Die allgemeinbildende Schule

Einführung:

Am 9. September 1944 wurde in Bulgarien durch die sowjetische Armee die sozialistische Regierung gewaltsam durchgesetzt. Die hieraus resultierende totale Diktatur war ein Bruch in der Geschichte und stand vollkommen im Gegensatz zu der natürlichen Entwicklung des Landes. Generationen von Intellektuellen wurden durch politische Maßnahmen kontinuierlich unterjocht. In allen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und anderen Richtungen begann der Aufbau des Sozialismus.

Alle Vorschriften zum Aufbau des bulgarischen Bildungssystems kamen aus der ehemaligen UdSSR und wurden ganz genau befolgt. Bulgarien bewies besonders große Treue der Politik der UdSSR und der sozialistischen Idee gegenüber und gilt als einziges Land im Ostblock ohne totale Okkupation der sowjetischen Armee.

Die Periode des Sozialismus in Bulgarien ist in ihrem Bildungswesen von einer großen Ähnlichkeit mit dem sowjetischen Modell gekennzeichnet. Beweis dafür sind die Bildungsreformen, die, in ihrem Kern fast gleich, in den selben Zeitabschnitten durchführt wurden.

„Bulgarien war das einzige Land des ehemaligen Ostblocks, das sich in allen Etappen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach dem sowjetischen Modell orientierte und die Beziehungen zur Sowjetunion immer intensiv pflegte.” 1

Die guten Traditionen der Bulgaren, besonders auf den Gebieten von Kultur und Bildungswesen, sowie ihre angeborene Liebe zum Lernen, wurden durch das totalitäre Regime und die herrschende Ideologie allmählich zerstört und liquidiert.2 Die „Sowjetisierung” wurde Schritt für Schritt in allen Bereichen des Lebens und der Wirtschaft einschließlich der bulgarischen Schule durchgeführt. Das sowjetische System bedeutete vor allem eine bürokratische Schule, ein System endloser Vorschriften, eine Pädagogik der gezielten moralischen Deformationen, der Vernichtung der menschlichen Würde und der kulturellen Werte.3

Die 45 Jahre sozialistischen Regimes in Bulgarien waren von permanenten Reformprozessen gekennzeichnet, deren einige sehr umfassend waren, andere mehr oder weniger nur kosmetischen Charakter hatten oder der Parteipropaganda dienten. Keine der Reformen wurde bis zum Ende durchgeführt. In diesem Zeitabschnitt wurden nur zwei Bildungsgesetze verabschiedet - im Jahre 1948 und 1959.4 Das erste Gesetz im Jahre 1948 bedeutete eine einseitige politische Orientierung an der kommunistischen Ideologie und gleichzeitig enge parteiliche Abhängigkeit des Bildungswesens. Das zweite Gesetz, daß schon im Jahre 1956 angekündigt wurde, sollte die Polytechnisierung einführen und eine engere Verbindung der Schule mit dem realen Leben verwirklichen.5 Oskar Anweiler analysiert dieselbe Zeit im vergleichenden Verfahren für alle ehemalige Ostblockländer und bezeichnet sie als Zeit der „Kommandopädagogik” und des „Kasernenhofsozialismus” . Er führt 6 Kennzeichen der Bildungsentwicklung ab 1950 an, die uns die Tendenzen sehr gut zeigen:

  • Zentralisierung;
  • Bürokratisierung;
  • Unifizierung;
  • ideologischer Monismus;
  • Sowjetisierung bzw. Russifizierung;
  • Ökonomisierung.6
  • Diese Gesichtspunkte werden in allen Stufen der von uns vorgenommenen Analyse und Darstellung der allgemeinbildenden Schule in Bulgarien zum Vorschein kommen. Untersucht man diese Schule in den einzelnen Ostblockländern, so bekommt man den Eindruck, daß es sich um nur ein Land handelt. Gleiche Erscheinungen sind auch im gesamten Bildungswesen zu beobachten wie z.B. der Kollektivismus, später (ab 1960) die Differenzierung und Individualisierung des Lehrprozesses, ähnliche didaktische Methoden des Unterrichts, schlechteren sozialen Status des Lehrers, starke Feminisierung des Lehrerberufes 7 , Formen der außerschulischen Beschäftigung, Unzufriedenheit der Eltern mit der erworbenen Bildung ihrer Kinder 8 usw., wie auch weiter unten deutlich werden wird. Auch wird hier versucht werden, einige Widersprüche zu analysieren, wie z.B. die Verleugnung der Talente durch die kommunistische Ideologie einerseits und die mit der Zeit zwecks Förderung der verschiedenen Neigungen der Schüler wachsende Differenzierung der allgemeinbildenden Schule andererseits. Einen großen Widerspruch entdeckt man auch zwischen den breit propagierten außerschulischen Massenveranstaltungen der sozialistischen Schule einerseits und der allmählich steigenden negativen Einstellung der Jugendlichen dagegen andererseits.

