Vorschläge für die Reform.

Identifizierung der gewünschten Ziele

Im Rahmen dieser Arbeit unterscheiden wir hier zwei wesentliche, miteinander verflochtene Zielkategorien:

politische

 

berufspädagogische

(Vgl. Kapitel Das Bildungssystem , Das Berufsbildungssystem , Die Arbeitsmarktstruktur in Bulgarien)

Das Berufsbildungssystem soll vor allem

Unter einem effizienten Berufsbildungssystem versteht man in der internationalen pädagogischen Diskussion, daß bestimmte traditionelle Kriterien erfüllt sind:

  1. Verzahnungsaspekt - Es ist mit den anderen Bereichen des Bildungssystems so verzahnt, daß die Übergänge möglichst reibungslos sind.
  2. Kapazitätsaspekt - Alle Absolventen allgemeinbildender Schulen können beruflich qualifiziert werden.
  3. Weiterbildungsaspekt - Erwachsenen, die im Erwerbsleben stehen oder arbeitslos sind, bietet sich jederzeit die Möglichkeit, sich zu qualifizieren.
  4. Bedarfsaspekt, Verwertbarkeitsaspekt und Differenzierungsaspekt - Das Beschäftigungssystem wird rechtzeitig mit Absolventen ausreichend differenzierter Bildungsgänge versorgt, so daß alle Ansprüche der Betriebe erfüllt sind.
  5. Zukunftsaspekt - Die von den Absolventen erworbenen Qualifikationen sind auch für der zukünftigen Entwicklung der Arbeit und Produktion gewachsen.
  6. Regionalaspekt - Es ist auf die regionale Nachfragesituation bezogen; die regionale Entwicklung wird dabei nicht gehemmt sondern stimuliert.
  7. Beschäftigungsaspekt - möglichst allen Absolventen eröffnet sich nach Abschluß der Berufsausbildung eine Berufschance.
  8. Erfolgsquote - die Abbruchquoten in der Ausbildung sind möglichst gering.
  9. Betriebsökonomischer Aspekt - die Einrichtungen und Ausstattungen für die Berufsbildung sind sinnvoll und erlauben Nutzung über lange Zeiträume und mit hohen Auslastungsquoten.
  10. Aspekte der Demokratisierungs- und Humanisierungskompetenz - ermöglicht den Jugendlichen, sich nach eigenen Vorstellungen selbst zu entfalten und trägt zur Erweiterung und Stabilisierung von Demokratisierungsprozessen bei.1

Mögliche Modelle.

Typologie der Berufsbildungssysteme.

Die vielen vergleichenden Studien der Berufsbildungssysteme zeigen uns eine große Vielfalt. Es ist schwierig zu sagen, welches System das ideale ist bzw. die besten Ergebnisse gezeitigt hat. Greinert versucht im Jahre 1988 diese Vielfalt nach dem Kriterium: „Rolle des Staates" zu ordnen.2 Angesichts der Internationalisierung der Berufsbildung scheinen die vorgeschlagenen Konstruktionen jedoch mangelhaft zu sein. Deissinger spricht von mehrdimensionalen, Komplexität enthaltenden Ordnungsschemata derselben Systeme.3 Auch Greinert ändert seine Version vom Jahre 1988 und schlägt uns im Jahre 1995 ein relevantes Regelungsmuster: „Tradition - Markt - Bürokratie"4 vor, das offensichtlich mehrere Komponenten und Kennzeichen berücksichtigt. Angesichts dieses Regelungsmusters sowie der Analyse in den Kapiteln 3, 4 und 5 kann man institutionell gesehen den Typ des bulgarischen Berufsbildungssystems als ein Vollzeitschulmodell identifizieren. Alle Schulmodelle sind bürokratische Modelle. Trotz der angesichts der Basisbetriebe (in deutschem Sinne: Patenbetriebe) vorhandenen Elemente des dualen Systems bleibt das System vor der Wende ein bürokratisches Modell, da die Verbindungen mit diesen Betrieben „von oben” bestimmt wurden. Es gab auch Betriebe, die trotz der staatlichen Verordnungen die Beziehungen zu einigen Berufsschulen scheitern ließen, da diese von vielen als Zwang angesehen wurden. Der Staat war und ist auch weiterhin der hauptsächliche Finanzierungsträger. Nach der Wende bleibt die Berufsschule als Schulmodell weiterhin erhalten, mit dem Unterschied, daß zum ersten Mal Versuche unternommen werden, Elemente des dualen Systems von „unten” her durchzusetzen, d.h. daß vereinzelte private Unternehmen schon teilweise freiwillig Initiatoren, Anbieter von Ausbildungsplätzen und begrenzte Finanzierungsträger der Berufsbildung sind. Eine Übertragung des deutschen Musters beruflicher Ausbildung ist bisher nicht angestrebt worden. In Bulgarien ist so wie in anderen Ländern eher das Verankern einzelner dualer Komponenten möglich.5 Auch von einem „kooperativen Ausbildungsmodell” als Mischtyp im Sinne z.B. des Modells „formation en alternance” in Frankreich kann keine Rede sein.6 Da sich die vorhandenen Unternehmen in Bulgarien in einer Rezession befinden und die neu gegründeten privaten Firmen noch sehr schwach sind, können umfangreiche systematische Praktika - alternierend zwischen Schule und Betrieb - immer noch nicht erfolgen. So läßt sich das Berufsbildungssystem in Bulgarien folgendem „Qualifizierungsstil” zuordnen :

