Das Berufsausbildungssystem in Bulgarien
Vergleich mit anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks vor dem Hintergrund des dualen Systems

Allgemeines

„Die isolierte Betrachtung der Bildungs-, Erziehungs- oder Berufsbildungsprobleme eines Landes oder Volkes gehört heute der Vergangenheit an." 1 Die vergleichenden Studien verschiedener Berufsbildungssysteme sind dagegen sehr hilfreich, da sie eine breite Skala von gemeinsamen Aufgaben und Problemen aufzeigen können und, was für die Zukunft noch entscheidender ist, ähnliche Lösungen und Lösungsversuche zur Verfügung stellen können.2

Die Berufsausbildung in Bulgarien und den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks kann man dem Modell 2 der Grundtypen beruflicher Qualifikation, von W.-D. Greinert beschrieben, zuordnen. Es ist kein Marktmodell, da der Staat die Berufsbildung plant, organisiert und kontrolliert. 3 Führende Institution im Land ist das Bildungsministerium, das in bestimmten Fällen zusammen mit dem Ministerium der jeweiligen Berufsbranche die Aufgaben bestimmt und die Probleme löst. So gehören zu den Aufgaben z.B.: Ausbildungsplätze für jede Berufsschule, die Lehrpläne und Unterrichtsstunden für jedes Fach, die Unterrichtsmethoden und Mittel usw.. Ein Zeichen dieses Modells ist auch die Finanzierung, die hauptsächlich vom Staat übernommen wird. Die Bildungssysteme kann man in den meisten Ländern nicht im Sinne des dualen Systems betrachten, da der Ausbildungsort „Betrieb" nur teilweise vertreten ist.

Die DDR im Vergleich mit der BRD und den anderen Ländern des Ostblocks

Eine Ausnahme in dieser Richtung war die ehemalige DDR, die sich am meisten an das duale System annähert. Die Wahl eines Berufes richtete sich nach dem Bedarf an Facharbeitern und nach den zur Verfügung stehenden Lehrstellen. Jeder Schüler konnte sich selber den Betrieb, wo er seine berufliche Ausbildung absolvieren wollte, aussuchen. Schon ca.9 Monate vor Beginn der beruflichen Ausbildung wurde einen Vertrag zwischen Schüler und Betrieb abgeschlossen, wie es auch heutzutage in der BRD praktiziert wird, und dies war die erste arbeitsrechtliche Vereinbarung im Leben der Jugendlichen. 4 Der Betrieb besaß die Ausbildungsberechtigung und beteiligte sich ganz aktiv an dem Prozeß der Lehre. Für die Betreuung der Jugendlichen im Ausbildungsort „Betrieb" waren Instruktoren vorgesehen (die jetzigen Vorarbeiter) mit großen Erfahrungen, Kenntnissen und Fähigkeiten und besonderer Sorgfalt den Auszubildenden gegenüber. Der Ausbildungsort „Betrieb" in der ehemaligen DDR spielte eine bedeutende Rolle in der produktiven Arbeit der Jugendlichen und auch bei der Ausstattung der damaligen Berufsschule mit der allermodernsten Technik. Ein Beweis dafür sind die Erfahrungen des Zeitabschnittes 1982-1985. Es wurden Fächer wie Mikroelektronik, Robotertechnik, Maschinenbau u.a. eingeführt, die nicht nur von Berufsschullehrern unterrichtet wurden, sondern auch von erfahrenen Spezialisten aus den Betrieben. Im Unterricht wurden reale Ausrüstungen verwendet. In den Betrieben waren verschiedene spezielle Räume, Abteilungen und polytechnische Zentren vorgesehen, wo die Schüler alle möglichen interessanten Experimente durchführen durften. Alle Betriebe waren verpflichtet, die Organisation der Produktionsprozesse der Schüler zu unterstützen. Das war Teil der Betriebsplanung.5

Der Ausbildungsort „Betrieb" in der DDR ist vergleichbar mit den sogenannten „Basisbetrieben" in den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks. In den „Basisbetrieben" verbrachten die Jugendlichen im Gegensatz zu ihren Altersgefährten in der DDR einen vom Bildungsministerium vorgesehenen, nur begrenzten Zeitabschnitt. Außerdem wurde ein Arbeitsvertrag zwischen Berufsschule und den „Basisbetrieben" geschlossen, statt zwischen Schüler und Betrieb. Dieses Verhältnis wirkte sich negativ auf das Verantwortungsbewußtsein beider Seiten aus sowie auf die Qualität und Quantität der Schülerproduktion. Nicht selten bekamen die Schüler nicht ihrem Beruf entsprechende Arbeit sondern Hilfsarbeiten wie sortieren, verpacken, transportieren, putzen, abschreiben usw. oder blieben nur Beobachter.

