grundschule (Teil 2)
Aus: Multimedia 97 (1997): Bericht von der Multimediamesse in Stuttgart. (Südwest 3), 04.05.97, 16:00-16:30
Bisher setzen nur engagierte Lehrer und Schulen ohne feste Lernstrukturen - also kein starrer Stundenplan und fächerverbindendes Lernen - den Computer im Grundschulunterricht ein. Dabei findet ein themenbezogener Unterricht statt, der sich inhaltlich und zeitlich stark am Lernfortschritt der Schüler orientiert. Die Bildungseinrichtung muß schnell auf Veränderungen reagieren, um ihr Bildungsmonopol auch in Zukunft aufrecht erhalten zu können.
Auf Grund der Tatsache, daß die Kultur- und Bildungshoheit Ländersache ist, kann jedes Bundesland selbst seine Finanzausgaben regeln. Dabei kann es schon einmal vorkommen, daß die Computerausstattung von Bundesland zu Bundesland stark differiert. Über 90 % aller Gymnasien, Real- und Gesamtschulen sind mit durchschnittlich etwa 5 bis 12 Computerarbeitsplätzen ausgestattet. Quantitativ ist dies ein sehr erfreulicher Wert, jedoch ist diese Zahl in keinster Weise aussagekräftig bezüglich der Arbeitsmöglichkeiten. Solche Ausstattungen sind meist älterer Bauart und nur sehr wenige Computer sind multimediafähig. Infolgedessen können diese Geräte die gegenwärtig angebotene Software nicht mehr verarbeiten und darstellen, weil ihnen die benötigte Rechengeschwindigkeit, der erforderliche Arbeitsspeicher oder das CD-ROM-Laufwerk zum Abspielen der Silberscheiben fehlt. Von allen bayrischen Schulen verfügten im Juli 1995 lediglich 115 PCs über ein CD-ROM-Laufwerk. Erfahrungsgemäß sind diese Abspielgeräte nicht für die Schüler zugänglich, weil sie meist im Lehrerzimmer aufgestellt sind. Die Hardware-Ausstattung an deutschen Schulen ermöglicht es lediglich zwei Prozent der Schüler, regelmäßig am Computer zu arbeiten. Neben dem Hardwaremangel gibt es an deutschen Schulen kaum Lernsoftware.
Die normale Ausstattung einer gewöhnlichen Gesamtschule bestätigt diese Zahlen. „Hier steht für circa 100 Lehrer und 1000 Schüler ein zentraler Computerraum mit zwölf 286er-PCs (Monochrombildschirme) zur Verfügung. Die PCs werden stundenweise vom Fach ITG (Informationstechnische Grundbildung) genutzt. Eine alltägliche Integration des Computers in den Fachunterricht anderer Fächer, wie zum Beispiel Mathematik, Biologie, Kunst, Englisch oder Deutsch findet nicht statt, beziehungsweise ist nicht möglich".
An den 657 Berliner Schulen stehen etwa 5000 Rechner, rund die Hälfte ist in lokale Netzwerke eingebunden. Auf eine Schule kommen umgerechnet 7,6 PCs, die technisch niemals auf dem neuesten Stand sind. „Eine komplette Neuausstattung aller Berliner Schulen mit leistungsfähigen Multimedia-PCs würde annähernd 120 Millionen DM kosten, ein Betrag, der in der augenblicklichen Finanzsituation des Landes nicht aufzubringen wäre" .
„Die deutschen Schulen sind noch nicht fit für die Anforderungen der Zukunft" , beklagt der Bundesforschungsminister Rüttgers (CDU). In einer vom Ministerium in Auftrag gegebenen Studie heißt es, daß [...] "die Wirklichkeit an unseren Schulen noch nicht Schritt hält mit dem Tempo der technologischen Entwicklung." Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß knapp zwei Drittel der Lehrer in der Sekundarstufe I im Unterricht den Computer selten oder nie einsetzen. Im Verhältnis dazu sind es gerade einmal fünf Prozent der Lehrer und Schüler, die regelmäßig im Unterricht den Computer nutzen. Aus der Studie geht auch hervor, daß Lehrer und Schüler offen den Veränderungen im Bildungsbereich gegenüberstehen und ihren Beruf gern ausüben. Rolf Wernstedt (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz, kritisiert die Studie und wirft dem Minister Jürgen Rüttgers vor, seine Angaben entsprächen nicht der Realität. Er dagegen spricht von einer Computerausstattung in der Sekundarstufe II von 80-90 Prozent.
Hier prallen zwei ungleiche Positionen und vor allem unterschiedliche Interessen aufeinander. Auf der einen Seite möchte Zukunftsminister Jürgen Rüttgers mit seiner Initiative „Schulen ans Netz" ein Imagegewinn erzielen - machte er sich doch um die Jugend und den Standort Deutschland gleichermaßen verdient. Daneben bietet sich dieses Projekt hervorragend als PR-Aktion für die Telekom und andere teilnehmende Sponsoren an. Unterdessen wird gleichzeitig das Ziel der größeren Computerfirmen angestrebt, sich einen neuen Absatzmarkt im Bildungsbereich zu erschließen und für die Zukunft zu sichern.
Auf der anderen Seite steht der Kultusminister von Niedersachsen, Rolf Wernstedt, der es aufgrund der finanziell desolaten Lage bei den Ländern und Kommunen seinerseits nicht vertreten kann, die Schulen mit den neuesten Rechnern auszustatten.
Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie hat folgende Kalkulation aufgestellt: „Alle rund 8,7 Millionen Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe mit einem Computerplatz auszustatten, würde den Staat mehr als 17 Milliarden Mark kosten. Die Grundschüler hinzugezählt, würden noch einmal 7,2 Milliarden hinzukommen." Hierbei wurden 2000 Mark für einen Computerplatz berechnet. Servicekosten und die anfallenden Telefongebühren sind in der Kostenrechnung des Bundesministeriums nicht enthalten.
Wenn man diese Aufwendungen den laufenden Kosten von 80 Milliarden Mark (1994) für das gesamte Schulsystem gegenüberstellt, so würde die komplette Computerausstattung 30 Prozent des gesamten jährlichen Bildungsetats verschlingen.
Andere Schätzungen gehen davon aus, daß die Grundausstattung der allgemeinen Schulen mit Multimedia-Arbeitsplätzen zwischen sieben und 20 Milliarden Mark betragen würden. Der Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie (ZVEI) beziffert die Investitionen, welche die öffentliche Hand bundesweit ausgeben müßte, um Schulen mit der erforderlichen Computertechnik auszustatten, auf jährlich 1,4 Milliarden Mark.
Nur eine kleine Zahl von Bildungseinrichtungen ist in Deutschland gut bis sehr gut ausgestattet, häufig handelt es sich dabei um Schulen, die im Rahmen eines Modellversuches vom Bund oder Land gefördert werden oder von Sponsoren finanziell unterstützt werden. 1994/95 verfügten lediglich 300 von etwa 35 000 allgemeinbildenden Schulen über eine multimediale Computerausstattung mit Zugang zu einem Netzwerk.
Entsprechend einer OECD - Studie lernten 1995 nur 40 % der Jugendlichen in Deutschland den Umgang mit dem PC in der Schule - in den neuen Bundesländern war es jeder zweite. In den USA dagegen nutzten 1993 bereits 61% der 50 Millionen amerikanischen Schüler den PC im Unterricht.