„Entscheidungsträger Staat, wissenschaftsorientiert, nach arbeitsweltbezogener schulischer Instruktion” .7

Angesichts der Geschichte der Berufsbildungspolitik und der im Lande vorhandenen Situation kann erwartet werden, daß die Reform im Bereich des Berufsbildungssystems in der Anfangsphase keine radikalen Veränderungen erzielen wird. Natürlich wird die Kooperation zwischen Schule und Betrieb in der Zukunft immer enger werden, was aber nur stufenweise realisiert werden kann.

Die Darstellung eines Reformprojektes in dem Bildungs- bzw. Berufsbildungswesen bedeutet zunächst, die allgemeinen Prinzipien von dessen Aufbau festzustellen.8 So werden auch die unten vorgelegten Reformvorschläge detailliert begründet werden, mit dem Ziel, diese Prinzipien in den Vordergrund zu stellen. Bei dem Entwurf wurde folgendes Herangehen gewählt: einige Elemente des im Lande vorhandenen Berufsbildungssystems aufgrund fundierter Kritik aus der Sicht der internationalen Berufspädagogik zu ändern und zu reformieren. In bestimmten Fällen, wo diese Methode nicht angewendet werden kann, wird die Prognose in Form von Szenario - Varianten dargestellt.

Ansatzstellen für Reformmaßnahmen sowie die Richtung des jeweiligen Reformbemühens sind weder historisch noch wissenschaftlich begründbar, vielmehr sind sie Ausdruck eines pädagogischen Wollens und einer - wie auch immer motivierten - politischen Entscheidung, ferner der wirtschaftlichen Situation und der Bildungstraditionen im Land, der geographischen und demographischen Faktoren u.a.. Es gibt keinen vollständigen Konsens über das, was dem Anspruch einer pädagogischen Reform gerecht wird und was - aus pädagogischen Gründen - als vordringlich zu gelten hat.9 Das Hauptziel der Reform ist, auch durch die Berufsausbildung Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu erreichen.

„Kooperative” Modelle und ihre Vorteile.

Struktur und Leistung der kooperativen Modelle

Wesentliches Merkmal der Struktur solcher Modelle ist, daß die berufliche Bildung vorwiegend private Finanzierungsträger hat, während sie in das staatlichen Bildungssystem eingebettet bleibt. Die Entscheidung für ein kooperatives Modell gründet sich vor allem auf seine Hauptvorteile, u.a. folgende:

Ausgangsbedingungen in Bulgarien

Die Analyse und Darstellung in Kapitel 3, 4 und 5 hat uns gezeigt, daß die aktuelle Situation in Bulgarien zur Zeit ein duales System ausschließen würde. Unter aktuelle Situation im Land versteht man zusammenfassend:

Als besonders notwendig im Land sowie auch in den meisten Ostblockländern erweisen sich kurz- und langfristige Maßnahmen, um das noch bestehende „alte” Berufsbildungssystem zu leiten und an einem künftigen Modell zu orientieren, ohne dabei die vorhandenen Aktivitäten und Verantwortlichkeiten an der Basis zu beschränken.11 Hier kann man nicht von einem bestimmten Algorithmus des Aufbaus sprechen, sondern von einem an die konkreten Bedingungen und Gegebenheiten dynamisch und flexibel anzupassenden Verfahren. Jede Verzögerung kann hier Schaden an dem Berufsbildungssystem verursachen.