Auch sollte nicht übersehen werden, daß für die Auszubildenden der ehemaligen DDR eine Bezahlung vorgesehen wurde in Höhe von ca. ½ bis ¾ des Minimaleinkommens im Land, was sehr stark die Arbeitsmotivation steigerte. In den anderen Ländern war diese Bezahlung eher symbolisch, nach staatlichen Normen für Praktikanten, und begrenzt auf die Zeit des Aufenthaltes der Auszubildenden im Betrieb selbst, also kurzfristig und nur zeitweise. So betrug der Lohn z.B. für Bulgarien in den 70er und 80er Jahren für jeden Praktikanten 1,20 Lewa, umgerechnet waren das 0,60 DM bis 1,20 DM pro Tag.6

Ähnlich bekamen die Jugendlichen in Polen z.B. nur einen Lohn während des einjährigen Vorbereitungspraktikums, einer Besonderheit des polnischen Berufsausbildungssystems.7 In der CSSR hatten die Jugendlichen im letzten Ausbildungsjahr ein 4-monatiges Praktikum in den Betrieben. In dieser Zeit bekamen sie unter Berücksichtigung der Arbeitsleistung, auf Basis des gültigen Tarifs zwischen 60% bis 100% des Facharbeiterlohnes.8

Im Schuljahr 1970/1971 wurde das Berufsbildungssystem in der DDR umgestellt mit dem erklärten Ziel, den Jugendlichen außer breiter fachlicher Kompetenz, Fertigkeit und Fähigkeit auch hohe Allgemeinbildung zu vermitteln.9 Die Vorbereitung auf das Berufsleben war sehr erfolgreich, so daß der Absolvent sofort voll eingesetzt werden konnte. Für die Absolventen der Berufsschulen in der DDR war ein Hochschulstudium nicht so attraktiv wie dies z.B. in Bulgarien oder in der UdSSR der Fall war. So wurde z.B. nach einer bulgarischen Untersuchung festgestellt, daß über 50% aller Mädchen , die eine technische Berufsschule absolvieren, diese Art von Schule nur deshalb ausgewählt haben, weil ihnen dies die Möglichkeit eröffnete, ihre Bildung auf einer Hochschule fortsetzen können.10 Im Gegensatz dazu wollten in der BRD z.B. im Jahre 1985 von 100 Personen, die ihre Berufsbildung abgeschlossen hatten nur 13 ihre Bildung zu einem höheren Abschluß bringen.11

Starken Einfluß in dieser Richtung haben die Familie, die Traditionen, die Denkweise, Lebensart u.a.

In der Literatur und in den Fachkreisen wurden die Erfahrungen mit der Berufsausbildung der DDR und auch die ausgebildeten Kräfte als sehr gut bezeichnet. Natürlich ist die vielseitige Hilfe der „alten" BRD in dem wirtschaftlichen Leben der DDR nicht zu übersehen. Das führte die DDR in vieler Hinsicht an die erste Stelle der Länder des Ostblocks. Es war nicht selten, daß sie als „Schaufenster des Ostblocks" bezeichnet wurde.

Tabelle 1: Vergleich der Berufsbildungssysteme DDR-BRD

Kennzeichen der Berufsausbildung

DDR

BRD

Steuerung

Zentralisiert von dem Bildungsministerium, nach Richtlinien der UdSSR, bürokratisiert

Dezentralisiert, das Bildungsministerium gibt nur die Richtlinien, entbürokratisiert

Bezahlung der
Schüler

ca. ½ bis ¾ des Minimaleinkommens

ca. ¾ des Minimaleinkommens 12

Ausbildungsort

Betrieb

spielt wesentliche Rolle, annähernd dem dualen System

duales System

Betreuer im Betrieb

Instruktor

Ausbilder

Theoretische
Ausbildung

hoch ideologisiert,
Stunden im Gleichgewicht mit der Praxis


nicht ideologisiert

Praktische Ausbildung

modern und praxis-
orientiert

dito, spielt hier
eine führende Rolle

Ausbildungsplätze

gemäß dem Bedarf, sind vom Staat geplant

Dito, arbeitsmarkt-
orientiert


Organisation

Blockunterricht, 3 bis 4 Tage im Betrieb,
1 bis 2 Tage in der Berufsschule
13

Dito oder abwechselnd wochenweise im Betrieb und wochenweise in der Berufsschule

Ausbildungsdauer

2 Jahre

2 bis 3 Jahre

Arbeitsvertrag

Schüler - Berufsschule

dito

Kennzeichen der Berufsausbildung

DDR

BRD

Berufsorientierung

ab der 4. Klasse,
gezielt
14

etwas später, aber sehr intensiv

Prinzip der polytechnischen Bildung

seit 1958
vorhanden
15

nicht vorhanden

spätere Ausübung des erlernten Berufes

Fast bis 100%

über 55 % 16

Arten von
Berufsschulen

begrenzt

zahlreiche Formen


Beteiligung an den Berufsschulen

Der Staat und
einige
Betriebe

Private Firmen,
Betriebe, Handwerkskammer, Gewerkschaften der Staat u.a.

 

Vergleichende Analyse:

Die Berufsbildung in der ehemaligen DDR kann man als staatlich gesteuertes Modell bezeichnen, eingebettet in die staatliche Planwirtschaft.

Das Berufsbildungssystem der BRD ist dual, d.h. es gibt einen privaten Ausbildungsmarkt und staatliche Rahmenvorgaben.

Die Rolle des Ausbildungsorts Betrieb in den beiden Ländern ist dominant und führt zu sehr guten Ergebnissen in der Vorbereitung von Fachkräften auf allen Gebieten der Wirtschaft, Technik, Landwirtschaft usw.. Es ist praxisorientiert.

Die Ausbildungsbeihilfe für die Auszubildenden während der ganzen beruflichen Ausbildung bewirkt in beiden Ländern eine große Arbeitsmotivation.

Der Arbeitsvertrag zwischen Auszubildenden und Betrieb ist von großer Bedeutung nicht nur in Bezug auf Engagement und Verantwortung dem Betrieb gegenüber, sondern auch für das Ausbildungsziel.