    „Alle Jugendliche reagieren allergisch auf offizielle Organisationsformen. Dieser Tatbestand spricht deutlich von unserer gemeinsamen großen Katastrophe. Die Schule auf deren wir Erfolge so lange stolz waren, ist mit vielen Schülern auf „Konfrontationskurs” geraten.” 9

    Auf einer Seite wird auf Parteikongressen immer wieder über die großen Erfolge der sozialistischen Wirtschaft und Wissenschaft berichtet, auf der anderen Seite hört man immer öfter, daß die Jugendlichen „erschreckend wenig” lesen und „wie lange kann man sich so selber belügen?” .10

     

    Zeitabschnitt 1944- 1989

    Die Grundschule

    Elementarstufe. (Nacalno ucilište.)

    Die Elementarstufe dauert ursprünglich 4 Jahre und umfaßt die 1. - 4. Klasse. Auch der Name dieser Stufe ist aus dem Russischem übernommen worden: „Anfangsschule” (nacalno ucilište).11 Nach großen Diskussionen im Kreise der bulgarischen Pädagogik wurde die Unterstufe mehrmals umgewandelt und umfaßte in bestimmten Jahren die 1.-3. Klasse, in anderen Jahren die 1.-4. Klasse. Ab dem Jahr 1964 wurde nach der Schulreform in der UdSSR auch in Bulgarien die Dauer der Elementarstufe von 4 auf 3 Jahre verkürzt.12 Die zum Unterricht erforderlichen Lehrpläne und Unterrichtsmittel einschließlich der Schulbücher wurden vom Ministerium für Volksbildung herausgegeben bzw. bestätigt. Gewöhnlich unterrichtete der Klassenleiter in dieser Stufe alle Unterrichtsfächer außer Sport und Kunst.13 Die Fächer waren für alle Schüler obligatorisch. Ab der 3. Klasse wurde Russisch als Pflichtfach eingeführt. Auch die Namen der Fächer zeigen uns in fast allen Ländern des damaligen Ostblocks große Ähnlichkeiten wie z.B. Muttersprache (Lesen und Schreiben), Rechnen, Musik (ursprünglich Singen), Sport (in Bulgarien Physische Erziehung), Heimatkunde, Malen (später bildende Kunst), Werken (ursprünglich: Handarbeit, später: Fleiß und Kreativität).14 Zu dem Fach Werken gehört auch die Arbeit im Versuchsfeld sowie in der Landwirtschaft. Im Unterschied zu den anderen Ländern waren die Kinder in Bulgarien ab dem 7. Lebensjahr schulpflichtig und das Schuljahr begann am 15.09. eines jedes Jahres. Erst mit der weitreichenden Bildungsreform im Jahre 1979 15 durften die Kinder nach Wahl der Eltern die Schule auch mit 6 Jahren beginnen.16 Die Schulbücher und einige Modell- und Übungshefte waren für die Schüler kostenlos. Lange Zeit erfolgte der Abschluß der 1.-3. (später:1.-4.) Klasse ohne Zensuren. Am Schuljahresende bekamen alle Kinder ein Zeugnis für ein erfolgreich bestandenes Schuljahr.17

    Die Elementarstufe sowie alle anderen Stufen der allgemeinbildenden Schule sind dem Einheits- und Gleichheitsprinzip, der Polytechnisierung unterworfen, was in allen Ostblockländern in annähern gleichem Wortlaut beschlossen wurde.18

     

    Das Fach Werken - erste Schritte im Beruf.