Unter ähnlichen Bedingungen stehen auch andere Entwicklungsländer, die inzwischen ihre Wahl für kooperative Ausbildungsmodelle getroffen haben. Das Einführen solch kooperativer Strukturen kann diesen Ländern helfen, berufliche Bildung effizienter zu gestalten.12 Wir entscheiden uns deshalb für ein weniger kompliziertes kooperatives Modell als das duale in der BRD, z.B. für eines lateinamerikanischer Prägung. Das bedeutet, das es durch schulische und/oder überbetriebliche Lehrwerkstätten unterstützt wird und sich allmählich zu einem dualen System wandeln kann. Alle kooperativen oder „dual” genannten Ausbildungsmodelle haben ein gemeinsames Ziel: die Einbeziehung privater Betriebe in die Berufsausbildung. Diese Beteiligung kann bezüglich der Planung, Organisation, Aufsicht, Finanzierung etc. zahlreichen Organisationsmodellen folgen, da der staatlich - öffentliche und der private Anteil variabel sein können.13 Das lateinamerikanische Modell ist im Sinne einer Übertragung auf die Berufsbildungshilfe bedürftiger Länder eine einfache und pragmatische Lösung. Es stützt sich auf das Fondsprinzip.14 Das kooperative Modell bedeutet vor allem ein Zusammenspiel zwischen Staat und Wirtschaft, Berufsschule und Unternehmen, Praxis und Theorie, und ist für die Linderung der zahlreichen Berufsbildungsprobleme, mit denen sich Entwicklungsländer konfrontiert sehen, besonders geeignet.15 Die bulgarischen Berufsbildungsexperten haben gewisse Befürchtungen und leisten Widerstand gegen ein eventuelles, zukünftiges „duales” System. Deshalb sprechen wir heute „vernünftigerweise nicht mehr von dem dualen System” , sondern identifizieren es als „kooperatives” Modell.16

 

Möglicher Transformationsprozess

Entbürokratisierung des Berufsbildungssystems

Unter Entbürokratisierung des Berufsbildungssystems verstehen wir, daß sich an ihm nicht mehr nur das Bildungsministerium beteiligt und ausschlaggebend bleibt, sondern auch andere daran interessierte Institutionen. Jede Änderung in Richtung allgemeiner Dezentralisierung wirkt sich am meisten als Änderung der Verwaltung und Steuerung im Bildungswesen aus.17 Das System wird in der Zukunft offen für alle aktiven Elemente sein. Um eine Stabilität des Bildungssystems zu erreichen, benötigt man eine Möglichkeit zum gegenseitigen Informationstransfer, d.h. nach „innen” und nach „außen” muß auf allen Ebenen kommuniziert werden können.18 Die Entbürokratisierung könnte folgende Elemente beinhalten:

Das Bildungsministerium behält die leitende und koordinierende Funktion beim Übergang auf die freien Marktwirtschaft. Es ist zu erwarten, daß auch weiterhin diese Funktion langfristig erhalten bleibt, ohne jedoch ein Bildungsmonopol zu sein. Die Funktion wird sich allmählich von „staatlich gesteuert” in „staatlich flankiert” 19 wandeln. Die Rahmenbedingungen und Verfahren der Berufsausbildung werden weiterhin vom Staat bestimmt, die Fachinhalte immer mehr von den Unternehmen. Zur Organisation dieser Verzahnung zwischen Staat und Wirtschaft sind stabile, hoch differenzierte und
entwickelte Institutionen notwendig, die für die Regulierung, Finanzierung, Durchführung, Kontrolle und andere Betätigungsfelder der Berufsausbildung verantwortlich sind. Diese Institutionen entsenden ihre Vertreter in die Gremien als Repräsentanten der sogenannten Sozialparteien, was die oben genannten Fragen betrifft. Bei dem werden staatliche sowie private Interessen verknüpft.
20