Die Berufsbildung im Sinne von Teilqualifikationen wird wegen der hohen Ansprüche und Intellektualisierung der Berufe in Zukunft immer mehr abnehmen.

 

Vergleich der Berufsausbildung einiger ausgewählter Länder des Ostblocks

Bei dem folgenden Vergleich werden erst die gemeinsamen Elemente der Berufsbildung in den verschiedenen Ostblockländern nach bestimmten Kriterien dargestellt; danach werden einige unterscheidende Besonderheiten umrissen. Zu der vergleichende Studie gehören die Länder: Bulgarien(VRB), Sowjetunion (UdSSR), Rumänien (VRR), Tschechoslowakei (CSSR), Polen (VRP) und Ungarn (UVR). Durch die vergleichende Analyse wird versucht, Anhaltspunkte für die Vorschläge für eine zukünftige Reform zu gewinnen.

Kriterium 1: Typische Einflüsse des historischen Moments

In allen Ländern wurde mit Hilfe der UdSSR nach dem zweiten Weltkrieg der Sozialismus durchgesetzt. In den meisten Ländern, die bislang als Agrarländer bekannt waren, wurde die Wirtschaft auf breiter Front in Richtung Industrialisierung umgestellt. Die Handwerksberufe wichen allmählich immer mehr neuen Branchen wie Metallurgie, Elektrotechnik (später Elektronik, Kybernetik), Maschinenbau, Bergbau u.a.. Länder mit wenig Rohstoffen wie z.B. Bulgarien und Ungarn konnten sich nur mit Hilfe der anderen Länder, vorwiegend der UdSSR, in dieser Richtung weiterentwickeln. Der Warenaustausch wurde nach dem offiziellen Rubelkurs verrechnet. In den meisten Ländern war auch die Militärindustrie vertreten. Genaue Informationen über diese Produktion fehlt.

So entstanden, der neuen wirtschaftlichen und politischen Situation entsprechend, auch neue Berufsschulen mit den jeweiligen Branchen in jedem Land. Typisch für alle Ostblockstaaten sind die vielen Reformen, die in der Bildung durchgeführt wurden, besonders der 70er und 80er Jahre. Die Anordnungen von oben irritierten sehr oft, blockierten manchmal das ganze System und führten nicht selten zum Mißerfolg.

Kriterium 2: Verwaltung der Berufsschule

Die Direktion aller Arten von Schulen bestand aus ausgewählten Personen, die nach dem politischen Prinzip eingesetzt wurden. Hier machte die Berufsschule keine Ausnahme. Nicht selten kamen Schuldirektoren aus irgendeinem administrativen Sektor und hatten bislang nicht eine einzige Unterrichtsstunde hinter sich. Das wirkte natürlich negativ auf die Entwicklung der Berufsschule.

Abbildung 1: Organigramm der Berufsschule

Dieses Organigramm steht auch für die Verwaltungsform anderer, allgemeinbildender Schulen; der Zweig Produktion/Praktikum ist allerdings nur in Berufsschulen vorhanden. Außerdem ist zu bemerken, daß das Personal der Berufsschule eine eher technisch - pädagogische Ausbildung absolviert hat. Später wurden in den größeren Berufsschulen folgende Berufspersonen erkennbar: der Schulpsychologe, der Konstrukteur, die Meister in jeder Schulwerkstatt, der Technologe, der Organisator der Produktion, der Pförtner u.a.. 17 So kann man die Verwaltung noch präziser differenzieren.

Der Direktor:

Er ist für die gesamte Arbeit der Schule verantwortlich, koordiniert die Arbeit zwischen Bildungsministerium und Berufsschule einerseits, zwischen Basisbetrieb(en) und Berufsschule andererseits. Er ist auch für die Verteilung der Stundenzahl der einzelnen Lehrer zuständig, führt den pädagogischen Rat und die Öffentlichkeitsarbeit. Gewöhnlich ist dieser Direktor Diplom-Ingenieur, bzw. hat einen technischen Hochschulabschluß.

Abbildung 2:Organigramm der kleinen Berufsschule bis ca. 500 Schüler

Der stellvertretende Direktor für Theorie (allgemeinbildende Fächer):

Er ist für die Schuldokumentation, die Lehrpläne und die Weiterbildung der Lehrer in dem jeweiligen Zweig zuständig. Er kontrolliert die Arbeit jedes Lehrers durch Beobachtung seines Unterrichts 1 bis 2 mal jährlich , überprüft die richtige Führung der Abiturabschlußprüfungen u.a.. Dieser Direktor sowie die ihm unterstellten Lehrer haben Universitäts- oder Hochschulabschluß.

Abbildung 3:Organigramm der großen Berufsschule mit ca. 1000 Schülern

 

Der Stellvertretende Direktor für Theorie (technische Fächer):

Auf dieselbe Art und Weise wie sein Kollege kontrolliert er alle Fächer aus dem technischen Bereich. Er, sowie die ihm unterstellten Lehrer sind Diplom-Ingenieure. Eine fachmethodische Ausbildung für die Unterrichtspraxis dieser Lehrer (wie in Deutschland) wurde nicht unbedingt verlangt.18 Wichtiger Teil seiner Arbeit sind die ständige Verfolgung der technischen Entwicklungen, die Verbindungen mit den technischen Universitäten, die wissenschaftliche Unterstützung und Weiterbildung seiner Lehrer.