    Die Polytechnisierung war in dieser Stufe besonders mit dem Fach Werken verbunden. Außer dem Versuchsfeld waren hiermit bestimmte Arbeitszweige und Tätigkeiten verkoppelt: Kochen, technisches Zeichen, Nähen, Sticken, Arbeit mit Metall und Holz, Herstellung von verschiedenen Geschenkartikeln u.a., die sich nach bestimmten Abschnitten jedes Schuljahres abwechselten. Im Werken wurden die Schüler einer Klasse in 2 Gruppen mit durchschnittlich 15 Personen aufgeteilt. Nach Angaben von bulgarischen Pädagogen arbeiteten die Kinder im Fach Werken mit großem Interesse, Aufmerksamkeit und Motivation. Diese Stunden bewirkten nicht nur eine Verbindung der Kinder mit dem realen Leben, sondern auch eine Eingewöhnung in den Fleiß und einige praktische Tätigkeiten, eine erste Berufsorientierung, ein Erproben von bestimmten Fähigkeiten und Neigungen sowie eine Umsetzung des bulgarischen Mottos: „der Fleiß schmückt den Menschen” . Zu den erwünschten Ergebnissen kam man leider aus folgenden Gründen nicht:

     

    Die Primarstufe

    Der Begriff Primarstufe wird von uns für das bessere Verständnis der deutschen Leser benutzt. Für das Land Bulgarien ist es üblich, diese Stufe als Progymnasium (progymnasija) zu bezeichnen. Sie beinhaltet die Klassen 5 bis 8.19 Die Differenzierung beginnt mit dem Fremdsprachenunterricht ab der 5. Klasse, ca. 3 bis 5 Stunden wöchentlich. Man kann zwischen den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch wählen, nach der Wende 1989 auch Russisch (vorher Pflichtfach). Die Erwartungen, daß Russisch nicht weiterhin ausgewählt wird, haben sich nicht erfüllt. Wegen der Sprachähnlichkeit wird es desöfteren von leistungsschwachen Schülern bevorzugt.

    Neben den Progymnasien und Anfangsschulen gibt es auch eine große Zahl von Schulen, die beide Stufen zusammen aufnehmen, wo durchgängig von der 1. bis zu der 8. Klasse unterrichtet wird. Diese sind unter dem Namen Grundschule (osnovno ucilište) bekannt.20 Sie ist wiederum dem Einheitsprinzip unterstellt wie die anderen zwei bzw. eine andere Form mit demselben Inhalt.

    „Die achtjährige Grundschule ist allgemeingültig und hat einen Pflichtcharakter für alle Kinder. Sie ist eine staatliche Schule, d.h. sie ist durch den Staat gegründet, unterhalten und wird von ihm gelenkt. Der Abschluß der achtjährigen Grundschule berechtigt zu weiteren Ausbildungen sowohl im allgemeinbildenden als auch im beruflichen Schulwesen” .21

    Der Klassenverband bleibt weiter erhalten. Auch hier sind alle Fächer für alle Schüler obligatorisch. Beispielfächer sind Geographie, Geschichte, bulgarische Sprache und Literatur, Mathematik, Sport, Werken, Physik, Chemie, Biologie, Musik, Malen u.a.. Ab der 5. Klasse beginnt der Fachlehrerunterricht, sowie die „Stunde des Klassenlehrers” 1 bis 2 Stunden wöchentlich. Nach 1947 wurde der Religionsunterricht im Gegensatz zu Polen in der bulgarischen Schule abgeschafft.22 Der Unterricht begann mit gemeinsamer Morgengymnastik unter dem Zeichen des Kollektivismus genauso wie in Japan.23 In Japan waren und sind die kollektiven Veranstaltungen dieser Art Ausdruck einer verbreitete Denkweise, die auf den Erfolg der Nation abzielt. In Bulgarien stießen diese jedoch auf die schweigende Ablehnung der Jugendlichen, die nicht selten zu Mißerfolgen führte.

    Das Progymnasium bietet den Schülern zwei verschiedene Varianten an:

    · von der 5.-7.Klasse

    · von der 5.-8.Klasse .