Als in diesem Sinne an dem Ausbildungsprozeß aktiv Beteiligte werden folgende Partner stärker herangezogen:

Ministerien der jeweiligen Berufszweige. Mit der Bildungsreform im Jahre 1979 wurde den einzelnen Ministerien die Verantwortung gegenüber der Berufsausbildung abgenommen.21 Später wurde dies als Fehler bezeichnet. In der Übergangsphase sind besonders große Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den für die Berufsausbildung verantwortlichen Ministerien und den neu gegründeten Branchenministerien zu beobachten 22, die durch die Reform überwunden werden müssen.

Staatliche Betriebe. Sie spielen weiterhin eine bedeutende und stützende Rolle - einige davon waren die bisherigen „Basisbetriebe” , die momentan aus wirtschaftlichen Gründen reduziert arbeiten müssen und sehr wenig Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen können. Die einheimischen Erfahrungen mit den „Basisbetrieben” ergeben, vergleichbar mit den Großbetrieben in Deutschland, daß diese gewöhnlich ihre Pflichten für die Berufsausbildung ernst nehmen.23

Neu gegründete KMU in dem selben oder der jeweiligen Ausbildung nahestehenden Fachgebieten machen in Bulgarien ihre ersten Schritte in der Berufsausbildung. Die KMU, die über einen dynamischen Sektor verfügen, spielen in Bulgarien eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Wirtschaft 24. Aus diesen Gründen muß die Berufsausbildung eng daran angepaßt werden und auf diesem Gebiet bauen können. Die Kleingewerbebetriebe auf den Gebieten: Tourismus, Gastronomie, Dienstleistungen, Landwirtschaft, Leichtindustrie, Gärtnerei, Wirtschaft, Bankwesen und Management u.a. werden auch in der Zukunft hohe Priorität haben. In vielen KMU, unabhängig in welchem Land, läßt aber die Interessenvertretung in Sachen der beruflichen Bildung zu wünschen übrig.25 KMU spielen sehr oft eine indirektere Rolle bei der Schaffung von einheimischen Arbeitsplätzen als Großbetriebe, was in vielen Fällen in den meisten Ländern zu einer Unterschätzung führt. Förderungsprojekte für Kleingewerbe waren bislang nur in einigen Ansätzen erfolgreich und die Schwierigkeit besteht darin, Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen und Organisationen der Selbstverwaltung konstruktiv zu verbinden.26 Sehr oft erkennen Inhaber von KMU weltweit und auch in Bulgarien, daß die Quelle von Verbesserungsprozessen nicht unbedingt bei neuen Maschinen und Technologien liegt, sondern im Besitz von neuen, modernen Qualifikationen der Beschäftigten.27 Dabei versäumen es viele Inhaber von KMU, ihre Qualifikationsanforderungen auszusprechen. So gerät man in die bekannte paradoxe Arbeitsmarktsituation, die in vielen Entwicklungsländern vorhanden ist: KMU einerseits suchen dringend Fachkräfte, andererseits können die Absolventen der meisten Berufsschulen aufgrund mangelhaften Ausbildungszuschnitts keine Arbeit in ihrem Berufszweig finden.28

Vertreter der Landwirtschaft. Für alle Fachgebiete in der Berufsausbildung bleiben sie auch weiterhin die Ansprechpartner sowie Berater und Anbieter von günstigen Sommerpraktikumsplätzen. Durch die Erforschung der Arbeitsmarktstruktur wurde sichtbar, daß die Landwirtschaft vor wie nach der Wende unter einer tiefen Krise gelitten hat. Im Gegensatz zu früher nun freiwillig können die Schüler auch weiterhin an Arbeitseinsätzen in der Landwirtschaft teilnehmen, ohne bestimmte Lehrinhalte zu erwerben. Die Nutzen in diesem Prozeß sind gegenseitig: Billige Arbeitskräfte für die Landwirtschaft, besonders in der Erntezeit, Stärkung dieses lange Zeit benachteiligten Bereichs; Entlohnung für die Auszubildenden sowie die Gelegenheit, bestimmte interessante Arbeitssituationen anzutreffen. Diese Praktikumsplätze würden jederzeit bei den Berufsschulen, Arbeitsämtern und bestimmten Unternehmen in der Landwirtschaft verfügbar sein.