Der stellvertretende Direktor für Produktion/Praktikum:

Er ist für die Produktion der Schule, für die Lehrwerkstätte, für die engeren Verbindungen mit den Basisbetrieben, für die Materialbeschaffung u.a. zuständig. Die Schulproduktion wird auch unter seiner Leitung sorgfältig geplant und später auch verkauft. Die ihm unterstellten Lehrer führen den Unterricht in den schulischen Lehrwerkstätten und betreuen die Schüler während der Arbeit in den Basisbetrieben. Ein Universitäts- oder Hochschulabschluß ist für diese Lehrer genauso wie in Deutschland nicht erforderlich, wohl aber eine abgeschlossene Berufsausbildung oder Fachschule (dreisemestrig).19

Hauptbuchhalter:

Die Aufgaben dieses Zweiges sind bekannt wie z.B. Verrechnung des Nettogewinns, Ankauf von Materialien, Bezahlung der Lehrer, Verteilung des Gewinns usw. und sind für diese Studie nicht von Interesse, deshalb werden sie hier auch nicht ausführlich umrissen.

 

Kriterium 3: Eintritt in die Berufsschule

Unter Eintritt werden hier einige Faktoren umrissen, die den Zutritt und die Aufnahme der Jugendlichen in den Berufsschulen der verschiedenen Ostblockstaaten betreffen. Dazu gehören das Eintrittsalter, die Ausbildungsdauer, die Arten des Eintritts, die Arten von Berufsschulen und Verbindungen untereinander.

 

Alter der Jugendlichen und Arten des Eintritts in die Berufsschule:

Für die meisten Ostblockstaaten findet der Eintritt in die Berufsschulen nach der obligatorischen 8. Klasse (bzw. 14.Lebensjahr) der allgemeinbildenden Grundschulen (Bulgarien, Polen, Ungarn), der unvollständigen Mittelschule in der UdSSR (Klassen 1 bis 8, künftig 1 bis 9) oder der 1. Stufe des Lyzeums (9. und 10. Klasse, 16 Lebensjahr) in Rumänien statt.20 Die Aufnahme der Jugendlichen in Berufsschulen erfolgt in den meisten Fällen ohne Prüfung. Die Wahlmöglichkeiten unter den verschiedenen Berufsschulen richten sich nach den Zeugnisnoten im letzten Ausbildungsjahr der Grundschule bzw. der unvollendeten Mittelschule. Sind für eine Berufsschule besonders viele Bewerber vorhanden, so werden Aufnahmeprüfungen organisiert. Gewöhnlich war das in den meisten Ostblockstaaten in jener Berufsschulart der Fall, die gleichzeitig Abitur- und Berufsabschluß vermittelte.21 In Bulgarien wurden solche Prüfungen für ganz bestimmte Berufsschulen (einige der Technika) durchgeführt, in Ungarn von allen Bewerbern in allen Fachmittelschulen verlangt, in Rumänien in der 2. Stufe des Lyzeums nach zentral festgelegten Normen abgelegt, in der UdSSR in allen mittleren Spezialschulen. 22 Gewöhnlich wurden diese Prüfungen in den Fächern Mathematik und/oder Physik durchgeführt, nach bestimmten Richtlinien des Bildungsministerium im Land. Ausschlaggebend sind auch die Zensuren in diesen Fächern im letzten Ausbildungsjahr.

Kriterium 4: Arten von Berufsschulen

In den Ostblockstaaten Polen, Ungarn und Rumänien gibt es eine Vielfalt von Berufsschulen; trotzdem ist die Zahl dieser Formen mit denen in der BRD nicht zu vergleichen. Ausländische Fachkräfte bezeichnen das „komplizierte Ausbildungssystem" von Deutschland als Minuspunkt.23

Trotz der Vielfalt der Berufsschulen in den untersuchten Ostblockstaaten könnte man diese auch nach bestimmten Kriterien zusammenfassen:

Berufsschulen für arbeitende und nicht arbeitende Jugendliche.

Vollzeit- und Teilzeitberufsschulen.

Berufsschulen mit oder ohne Abiturabschluß.

Berufsschulen nach Ausbildungsdauer: 2-, 3-, 4- und (selten) 5-jährig.

Gewöhnlich vermitteln die Berufsschulen mit einer Ausbildungsdauer von 1 bis 2 Jahren den Beruf in Form eines Anlernens, ohne daß sie dabei die Mittelschulreife erreichen. Diese Art der Berufsschule nähert sich am meisten dem „Training on the job", da sie auf dem schnellsten Weg sehr praktisch orientierte Arbeiter vorbereiten.

Die Berufsschule mit einer Ausbildungsdauer von 3 Jahren ist in den meisten Ostblockstaaten am häufigsten anzutreffen und hat auch überall den gleichen Namen: MBS (Mittlere Berufsschule). Ziel ist es hier nicht nur, einen Beruf zu erlernen, sondern auch gleichzeitig Kenntnisse allgemeinbildender Art zu erwerben. In einigen Ostblockstaaten wie z.B. Bulgarien und der UdSSR schließt die MBS den Abiturabschluß nicht aus. Der ausgebildete Berufsschüler verließ die MBS mit dem Berufsniveau „hochqualifizierter Arbeiter" und war als solcher auch einsetzbar.