    Die erste Möglichkeit: 5.-7.Klasse:

    Nach der 7.Klasse können sich die Schüler mit Aufnahmeprüfungen für ein fremdsprachliches Gymnasium bewerben. In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren war und blieb das weiterhin ein sehr großer Trend in Bulgariens Bildungssystem. Ab 1960 zeigte sich in allen Ländern die Tendenz zur Differenzierung der Schule unter dem Druck des wachsenden wissenschaftlich - technischen Fortschritts. So wurden z.B. in der ehemaligen DDR im Zeitabschnitt von 1964 - 1968 zahlreiche Aktivitäten zur Einrichtung von Spezialschulen und Spezialklassen entwickelt.24 Die Bewerber wurden einer schwierigen Prüfung unterzogen, gewöhnlich in der Muttersprache (Aufsatz) und in Mathematik. Die genauso wie in Polen, UdSSR u.a. unter der Bevölkerung vertretene Meinung, daß die Schule nicht ausreichende Kenntnisse vermittele, zwang die Eltern dazu, Nachhilfeunterricht für ihre Kinder zu nehmen. Später wurden auch einige der in Bulgarien als „Technikum” bezeichneten Berufsschulen mit erweitertem Fremdsprachenunterricht ausgestattet. In den fremdsprachlichen Gymnasien bzw. Technika begann man die Schule mit einem Vorbereitungsjahr, der sogenannte 7. Vorbereitungsklasse oder in einigen Ländern dem sogenannten Brückenjahr. Es wurde in diesem Jahr 14 bis 16 Stunden pro Woche (heutzutage 19 Stunden) hauptsächlich die ausgewählte Fremdsprache unterrichtet,25 dazu auch begleitende Fächer wie Sport, Mathematik, bulgarische Sprache und Literatur.

    Die zweite Möglichkeit: 5.-8.Klasse:

    Nach der 8. Klasse gehen die Schüler in die Oberstufe (Sekundarstufe, d.h. Gymnasium, Technikum, Berufsschule) ohne Aufnahmeprüfungen über. Der Einfachheit halber werden diese in unserem Text weiterhin als normale Schulen, Gymnasien usw. bezeichnet.

    In Bulgarien besteht im Moment eine Schulpflicht vom 6. bzw. 7. bis zum 16. Lebensjahr.26 Der Schüler muß für die normalen Schulen bestimmte Bedingungen erfüllen, z.B. einen Mindestnotendurchschnitt. Für einige Berufsschulen, für die es besonders viele Kandidaten gibt, erfolgt die Aufnahme erst nach Prüfungen. Im Zeitabschnitt 1979-1989 gab es immer Aufnahmeprüfungen z.B. für folgende Berufsschulen:

    Technikum für Elektronik, Technikum für Elektrotechnik und Automatisierung, Technikum für Feinmechanik und Optik, Wirtschaftstechnikum u.a.. Die Prüfungsfächer waren, vom Bildungsministerium bestimmt, für alle Berufsschulen einheitlich Mathematik und Physik.

     

    Die Sekundarstufe. Arten von Mittelschulen

    Vor der Wende 1989 gab es in der Sekundarstufe folgende Bildungseinrichtungen:

    Allgemeinbildende Schulen

    Gewöhnlich haben alle spezielle Schulen Aufnahmeprüfungen, dauern von der 9. bis zu der 11./12. Klasse und berechtigen auch zu einem Studium.

    Zu den Sonderschulen gehören solche für Arbeit mit Behinderten, für Waisenkinder, für vernachlässigte Jugendliche, für Kinder und Jugendliche mit asozialem Benehmen. Ein Teil der Schüler gehört zu den Minderheitsgruppen im Land: Türken, Roma u.a.. Die meisten dieser Schulen funktionieren als Internate. Die Arbeit verläuft bei äußerlich schweren Bedingungen für beide Seiten (Lehrer und Schüler). Die Lehrinhalte bilden keine Ausnahme vom Einheitsprinzip. Die physische Arbeit in der außerunterrichtlichen Zeit wurde als bedeutender Erziehungsfaktor für die Schüler eingesetzt. In der bulgarischen Fachliteratur sind diese pädagogischen Einrichtungen sehr wenig beschrieben worden. Es herrscht die unausgesprochene Meinung, daß die Arbeit des Lehrers hier als Strafe angesehen wird. Auf den Vergleich dieser Schulen mit „Minikasernen” reagiert die Bevölkerung schmerzvoll.