Die Arbeitsämter. Nach der Wende neu formiert, sind sie Vermittler und Erforscher der genauen Prognosen für die vorhandenen Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Es kann sich die Bildungsplanung nicht mehr wie in der Planwirtschaft an dem errechneten oder geschätzten Bedarf an verschiedenen qualifizierten Arbeitskräften orientieren, da Bildungssystem und Beschäftigungsbereich nicht völlig „verkoppelt” werden kann 29. Wenn die Fachrichtungen der Berufsbildung nicht schnell und flexibel an die Änderungen der Arbeitsmarktstruktur angepaßt werden können, geht man das Risiko ein, noch mehr Arbeitslosigkeit im Land zu erzeugen. Auch das Bildungsministerium sieht die Notwendigkeit eines besseren „Systems zur Prognose des Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften” im Land, ohne jedoch konkrete Maßnahmen zur praktischen Durchführung zu ergreifen. Die Berufsschulen nehmen immer noch so viele Schüler auf wie ihre Kapazität erlaubt, eine Praxis der vergangenen „sozialistischen” Jahre, die aber für die Übergangsperiode nicht gerechtfertigt sein kann 30 . Zur Zeit zeigt der Arbeitsmarkt eine starke Instabilität. Es existiert eine breite Gruppe von Arbeitnehmern - vorwiegend Arbeiter und Fachkräfte verschiedenen Alters und Berufs - ohne Aussicht auf eine baldige Nachfrage nach deren Qualifikationen 31. Der Arbeitsmarkt muß hier eine direkte Steuerung sein, sonst wäre jeder Reformschritt eine Illusion. In bestimmten Fällen oder Branchen muß die Nomenklatur der staatlich anerkannten Berufe jährlich aktualisiert werden mit einer voraussichtlichen Prognose im Rahmen von ca. 5 Jahren. Gleichzeitig muß auch bemerkt werden, daß es zwischen den kurz- und langfristigen Anforderungen an die Qualifikationen der Arbeitskräfte immer einen Widerspruch gibt. Die Ausbildungsqualifikationen müssen daher weiter vermittelt werden, auch wenn bereits absehbar ist, daß der Strukturwandel eine langfristige Umorientierung erfordert 32.

„Perspektivische Überlegung und möglicherweise größere Veränderungen erfordern die Beschlüsse zur Integrationspolitik innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.” 33

IHK, HwK, andere Kammern. Arbeitgeberverbände, existierende oder künftige Fachverbände müssen sehr aktiv an der Berufsausbildung beteiligt werden. „Kammern sind regionale Organisationen der Wirtschaft mit Zwangsmitgliedschaft; alle Unternehmen einer Region müssen ihnen angehören.” 34 Auch in dieser Beziehung gibt es in fast allen Ostblockländern in der Arbeit der sich gerade erst formierenden Kammern Schwierigkeiten. Die Mitwirkung der Verbände bei einer künftigen zwischen Schule und Betrieb alternierenden Berufsausbildung ist als kooperatives Modell jedoch von großer Bedeutung 35. Fachverbände sind im Aufbau. So wurde z.B. nach einem gut gelungen Pilotprojekt mit deutscher Berufsbildungshilfe in der Fachrichtung HSKK derselbe einheimische Fachverband gegründet, der bereits gut mit dem deutschen kooperiert.36

Verschiedene Gewerkschaften. Diese sind momentan eher mit politischen Aufgaben beschäftigt. Ein größeres Interesse sowie Beteiligung an Berufsbildungsprojekten ist erforderlich. So sind bei Entscheidungen sowie dem Erlaß von Ausbildungsverordnungen auf der nationalen Ebene in Deutschland Vertreter von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und den einzelnen Bundesländern einbezogen. Der Abstimmungsprozeß ist langwierig und kompliziert, und mit Meinungsverschiedenheiten bei der Entscheidungsfindung muß man rechnen.37 Also müssen hier die verschiedenen Gewerkschaften eine bedeutende und einflußreiche Rolle spielen.