Die 4-, bzw. 5-jährige Berufsschule, unter dem Namen Technikum, Berufslyzeum, Fachmittelschule usw. bekannt, führte in allen Ostblockstaaten unbedingt gleichzeitig zum Abitur und Erwerb einer breitgefächerten Berufsqualifikation. Die ausgebildeten Berufsschüler wurden als „mittlere technische, ökonomische, landwirtschaftliche u.a. Fachkräfte" bezeichnet.

Tabelle 2 Arten von Berufsschulen

Ausbildungs-dauer (Jahre)

VR Bulga-rien

UdSSR

VR Polen

Ungarische VR

CSSR

VR Rumänien

2

Berufsschule

MBS

   

MBS

Berufsschule, 1.St. des Lyzeums

3

MBS, (A)

MBS, (A)

Berufsschule

Berufsschule

MBS

 

4

(A)

Technikum

Technikum,
(mittlere Spezialschule)

Technikum,
Berufslyzeen

Fachmittel-schule *)

MBS, Fachmittel-schule

1.+2.Stufe des
Lyzeums

5
(A)

   

Technikum,
Gleichgestellte

     

Vermerk: (A)-Alle Arten von Berufsschulen mit diesem Zeichen bringen die Hochschulreife (Abitur).

*) Es sind folgende Fachmittelschulen vorhanden:

Fachmittelschulen industriellen und landwirtschaftlichen Profils;

Fachmittelschulen ausschließlich für Techniker;

Fachmittelschulen für nichttechnische und nichtindustrielle Berufe;

Fachmittelschulen, die Fachkräfte breiten beruflichen Profils, ohne konkreten Qualifikationsabschluß ausbilden. 24

Kriterium 5: Lehrinhalte

In allen Ostblockstaaten wurden in den untersuchten Arten von Berufsschulen sehr ähnliche Fächer und Lehrinhalte unterrichtet. Im Kurzen kann man sie zu drei Gruppen zuordnen:

„Die Lehrpläne für die berufstheoretischen Fächer stimmten in allen Berufsschulen gleicher Fachrichtungen überein."25

In den Lehrwerkstätten wurde und wird immer noch reale Produktion hergestellt, die verwendbar und verkaufbar ist. Jede Berufsschule hatte eine oder mehrere Basisbetriebe zur Verfügung, wo die Schüler ihr Praktikum durchführen konnten.

Das Verhältnis der drei Gruppen von Fächern zueinander wurde in jedem Land für die verschiedenen Arten Berufsschulen ausführlich untersucht. Man kann sie auf folgende Weise kurz zusammenfassen:

Tabelle 3 Vergleich Fächeranteile


Land:

Verhältnis A:B+C
4-,5-jährige
Berufsschule (Abitur)

Verhältnis A:B+C
3-jährige
Berufsschule

VR Bulgarien

1:1

1:1,6

UdSSR

1:1

1:1,4

VR Polen

1:1

1:2

Ungarische VR

1:1

1:5

CSSR

1:1,5

2:3

VR Rumänien

1:1

1:9

Quelle:26

Erklärung: A-Allgemeinbildende

B-Berufstheoretische

C-Berufspraktische Fächer.

Aus der Tabelle kann man deutlich ersehen, daß das Verhältnis zwischen allgemeinbildendem und berufsspezifischem Unterricht in fast allen Berufsschulen, die gleichzeitig die Hochschulreife (Abitur) und einen Beruf vermitteln, gleich ist. Es ist eine Tendenz zur Theoretisierung der Ausbildung und Entfernung von der Praxis zu beobachten.

In den Berufsschulen zur gezielten Vorbereitung des „hochqualifizierten Arbeiters", in den meisten Ländern ohne Abitur, wird dagegen ein sehr großer Wert auf die praxisorientierte Berufsausbildung gelegt. Im Kontext wird ersichtlich, daß auch die Theoretiker der sozialistischen Berufsausbildung die große und unersetzbare Rolle der Praxis in der Lehre anerkannt haben und zu schätzen wußten.

Kriterium 6: Abschluß der Berufsschule

Unter diesen Zeichen versteht man das Abgangsalter der Schüler, die Abschlußprüfungen in den verschiedenen Berufsbildungswegen, die erworbene Qualifikation und die Möglichkeiten der Weiterbildung.

In den 3-jährigen Berufsschulen, die die Hochschulreife nicht zum Ziel haben(Ausnahme sind Bulgarien und die UdSSR, siehe Tabelle 2)endet die Ausbildung zwischen dem 16. und 18.Lebensjahr der Schüler. Die berufstheoretische Prüfung enthält Fragen aus dem Lehrstoff einiger berufsspezifischer Fächer und besteht aus schriftlichem und mündlichem Teil. Die berufspraktische Prüfung dauert ca. 6 Stunden und enthält eine konkrete Aufgabe(z.B. Produktion eines Werkzeuges nach vorgegebenen Bemaßungen),durch die man viele der erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten überprüfen kann. Sie findet in der schulischen Lehrwerkstatt oder in dem Basisbetrieb statt, wobei die Prüfer nicht nur aus der Berufsschule sein können, sondern auch Vertreter des Betriebes, der Gewerkschaften usw. In allen Ostblockstaaten bekommt der Absolvent sein Qualifikationszeugnis und ist als „hochqualifizierter Arbeiter" einsetzbar. Üblich ist es auch, daß er nach dem drittem Ausbildungsjahr kurz vor den Abschlußprüfungen ein Praktikum im Betrieb durchführt („Spezialisierung"27 oder „Einarbeitungszeit"28 , z.B. in Ungarn und Bulgarien 5 bis 6 Wochen, in Polen 3 Monate, in Rumänien zwischen 6 und 12 Monaten, UdSSR-6 Monate, CSSR-4 Monate. Im Vergleich dazu haben die Absolventen aller Berufsschulen in der BRD keine Einarbeitungspraktikum und sind in ihrem Arbeitsbereich sofort einsetzbar. Für diejenigen, die ihre Ausbildung fortsetzen wollen, sind in allen beschriebenen Ostblockstaaten Möglichkeiten vorgesehen, wie z.B. Abendschulen, Fernstudium, Meisterklassen, Betriebsberufsklassen 29 u.a..