    Berufsschulen

    · Berufsschule/Technikum vom 1. bis 4. Kurs. (von der 9. bis zur 12. Klasse). Sie vermitteln den Absolventen gleichzeitig die Hochschulreife und einen Beruf. Die erworbene Qualifikation ist „mittlerer Techniker” .

    · Berufsschule/Mittlere Fachschule vom 1. bis 3. Kurs (von der 9. bis zur 11. Klasse) (SPTU). Das sind auch Schulen, die Doppelqualifikationen vermitteln, d.h. zu einem Studium berechtigen. Die Absolventen werden „qualifizierte Arbeiter” genannt.

    Berufstechnische Schulen(PTU). Sie vermitteln den Schülern (darunter vorwiegend leistungsschwache Schüler, vernachlässigte Jugendliche, Roma- und türkische Kinder) nur einen einzigen Beruf.

    Die Berufe wurden vom Bildungsministerium im Land bestimmt und in einer Liste (Nomenklatur) der Berufe erfaßt. Hier stoßen wir auf einen auch in anderen Ländern vorhandenen Gegensatz zwischen der immer mehr steigenden Anzahl der Berufe und den breitprofilierten Berufen, die in der Schule erlernt wurden.

    „Durch ihre Aufnahme in die Nomenklatur wurde die Zahl der innerhalb des Schulsystems erlernbaren Berufe und Fachrichtungen immer größer. Das ist eine negative Erscheinung, die der Forderung nach einem breiten Profil der Berufsausbildung widerspricht.” 28

    (Vermerk: Breitprofilierte Berufe bedeutet: Möglichkeit des Absolventen, mehrere Arbeitsmaschinen in der ausgewählten Branche zu bedienen , Erwerb von möglichst viel Fachqualifikationen und Tätigkeiten, Flexibilität beim Wechsel von einem Arbeitsbereich in einen anderen desselben Berufes, Dynamik bei Erlernen und Beherrschung neuer Technik, Dokumentation u.a.)

    Sofort nach der Wende wurde die Notwendigkeit für eine Neufassung der aktuellen Berufe gesehen.29 Typisch für die Ostblockländer ist es, daß für alle Berufe die selbe Zeit (3 bzw. 4 Schuljahre) vorgesehen wurde. Auch die Inhalte waren in den ersten zwei Ausbildungsjahren in den technischen Fächern fast gleich. Eine ausführliche Darstellung der Berufsausbildung in Bulgarien wird im nächsten Kapitel vorgestellt.

    Die allgemeinbildende Schule von der 1. bis zur 11. Klasse wurde auch unter dem Namen „Mittelschule” bekannt. Alle allgemeinbildenden sowie berufsbildenden Schulen, außer der PTU, vermitteln die Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen. Sie enden mit einer Reifeprüfung - der sogenannten Matura - in den Fächern: Bulgarische Sprache, Literatur und Mathematik; ursprünglich gehörten auch die Fächer Geschichte, Physik, Chemie dazu.

    „Die Matura, gleichgültig in welchem Schultyp sie erworben wurde, gibt den Absolventen die allgemeine Hochschulreife und damit das Recht zum Eintritt in die Hochschulstudien, gleichgültig in welcher Fakultät.” 30

    Bei den Aufnahmeprüfungen in den Hochschulen wurden die Bewerber streng unter die Lupe genommen. Sehr oft überstiegen diese Prüfungen die Lehrpläne der Schule, was die Jugendlichen auf zusätzliche Vorbereitungen hin orientierte. Dieser „zweite” Bildungsweg wurde oft kostenpflichtig.

    Für Schüler, die aus irgendwelchen Gründen das Gymnasium oder die Berufsschule nicht beenden konnten, wurden Abendschulen und Fernunterricht vorgesehen.