Aus: Topthema (Ulli Becker) (1997): Infomagazin. (SWF3), 28.04.97, 1740-1750
Der Vorsprung der USA hinsichtlich der Computerausstattung basiert auf zwei Merkmalen:
1. In den USA wird die Hard- und Softwareausstattung zu 50 Prozent von der Wirtschaft übernommen.
2. Der damit verbundene Einfluß der Firmen auf die Bildungseinrichtung wird von den amerikanischen Schulen akzeptiert.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es insgesamt etwa 43 000 öffentliche deutsche Schulen. Von den sieben Millionen westdeutschen Schülern müssen sie sich gemeinsam 110 000 PCs teilen. Das heißt, 63 Schüler teilen sich im Durchschnitt einen Schulcomputer - in den neuen Bundesländern sieht es noch schlechter aus (vgl. Abb. 21 ).
Abbildung 21:
| Computerausstattung an Schulen Vergleich von Deutschland und Kanada (Stand 1995) |
| Deutschland | Kanada | |
| Schüler je PC* |
63 |
15 bis 20 |
| PCs je 100 Schüler |
1,6 |
5 bis 6 |
| Schulen mit Internetanschluß |
331 |
4000 |
| Schulen mit Internetanschluß
(relativ) |
0,9% |
25% |
| Offizielle Deadline, Anschluß aller Schulen,
Hochschulen und Bibliotheken an das Internet |
keine |
1998 |
* Nur alte Bundesländer
Das Europäische Medieninstitut hat in einer Studie aus dem Jahr 1995 die Computerausstattung in europäischen Ländern verglichen und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß in kaum einem anderen Industrieland die Schulen schlechter mit Computern und Internet-Zugängen ausgestattet sind als in Deutschland. In Westdeutschland teilten sich 1995 63 Schüler einen PC. In Frankreich sind es nur 30 Schüler, die sich einem PC teilen müssen. In Großbritannien sind es je nach Schulstufen 10 bis 18 Jugendliche. Schweden nimmt mit 7,7 Schülern die Spitzenposition noch vor der USA mit 9 Schülern ein. (s. Abb. 22)
Abbildung 22:

Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in Baden-Baden hat in einer aktuellen Telefonbefragung (1997) das Computerverhalten von 12 bis 17jährigen Schülern näher analysiert.
Hierbei wurden 800 Schüler aus dem Raum Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz befragt. Bei einer IBM-Jugendstudie aus dem Jahre 1995 (Mai) wurden 2400 14- bis 24jährige Bundesbürger ebenfalls zu ihren PC-Nutzungsgewohnheiten befragt. Damals nutzten 30 Prozent der Befragten den Computer mehrmals pro Woche. Gegenwärtig sind es nach der aktuellen Telefonbefragung 16 Prozent mehr. Andeutungsweise läßt sich daraus schließen, daß sich innerhalb zwei Jahren der Umgang mit dem neuen Medium erheblich gesteigert hat. 46 Prozent aller 800 Befragten beschäftigen sich mehrmals pro Woche mit dem Medium Computer. Hieraus läßt sich schon ersehen, daß der Computer bei Jugendlichen bereits fest in ihrer Alltagswelt verankert ist.
PC-Nutzungsdauer bei Jugendlichen:
Die durchschnittliche PC-Nutzungsdauer beträgt bei den Jugendlichen pro Tag ca. 94 Minuten. Wenn man beide Geschlechter voneinander getrennt betrachtet, so liegt die Nutzungsdauer der männlichen Befragten bei 103 Minuten. Bei den weiblichen Befragten beträgt der Umgang mit dem Computer 17 Minuten weniger. Bemerkenswert ist, daß mit steigendem Alter die Computernutzung um bis zu 27 Minuten zunimmt (Abbildung 23).
Eine repräsentative Befragung des Instituts für Jugendforschung (IJF) ergab, daß sich Kinder im Alter von sechs bis siebzehn Jahren häufig mit Lernsoftware beschäftigen. Es handelt sich meist um Programme für den schulischen Bereich, um Nachschlagewerke oder Lexika. Die Kinder arbeiten mit den Lernprogrammen im Durchschnitt etwa 56 Minuten pro Woche am Computer. Dies entspricht aber nur knappen 12 Prozent. Die restliche Zeit (434 Minuten pro Woche) wird hauptsächlich für Spiel und Freizeit aufgewendet.
Abbildung 23:

Tätigkeitsbereiche am Computer:
37 Prozent aller Jungen haben den Computer als Lieblingsfreizeitbeschäftigung für sich entdeckt. Bei den Jugendlichen steht das Computerspielen noch immer auf Rang 1, befragt man sie nach den Tätigkeiten am Computer (91 Prozent). Computerspiele werden von der Hälfte der Befragten mehrmals in der Woche gespielt.
Aber der Computer wird neben dem häufigen Spielkonsum auch für weitere Anwendungen genutzt. Viele haben ihn als Arbeits- und Lernwerkzeug entdeckt. Neben herkömmlichen Textverarbeitungs- und Malprogrammen stoßen verstärkt Lernprogramme auf große Resonanz vieler Jugendlicher. Jeder fünfte beschäftigt sich mehrmals pro Woche mit sog. Edutainment-Programmen. Online-Dienste werden von den Jugendlichen bisher kaum genutzt; nur 16 Prozent können in den „Genuß" des Internetsurfens kommen. Wahrscheinlichen schrecken die hohen Telefon- und Providerkosten viele Eltern ab. Außerdem muß der PC noch zusätzlich mit einem Modem ausgestattet sein und man muß berücksichtigen, daß diese Online-Dienste noch relativ neu sind (vgl. Abbildung 24).
Abbildung 24:

Auch die repräsentative IBM- Jugendstudie aus dem Jahr 1995 hat 2402 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren nach ihrem Computerverhalten untersucht. Außergewöhnlich ist hierbei, daß 61% der Befragten Textverarbeitung noch vor dem Spielen (58 Prozent) am PC ausüben (vgl. Abbildung 24). Dies liegt höchstwahrscheinlich daran, daß die untersuchten Personen bei der IBM-Studie im Vergleich zur Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest eine höhere Altersstruktur aufweisen. Mit zunehmendem Alter wenden sich die Computernutzer verstärkt der Textverarbeitung zu, als sich mit Computerspielen die Zeit zu vertreiben.
Abbildung 25:

Ansprechpartner bei Computerfragen:
Bei Fragen, die sich rund um das Thema Computer drehen, wird von den Jugendlichen hauptsächlich Rat bei Freunden und Gleichaltrigen gesucht. Aber auch Verwandte, Bekannte, Eltern und sogar Lehrer werden gern von den Teenies als Gesprächspartner in Betracht gezogen. Hier wird deutlich, daß Schüler hinsichtlich Fragen und Lerninhalten zum Thema Computer stark motiviert sind. Gerade deswegen muß der Lehrer auch an seinem Unterrichtskonzept ansetzen, um die Motivation einzelner Schüler im Unterricht ausnutzen zu können (vgl. Abbildung 26).
Abbildung 26:

Motive für die PC-Nutzung bei Jugendlichen:
Für 71 Prozent der Jugendlichen steht der Spaß am „Computern" im Vordergrund. 56 Prozent vertreibt sich die Zeit mit Computerspielen und 47 Prozent verspricht sich im Umgang mit dem Computer Vorteile in der Schule. „Dabei werden Computer an verschiedenen Orten genutzt, überwiegend zu Hause oder bei Freunden, aber auch in der Schule. Büchereien, Jugendeinrichtungen oder Internetcafés spielen als Nutzungsorte derzeit noch eine untergeordnete Rolle."