Die Kommunen nach regionalem Prinzip. Hier wird erwartet, daß bessere Recherchen geführt werden, um den aktuellen Bedarf an Fachkräften sowie die Anforderungen der Betriebe an Qualifikationen in den Bezirken festzustellen. Ein Vergleich mit den Landesausschüssen für Berufsbildung in Deutschland auf der regionalen Ebene ist angebracht. Ihre Aufgabe ist es, die Arbeit der Kammern im Bereich Berufsbildung zu beeinflussen.38

Die Elternverbände. Sie können oft eine unschätzbare Hilfe sein. Die Eltern sind direkt interessiert an der Ausbildung ihrer Kinder. Potentielle Kräfte können hier erfolgreich in verschiedenen Betätigungsfeldern einbezogen werden.

Die Sponsoren und ehrenamtliche Mitarbeiter machen auf diesem Gebiet auch ihre ersten Schritte. Einheimische Sponsoren sind trotzdem wenig vorhanden, weshalb eine gute Aufklärung und Werbung notwendig wäre. Ehrenamtliche Mitarbeiter so wie in Deutschland sind in keinem Gebiet vorhanden.

Die Schülerverbände sind oft „Generatoren von Ideen” , Ausgangspunkte vieler Innovationen, die jedoch bislang leider geringgeachtet wurden.

Das „Inspektorat” sowie alle anderen dafür zuständigen Kontrollorgane unterstützen das Vorhaben. Sie überprüfen die Durchführung der begonnenen Maßnahmen. Durch eine Fachanalyse im Jahre 1985 wurde festgestellt, daß die Durchführung der Gesetze für die Realisierung der Reform 1979 kaum kontrolliert worden waren 39. Auch weiterhin würde jede Reform ohne die öffentliche Aufsicht über deren Einhaltung scheitern.

 

Gesetzliche Regelung

Das Kammergesetz

Natürlich könnte nicht erwartet werden, daß die Arbeit aller dieser Institutionen bzw. der Sozialparteien freiwillig und reibungslos verlaufen wird. Die Verabschiebung eines Gesetzes - in diesem Falle vergleichbar mit dem deutschen Kammergesetz - das diese Arbeit verankert, wäre einer der wichtigsten Schritte in der Berufsbildungsreform. Das Mitwirken der organisierten Sozialparteien bei der Bestimmung von Zielen, Inhalten, Anforderungen der Ausbildungstätigkeit muß nach dem Konsensprinzip und zwar im Sinne eines Einigungszwangs verlaufen.40 Der allmähliche Wandel des Berufsbildungssystems von einem kooperativen Ausbildungsmodell hin zu einem Dualen System bedingt die Verabschiedung eines Kammergesetzes.41

„Im Rahmen des demokratischen Aufbruches wurde das Gesetz über die Volksbildung neu formuliert. Die Struktur des Berufsbildungssektors wurde dabei nicht berührt. Dem stand das öffentliche Interesse wie auch die Situation der Wirtschaft entgegen” 42

Die Zahl der Verbände und Kammern aus bestimmten Wirtschaftszweigen, die bereits freiwillig dem Bildungsministerium ihre Mitarbeit zur Bestimmung von Qualifikationen, Curricula und Abschlußprüfungen der Auszubildenden bieten, ist bei weitem nicht ausreichend. Hier ist immer noch Nachholbedarf. Die Mitarbeiter der Kammern benötigen praktische System- und Organisationsberatung für die Einführung einer neuen kooperativen Ausbildung. Die industriell - gewerblichen Betriebe müssen erst einmal von den Vorteilen einer betrieblichen Berufsausbildung als Investitionsfaktor überzeugt werden und auch gleichzeitig bei der Durchführung derselben fortlaufend beraten werden. 43

Das Kammergesetz ist dringend notwendig, welches die Zuständigkeiten der Wirtschaft in der beruflichen Bildung regelt und sie fest in die Verantwortung für die Ausbildung einbindet, und das wird in der Öffentlichkeit immer mehr gesehen 44.