    Abbildung 1: Das Bildungssystem in Bulgarien

     

    Halbhochschulen (Poluvisšo ucebno zavedenie)

    Dies sind postgymnasiale bzw. Einrichtungen nach der Sekundarstufe, die von einer großen Heterogenität gekennzeichnet sind.31 Die Ausbildungsdauer beträgt ca. 2 ½ bis 3 Jahre und ist in verschiedenen Fachrichtungen möglich wie z.B. Medizin, Tourismus, Eisenbahn, Kommunikation, Kultur, öffentliche Nahrungsversorgung u.a.. Die weitere Existenzberechtigung dieser Institute wurde immer in Frage gestellt. So wurden im Jahre 1992 allein 49 Halbhochschulen geschlossen.32

    Hochschulwesen (VUZ - Visš e uc ebno zavedenie)

    Verschiedene Arten von Einrichtungen sind hier vorgesehen und werden unten ganz kurz umrissen:

    Die Studienzeit bewegt sich zwischen 4½ und 5 Jahren für die meisten Hochschulen, Ausnahme ist das Medizinstudium mit 6 Jahren Ausbildungszeit.

    Die Lehrer

    Lange Zeit durfte der Lehrer auch ohne die Bedingung eines Hochschulabschlusses in der Schule Unterricht erteilen. Mit der Schulreform im Jahre 1979 hat sich das allmählich geändert. Die wöchentliche Pflichtunterrichtszeit der Lehrer beträgt i. d. R. 18 Stunden, beim Grundschullehrer sowie dem im Praxisunterricht der Berufsschule tätigen 24 Stunden. Das sind die Stunden für die unmittelbare Bildungsarbeit. De facto widmet der Lehrer seiner Arbeit viel mehr Stunden. In allen Ländern wurden wissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen, die eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit des Lehrers von über 50 Stunden feststellten. Seine zeitaufwendigen Beschäftigungen umfaßten in Bulgarien folgende Tätigkeiten:

    Die Beurteilung der Arbeit des Lehrers geschah so wie in den anderen Ländern durch Gruppenhospitation mit anschließender Aussprache. Auf Grund dieser wurde von dem Direktor ein Attest für jeden Lehrer vorbereitet.34

    Außerschulische Beschäftigungen

    Bulgarien machte unter den anderen Ostblockländern keine Ausnahme im Streben nach Differenzierung der allseitig gebildeten und entwickelten Persönlichkeit, die von der wissenschaftlich - technischen Revolution diktiert wurde. Man kommt in dieser Fragestellung zu einem geschlossenen Kreis, der sich zwischen zwei gegensätzlichen Polen bildet (Einheitlichkeit und Differenzierung), der später als Fehler bezeichnet wurde. Er war auch ein großes Hindernis in der Auflösung des Problems.35 So entstanden zahlreiche Formationen für die Entwicklung der Talente und Neigungen der Heranwachsenden, abgesehen davon, daß es in diesem Alter recht früh war, von einer solchen Orientierung zu sprechen. In der Entwicklung der talentierten Jugendlichen wurden Vorsicht und Hemmungen beobachten.36 Für Bulgarien waren folgende außerschulische Beschäftigungen typisch:

    Methodisch - didaktische Vorbereitung

    Es ist vorwiegend der Frontalunterricht vertreten, der im Osten sowie im Westen als uneffektiv bezeichnet wurde.37 Das führte zu der Intensivierung des Lehrprozesses durch den Versuch, Problemsituationen im Unterricht zu gestalten. Der Mangel an Technik und Lehrmitteln war nicht zu übersehen. Sehr oft wurde dies als „Kreidenunterricht” bezeichnet. Große Schwierigkeiten bereiteten die aus dem Russischen übersetzten und angepaßten Lehr- und Fachbücher oder aber die von Hochschuldozenten im Land geschriebenen, die von der Schulpraxis weit entfernt blieben. Die Lehrer vieler Fächer, ungeachtet in welcher Schule, waren gezwungen, das Lehrmaterial für die Begriffs- und Verständnismöglichkeiten der Schüler umzuarbeiten. Für beide Seiten, Lehrer und Schüler, wurde der Unterrichtsprozeß noch zeitaufwendiger. Jede Unterrichtseinheit mußte nicht nur Bildungsziele, sondern auch unbedingt Erziehungsziele enthalten, vor allem Elemente der kommunistischen Erziehung. Den Schülern wurden zahlreiche Beispiele aus der sowjetischen Technik, Wirtschaft usw. gegeben. Den Lehrern wurde von der Verwaltung das Beispiel der sowjetischen Schule vorgegeben, in der die Wände zum Korridor hin durchsichtig sind.