Die Absolventen der 4-jährigen Berufsschulen, in den beschriebenen Ländern unter verschiedenen Namen bekannt (siehe Tabelle 2), mit Abitur und einer breitgefächerten Berufsausbildung („Polyqualifikation"), haben ein Abschlußalter zwischen 18 und 19 Jahren. Der Vergleich mit der 3-jährigen Berufsschule zeigt uns, daß der hier erworbene Abschluß eine eher enge Spezialisierung ist, statt „Polyqualifikation".

Die Abiturprüfungen finden in bestimmten Fächern statt wie Heimatsprache und Mathematik nach Normen des Bildungsministerium im Land. 30 Die Fachprüfungen sind sehr ähnlich wie die oben beschriebenen. Die theoretische Fachprüfung umfaßt hier Fragen aus dem ganzen Fachgebiet: allgemeintechnische und spezialtechnische Fächer. In einigen Ostblockstaaten wie Bulgarien, Ungarn 31, Rumänien 32 schließt man die berufliche Ausbildung mit der Vorbereitung und Vorstellung einer Diplomarbeit ab. Ein Abschlußpraktikum im Betrieb im Rahmen von einigen Wochen oder Monaten ist auch hier erforderlich. Die erworbene Fachqualifikation ist Konstrukteur, Techniker, Produktionsorganisator u.a., oder kurz gefaßt: „mittlere Fachkraft" für technische sowie nichttechnische Berufszweige.33 Für diese Absolventen ist ein Studium möglich.

Kriterium 7: Anteil der Basisbetriebe an der Berufsausbildung

In allen Ostblockstaaten ist die schulische Lehrwerkstatt, die mit ihrer traditionellen Produktion ein Hauptelement der Berufsausbildung ist, von besonderer Bedeutung. Die Realisierung dieser Produktion spielt eine große erzieherische Rolle, deren Wert Priorität in der Berufsausbildung hat 34, und bildet eine moralische Motivation für die Auszubildenden. Der Unterricht in der Lehrwerkstatt dauert zwischen 6 und 8 Stunden je 40 Minuten mit Pausen von 5 Minuten oder pauschal 1 Pause von 20 bis 30 Minuten. Er verläuft nach methodisch-didaktischen Vorschriften nach Themen aus dem Lehrplan. Auch hier ist eine ca. 20-minütige theoretische Einführung vorhanden, die mit der in der gewerblichen Ausbildung der Berufsschule in der BRD vergleichbar ist.

Die Produktion ist eine eigene, schulische, oder oft Teil des Produktionsplans des Basisbetriebes. Im zweiten Fall besorgt der Betrieb die Materialien und beteiligt sich an der technischen Ausrüstung der Schule. Der theoretische und der praktische Unterricht wechseln in einer Schulwoche ab - z.B. 2 Tage Theorie, 3 Tage Praxis. In einigen Ländern wie Rumänien ist eine Tendenz zum Übergang auf dem Blockunterricht zu beobachten, in anderen wie der Tschechoslowakei wechseln sich Theorie und Praxis alle 14 Tage ab.35

In bestimmten Zeitabständen findet die Praxis abwechselnd in speziellen Lehrwerkstätten oder in den Produktionshallen des Basisbetriebes statt. Auch hier ist die Rolle des Berufsschullehrers (in der BRD ist dies der betriebliche Ausbilder) unentbehrlich. Der Ausbildungsort Betrieb hat hier eher eine Ergänzungsrolle zur schulischen Lehrwerkstatt, da der Schüler im Betrieb einige Arbeitstechnologien, Tätigkeiten, Maschinen u.a. beobachten kann, die er nirgendwo sonst sehen kann. An den verantwortungsvollen Arbeitsplätzen im Betrieb bleibt er jedoch nur Beobachter. Sein Zeitaufwand ist mit einem Arbeitstag nicht vergleichbar, da auch hier der Unterricht nach denselben Normen wie im Ausbildungsort Lehrwerkstatt durchgeführt wird. Die Verantwortung gegenüber dem Betrieb fehlt, da zwischen Schüler und Betrieb kein Ausbildungsvertrag existiert.

So kommen wir im Vergleich mit dem dualen System in Deutschland zur Kennzeichnung einiger Unterschiede des Ausbildungsortes Betrieb in den Ostblockländern wie: Arbeitsvertrag, Arbeitstag, Vorarbeiter als Ausbilder, Blockunterricht, Beteiligung an den modernsten, führenden Technologien und Maschinen im Betrieb.