Es ist zu erwarten, daß die Zusammenarbeit nach gesetzlichen Regeln besser funktionieren würde. In diesem Sinne würde das Berufsbildungssystem im Land nicht nur „offen” für alle Institutionen und aktiven Elemente sein, sondern auch gleichzeitig auf diesen aufbauen. Bei dem Streben nach Dezentralisierung wird die Berufsschule immer offener allen ihren Partner gegenüber, so wie das z.B. in Frankreich realisiert wurde 45. In dem Gesetz für Volksbildung von 1991 ist das in Bulgarien nicht deutlich zu sehen. Auch wenn wir annehmen würden, daß Versuche gemacht wurden, sich an das französische Modell anzunähern, regiert das Bildungsministerium gegenwärtig nach dem Prinzip des absoluten Zentralismus 46. Das ist noch ein Hinweis darauf, daß man Bildungsmodelle oder Gesetze anderer Länder nicht automatisch übertragen kann.

Die Schwierigkeiten bei einem Kammergesetz entstehen bei dem Versuch, durch Rechtskonstruktionen private Organisationen, Unternehmen oder Verbände mit öffentlichen Aufgaben und Aufsichten zu beauftragen. Aus der Geschichte der Regelungsordnung des Dualen Systems in der BRD ist zu ersehen, daß das Wesentliche an einem Kammergesetz folgendes wäre:

Die Einbeziehung praktisch aller Wirtschafts- bzw. Tätigkeitsbereiche in die Berufsausbildung, dabei müssen einzelne Betriebe nicht unbedingt beteiligt werden;

Die Übertragung von Durchführungs- und Kontrollaufgaben an private Körperschaften, die Kammern;

Die staatlich anerkannte Ausbildungsordnung und Berufe;

Ein gesetzlich abgesichertes Mitwirkungsrecht der Gewerkschaften, der Bildungsbürokratie, der Vertreter der Berufsschullehrer.47

Der Übergang zu einem Kammergesetz müßte in Bulgarien äußerst vorsichtig vollzogen werden, da die Erfahrungen von Deutschland uns gezeigt haben, daß es vielmals scheiterte. Die Geschichte dieses Gesetzes führt uns logisch zu der Frage: ist ein Kammergesetz nur eine „Deutsche Spezialität” ?; und wenn nicht, wie weit und sinnvoll kann man es für die Zwecke der Berufsausbildung in Bulgarien verwenden?

„Die Bewältigung dieser gewaltigen Qualifizierungsaufgabe kann nur durch eine konzentrierte Aktion aller Kräfte in den Reformländern gelingen. Sie kann nicht alleine von staatlichen Stellen, d.h. etwa vom Schulsystem der betreffenden Länder, erwartet werden. Es wird entscheidend darauf ankommen, in welcher Form sich die Organisationen der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, also Kammern, Verbände, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, in diesen Qualifizierungsprozeß einschalten können.” 48

Ein Kammergesetz bedingt eine Pflichtmitgliedschaft der einzelnen Institutionen, obwohl am Anfang ein Widerstand einzelner oder mehrerer Teilnehmer, staatliche Aufgaben zu übernehmen, vorhanden wäre. Ohne eine Pflichtmitgliedschaft der Sozialparteien hätte es keinen Sinn, diesen Reformschritt zu unternehmen. Die andere Alternative - keine Pflichtmitgliedschaft - führt automatisch zu der Frage: ist die Zeit im Land sowie die Unternehmen, Strukturen und Institutionen wirklich so reif?

Dieses Gesetz ist ein natürlicher Schutz gegen eventuelle Mißerfolge in der Berufsbildung, gleichzeitig eine Garantie für die Existenz bestimmter Qualifikationsnormen, Fürsorge für die Aus- und Weiterbildung der Betriebe und eine große Entlastung auf der Aufgabenebene für den Staat. So zeigen z.B. die Erfahrungen von Ungarn, wo dieses Gesetz bereits verabschiedet wurde, daß die Sozialpartner in der schwierigen Anfangsphase erst mühsam überzeugt werden mußten und viele dagegen waren nach dem Motto „der bisherige kommunistische Zwang reicht!” . War jedoch das Kammergesetz erst einmal angelaufen, war eine überwiegende Mehrheit der Partner für seine Fortsetzung.49