    Die im Unterricht verwendeten Methoden: Analyse, Synthese, Vergleich und Beobachtung waren nicht ausreichend, um die Persönlichkeit des Schülers zu fordern. Der Notwendigkeit der Individualisierung des Lehrprozesses versuchten einige Lehrer mit verschiedenen Mitteln zu begegnen: wissenschaftliche Vorträge von Seiten der Schüler, Exkursionen in Betriebe, Unterrichtsstunden - Konferenz, Verarbeitung von eigenen Tests für eine Objektivität des Prüfens, später Einsatz von PCs im Unterricht. Trotzdem bleibt die Unterrichtserfahrung des einzelnen Lehrers ungenützt, da sich die Lehrer recht schwierig durch die Medien in ihrer Breite informieren lassen, eine Erscheinung, die auch in der BRD beobachtet wurde.38

    Vergleichende Analyse

    Die allgemeinbildende Schule des Ostens war eine Schule des Widerspruches, der Pseudodemokratie. Jede mit Macht durchgesetzte und regierte Bildung und Erziehung erzeugt Gegenwirkungen und ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. In allen Ostblockländern wurden die Reformen in den meisten Fällen Mißerfolge, weil sie Reformen „von oben” waren. Die Lehrerschaft wurde fast nie nach ihrer Meinung gefragt. So wie uns zahlreiche Beispiele aus der Geschichte der Bildungspolitik zeigen, in denen die Lehrer isoliert wurden, wie z.B. die Bildungsreform in Peru 1972, trifft die Reformpolitik auf großen Widerstand und hat mit Schwierigkeiten zu rechnen.39

    Die positive Seite der allgemeinbildenden Schule des Ostens, weltweit bekannt für ihre Durchlässigkeit und Zugänglichkeit für alle 40, konnte ihr nicht weiterhin als einziges Stützelement dienen und sie zum Erfolg führen.

    Die Einheitlichkeit und die Differenzierung haben sich als Gegensätze erwiesen. So setzte man unbewußt Hindernisse in den Weg der ursprünglich guten Idee vom allseitig entwickelten Menschen.

    Die Polytechnisierung wurde nicht kontinuierlich erreicht, so daß die Absolventen weit weg vom realen Leben, von der Praxis in den Betrieben, von der körperlichen Arbeit blieben.41

    „Aber die Erfahrungen von zwanzig Entwicklungsjahren der Mittelschulen, vor allem der Zeit nach dem Jahre 1960, haben gezeigt, daß die(se) Annäherung des Inhaltes der allgemeinen und fachlichen Bildung an verschiedenen Schulen offensichtlich ihre Grenzen hat; werden diese Grenzen überschritten, so ist die Hauptaufgabe der Schule gefährdet...” 42

     

    Nach der Wende

    Die Wende im November 1989 brachte teilweise einige Änderungen in der mittleren Schule. Diese Zeit ist von vielen Reformvorschlägen gekennzeichnet. Dem Bildungswesen im Land wird keine bedeutende Priorität zugemessen. Es ist bezeichnend, daß die verschiedenen Parteien im Land - sowohl die regierende als auch die Opposition - die gleiche Meinung zu dieser Frage vertreten. Aus diesen Gründen werden in der Zukunft wenig positive Änderungen erwartet.43
    Hier werden wir nun einige neue Elemente der allgemeinbildenden Schule vorstellen. Es gibt bereits staatliche und private pädagogische Einrichtungen. Die privaten sind nur nach der Bestätigung des Bildungsministeriums im Land möglich bei Erfüllung bestimmter Bedingungen. Diese Schulen bekommen für jeden Schüler im schulpflichtige Alter einen finanziellen Zuschuß.
    44 Unabhängig von der Art der Schule bekommen die Schüler in diesem Alter einmal in jedem Schuljahr kostenlose Schulbücher.