Kriterium 8: Aus- und Weiterbildung der Lehrer

Die Ausbildung der Berufsschullehrer ist ein vieldiskutiertes Thema. Einerseits müssen die Fachkenntnisse ständig erweitert und aktualisiert werden. Die heute aktuellen Fachkompetenzen in Technik, Wirtschaft und Landwirtschaft gehören morgen schon zur Vergangenheit. Auf Fachgebieten wie PC-Technik, Elektronik, Datenverarbeitung u.a. ändern sich die Inhalte im Laufe von Monaten. So ist ein Fachmann, der sich auch nur ein Jahr mit seinem Beruf nicht intensiv beschäftigt hat, sehr schnell aus seinem Fachgebiet heraus. Andererseits sind die Weiterbildungsmöglichkeiten der Berufsschullehrer im Sinne von Qualifizierungs-, Umqualifizierungs- und Aktualisierungskursen, die den technischen Neuigkeiten folgen, in diesen Ländern sehr begrenzt. Die Kosten gehen zu Lasten des Staatshaushaltes, der in der Phase des Übergangs zur freien Marktwirtschaft fast bankrott ist. Das Einführen von neuen Maschinen in der Produktion seitens der Firmen verlangt eine vorbauende Lehre in Theorie und Praxis. Die Aktualisierung der Lehrinhalte insbesondere in den technischen Spezialgebieten ist jedoch ein langwieriger Prozeß. 36 So bleibt die Weiterbildung des Berufsschullehrers eine Sache seiner eigene Initiative und hier sind Möglichkeiten auszuschöpfen wie: Kontakte mit Firmen aufnehmen, Beobachtungen, Kennenlernen der neuen technischen Dokumentationen usw.. Man kommt natürlich zu der logischen Frage: wer wird sich selbst auf seine eigene Kosten weiterbilden, wenn dahinter kein materieller Anreiz oder andere Vorteile vorhanden sind? Diese Frage führt zu mehreren Nebenfragen. Eine davon ist: bleibt dieser Lehrerberuf auch in Zukunft eine Rettung vor der Arbeitslosigkeit, die sich z.Zt. während des Übergangs massenweise verbreitet und ist dies Anreiz genug zur Weiterbildung in Eigeninitiative?
Hier könnten neu gegründete private Firmen Qualifizierung, Weiterbildungsmöglichkeiten, Qualität der Berufsausbildung, Finanzierung usw. bieten.

Bemerkenswert ist, daß in allen untersuchten Ländern der Lehrer einen relativ schlechten sozialen Status hat. Es bleibt zu wünschen, daß die Arbeitsbedingungen der Lehrer verbessert werden, um mehr Kreativität und Schaffen zu ermöglichen.

In dem Beruf des Lehrers sind seine persönliche Eigenschaften ebenso sowie sein Wissen und Können von großer Bedeutung. Unter persönlichen Eigenschaften versteht man: sein ganzes Benehmen, Stimme, Wirkung, Kommunikationsfähigkeiten, Orientierungsfähigkeit, Flexibilität u.a.. Viele davon bekommt man mit der Routine, aber manche sind eine Gegebenheit, die die erfolgreiche Arbeit des Berufsschullehrers beeinflußt. Die Weiterbildung hilft ihm, einige seiner Eigenschaften zu vervollkommnen.

Hier sind die Vorarbeit, die didaktische und methodische Vorbereitung, die neue Organisation der Ausbildung von Berufsschullehrern, Praktika in Schulanstalten, auf die bislang nicht so großer Wert gelegt wurde, jetzt von erster Wichtigkeit.

In der Arbeit des Berufsschullehrers Anfang der 80-er Jahre wurde eine interessante Tendenz beobachtet: Es wurde ihm eine relativ große Freiheit gegeben bei der Darstellung, Verbindung und Auswahl technischer Inhalte für die theoretischen Fachthemen. 37 Das ist ein Gebiet, auf dem man sein Berufstalent zeigen und entwickeln kann. Dafür sind Fachkenntnisse in dem unterrichteten Fach, aber auch der anderen Nebenfächer erforderlich. Man muß sie gut kennen und beherrschen, um die zwischeninhaltlichen Verbindungen herzustellen. Hier könnten die Erfahrungen der Berufsschullehrer in der BRD sehr hilfreich sein, da ein Lehrer in mehreren technischen Fächern oder sozusagen universell einsetzbar ist, was mit den östlichen Ländern nicht vergleichbar ist. Es ist hier sehr selten der Fall, daß ein Lehrer mehr als 3-4 Fächer gleichzeitig unterrichtet.

Kriterium 9: Bereicherung der technischen Ausrüstung der Schule

Das schulische Modell der Berufsausbildung ist ein relativ teures Modell, da die Ausrüstung der Lehrwerkstatt sehr schnell veraltet und dem Tempo des technischen Fortschritts im Betrieb schwer nachfolgen kann. Der zuständige Basisbetrieb hilft teilweise, neue Maschinen in der Schule anzuschaffen, aber im Vergleich mit dem notwendigen Bedarf kann man die jeweiligen neuen Maschinen nur als Muster betrachten. Das hat Auswirkungen auf die Arbeitszeiten der Schüler an den Maschinen und schließlich auch auf die erworbene Qualifikation. Auch gegenwärtig beim Übergang auf die freien Marktwirtschaft bezieht sich die größte Kritik aller Experten der Berufsausbildung auf die technische Ausrüstung der Berufsschule. Hier bleiben die Möglichkeiten einer weiteren Bereicherung durch staatliche Betriebe, private Firmen und Unternehmen, Sponsoren usw. offen.