    Die staatlichen Bildungsstrukturen umfassen dieselben Stufen wie vor der Wende: Anfangsschule (4 Jahre), Progymnasium (4 Jahre nach der Anfangsschule), Mittelschule (3 bis 5 Jahre über dem Progymnasium), Halbhochschule (3 Jahre nach der Mittelschule), Hochschule (4 bis 5 Jahre nach der Mittelschule oder 2 - 3 Jahre nach der Halbhochschule).45

    In der allgemeinbildende Schule sind die Fächer unterteilt in Pflicht-, Wahlpflicht- und fakultative (freiwillig ausgewählte) Fächer. Zu den ersten gehören solche, die ein bestimmtes Minimum an Kenntnissen im Bereich der Wissenschaft, Kultur und der öffentlichen Praxis für alle Schüler garantieren sollen. Zur zweiten Gruppe gehören Fächer - 3 bis 4 müssen von den Schülern nach Wunsch ausgewählt werden - die eine Vertiefung der Kenntnisse in bestimmten Fachbereichen des Gymnasiums ermöglichen. In zwei dieser Fächer können die Schüler die Matura-Prüfung ablegen. Zu den fakultativen Fächern zählen z.B. Stenografie, Maschineschreiben, Psychologie, Sport, Fremdsprachen u.a. Sie werden außerhalb der schulischen Pflichtzeit unterrichtet und dienen dazu, spezifische Interessen und Bedürfnisse der Schüler abzudecken.46 Aufgrund dieser Teilung der Fächer sind Spezialklassen in einer Schule (profilierte Klassen genannt) oder Spezialgymnasien (profilierte Gymnasien) möglich. Als Beispiel geben wir hier einige Gymnasien:

    Humanistische Gymnasien mit dem Profil: Geschichte, Philosophie, Biologie, Geologie, Chemie, Mathematik u.a.,

    Fremdsprachengymnasien mit dem Profil: westeuropäische, alte, slawische u.a. Sprachen,

    Berufsgymnasien: das Profil bedeutet hier eine Berufsspezialisierung, außer dem Abitur bekommt man ein Zertifikat für eine bestimmte Fachqualifikation.

    Abbildung 2 Verteilung der Schüler in den Gymnasien nach der Wende 1989/1990.

    Quelle:47

    In der Berufsausbildung ist als neues Element die Möglichkeit berufstechnischer Schulen mit Bewerbung nach der 6. Klasse vorgesehen. Diese ermöglichen den Erwerb einer beruflichen Qualifikation und Abschluß der 8. Klasse.48

    Den Lehrern wird eine gewisse Freiheit eingeräumt bei der Umgestaltung der Lehrinhalte. In der Liste der Gehälter stehen die Lehrer an einer der letzten Stellen, was ihre Arbeitsmotivation eindeutig beeinflußt. Zum ersten Mal gab es nach der Wende Streiks der Lehrer, die stark negative Auswirkungen auf die Organisation in der Schule haben. Es sind bereits mehr Gewerkschaften vorhanden als im Sozialismus. Diese führen jedoch eigentlich nur einen Machtkampf, ohne die realen Interessen der Lehrer wahrzunehmen. Dies bewirkt eine noch größere Apathie in der Arbeit der Lehrer.

    Anhang

    Lehrpläne.

    Tabelle 1: Lehrpläne

    Fächer

    Anfangsschule (Std.)

    Progymnasium
    (Std.)

    Mathematik

    18,5

    17

    Bulgarische Sprache u. Literatur

    35,7

    27

    Naturwissenschaft

    2,4

    22

    Humanwissenschaft

    4,8

    8

    Sport

    14,3

    8

    Gruppenbildung

    7,2

    8

    Kunst

    17,2

    8

    Fremdsprachen

    -

    9

    Quelle:49

    Ferien.


    In Bulgarien werden nach der Wende Weihnachten und Ostern als offizielle Feiertage anerkannt, was bislang ein Tabuthema war. Seitdem liegen die Ferien wie folgt:

     

    Unterrichtsstunden und Gruppen:

    Die Anzahl der Wochenunterrichtsstunden ist wie folgt:

    An einem Schultag werden 4 bis 7 Stunden veranstaltet.

    Eine Unterrichtsstunde enthält:

     

    Die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden sind nicht kürzer als 10 und nicht länger als 30 Minuten.51