Andererseits hat dieses Modell in den meisten Ostblockstaaten eine über 100-jährigen Tradition, die sich schon durchgesetzt und bewiesen hat. Ein sehr überzeugendes Element dieser Berufsausbildung ist die schulische Produktion, die heute zur finanziellen Autonomie der Schule beiträgt. Der Versuch, diesen Ländern ganz neue Berufsbildungsmodelle zu implantieren, würde eher das Chaos in der Krise verdoppeln. 38 Auch diese Konzeption wurde aus der Praxis der Berufspädagogik genommen: es ist immer leichter, Routinetätigkeiten von alten auf neue Maschinen umzustellen, als vollkommen neue Tätigkeiten mit neuen Maschinen zu beginnen. Aus diesen Gründen bleibt hier die Idee, Traditionen der Berufsbildungssysteme in jedem Land zu erhalten und an die europäischen Maßstäbe anzupassen, vorherrschend.

Entwicklungstendenzen der Berufsschule

In allen Ländern des ehemaligen Ostblocks wird versucht, die Berufsbildungssysteme zu dezentralisieren. Außer Bildungsministerium und Staat beteiligen sich bereits andere Institutionen, und so ist eine Belebung des Systems zu erhoffen. 39 Es wurden viele private Schulen eröffnet, aber in der Berufsschule setzt sich diese Tendenz ziemlich langsam durch. Aktuell für alle Ostblockstaaten bleibt die Frage, wie man die privaten Unternehmen intensiver an der Berufsausbildung beteiligen kann. Überall sind nach der Wende Diskussionen und Bemühungen um Bildungsreformen begonnen worden, die als positiv und demokratisch bewertet werden können, aber immer noch mit Schwierigkeiten in der Durchführung zu kämpfen haben.40 Allgemein kann man sagen, daß insbesondere in der Berufsausbildung radikale Änderungen nicht angestrebt werden, und so waren solche Änderungen hier in den letzten 10 Jahren nicht zu beobachten 41 . Das Streben der Reformer in allen Ostblockstaaten ist vielmehr darauf gerichtet, in die europäische Gemeinschaft integriert zu werden und gleichzeitig die eigene Individualität und Traditionen der Berufsbildung zu bewahren.

Von Eltern wie von Schülern wird die Berufsschule bevorzugt, die Berufs- und Abiturabschluß ermöglicht. Die Ursachen dafür sind verschieden: bessere Vorbereitung, das Qualifikationsergebnis „Techniker", bessere Einsatzmöglichkeiten. Die Zahl dieser Art von Berufsschulen wächst deshalb immer mehr. Es werden auch andere Wege der Berufsausbildung gesucht. Die Berufsschule paßt sich immer mehr den Bedürfnissen des Marktes an. Das Verzeichnis der Berufe wird mit neuen Begriffen bereichert. Die Zahl der Bewerber für bestimmte Berufszweige wie Wirtschaft, Bankwesen, Textilbranche, Gastronomie, Dienstleistungen aller Art steigt, wogegen sie in der Metallurgie, Chemie und Maschinenbau sinkt.42

Auch die Motivationen und Interessen der Schüler ändern sich in der neuen wirtschaftlichen Situation in eine pragmatische Richtung. Sie sind jetzt nicht mehr an einer Ausbildung an sich interessiert, sondern immer mehr an der Beherrschung von Kenntnissen und Berufsfähigkeiten, die ihnen einen möglichst schnellen Einsatz im Erwerbsleben garantieren.43

Die Lehrinhalte ändern sich auch dynamisch. Die Tendenz zur hohen Intellektualisierung der Berufe, vergleichbar mit derjenigen in der BRD, ist in allen östlichen Ländern vorhanden. Fächer wie Fremdsprachen(1 bis 2), Wirtschaft, EDV, Management, Marketing u.a. werden immer mehr verlangt. Die Berufsausbildung tendiert nicht nur zu einer quantitativen, sondern auch qualitativen Vorbereitung und sucht dabei die Mithilfe der Betriebe, Firmen, Unternehmen u.a. Von dem heutigen Arbeiter wird mehr verlangt, und die Berufsschule muß die Ansprüche entsprechend befriedigen.

 

Fazit

Die Berufsbildungssysteme der Länder des ehemaligen Ostblocks waren ziemlich ähnlich organisiert. Es waren staatlich gesteuerte, zentralisierte, geplante, schulische Modelle.

Die schulische Lehrwerkstatt und ihre eigene Produktion brachten gute Erfolge für die Fachqualifikation der Auszubildenden. Sie gehört zu einer der Traditionen der Berufsausbildung in diesen Staaten. Sie bietet interessante Möglichkeiten und Wege zur finanziellen Autonomie der Berufsschule.

Der Mangel des Ausbildungsorts „Betrieb" ist deutlich zu sehen. Der Auszubildende bleibt in vielen Fällen nur ein „Beobachter". Vor dem Einsatz wird daher von den Absolventen ein Einarbeitungspraktikum verlangt.

Der Vertrag zwischen Berufsschule und Betrieb statt Schüler und Betrieb beeinflußt die Motivationen beider Seiten negativ.

Die Bezahlung der Schüler während der Betriebspraktika in den Sommerferien steigerte wesentlich die Arbeitsmotivationen.

Der allerschwächste Punkt dieses Modells der Berufsausbildung war die schnell veraltete Ausrüstung der Lehrwerkstatt.