Die Mitgliedschaftsgebühren richten sich nach dem Umsatz der einzelnen Gewerbezweige pro Jahr. Sinnvoll wäre es, drei verschieden Kammersysteme zu entwickeln, da Bulgarien ein kleines Land ist, vorwiegend als Agrarland sich bewiesen hat und zur Zeit nur über KMU verfügt. Das wären in Bulgarien die Kammern für Industrie, Handwerk und Landwirtschaft. Im Gegensatz dazu funktionieren momentan in der Bundesrepublik, der hochentwickelten Wirtschaft entsprechend, acht Kammersysteme 50. Besonders in der Anfangsphase muß man mit großen Schwierigkeiten rechnen, so daß gerade da besondere Aufmerksamkeit vom Staat erforderlich ist. So wäre dies ohne staatliche Unterstützung am Anfang nicht möglich. Die Einrichtungen dafür müssen für ca. 1 Jahr voraus vom Staat finanziert werden.

Inhalt dieses Gesetzes in Bulgarien wird aufgrund der existierenden Situation folgendes sein:

Um ein Gleichgewicht in den Gesetzesmaßnahmen zu erreichen, muß vor allem eine Angleichung an die internationalen Regeln und Verordnungen, sowie die Ausbildung (Anerkennung von verschiedenen Diplomabschlüssen - große Migration von Leuten) vollzogen werden.52

 

Das Berufsbildungsgesetz

Die Unternehmen sind zur Zeit an der Ausbildung nicht genügend beteiligt. Durch ein Gesetz zur Berufsbildung würden die rechtlichen Grundlagen für eine exakte Darstellung der Ausbildungsparteien sowie von deren gegenseitigen Rechten und Verpflichtungen gelegt werden. Es kann nicht erwartet werden, daß das deutsche BBiG automatisch auf die bulgarischen Bedingungen 53 übertragen werden kann. Im Vergleich zu Deutschland hat Bulgarien andere Ausgangspunkte bezüglich der Wirtschaft und der handwerklichen Traditionen sowie der Arbeitsmarktstruktur etc. Auch wäre das Berufsbildungsgesetz als normative Grundlage erst dann möglich, wenn der Arbeitsmarkt dies zuläßt. Die meisten Ostblockländer haben die Bereitschaft, dieses Gesetz zu verabschieden und in Ungarn ist es bereits durch das Parlament verabschiedet 54. Durch die Erforschung der Arbeitsmarktstruktur in Bulgarien wurde deutlich, daß diese von einer starken Dynamik gekennzeichnet ist. Danach müßten sich die Prioritäten und Zeitpläne in dem zukünftigen Gesetz richten. In Frankreich wurde eine produktive und effektive Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und Unternehmen erst nach der Verabschiedung des Gesetzes für technologische und berufliche Bildung im Parlament beobachtet 55. Das Gesetz hat die Aufgabe, die Zusammenarbeit zwischen den drei Ausbildungsparteien: Berufsschule, Auszubildende und Unternehmen zu regeln, um eine effektive Berufsausbildung zu schaffen, die jederzeit an die dynamische Wirtschaftssituation angepaßt ist. Das Berufsbildungsgesetz würde folgende Elemente enthalten:

„... So ist es in Entwicklungsländern, die lediglich über erste Ansätze von geregelter Berufsausbildung verfügen, sicherlich nicht ratsam, allzu umfassende Gesetze zu erlassen. Bestimmungen, die beabsichtigte Weichenstellungen garantieren, und Detailregelungen für Erprobung noch offenhalten, sind hier sicherlich eher anzuraten.” 57

Zusammenfassend kann das Berufsbildungsrecht folgende Punkte umreißen:

 

Kostengünstige Ausbildung

Maßnahmen

Der Ausbildungsort „Betrieb” (staatliche und private Unternehmen) wird bei allen Fragen, welche die Ausbildung betreffen, wachsend vertreten sein. Die Lehrlingsausbildung in ausschließlicher Verantwortung der Betriebe kann erst allmählich realisiert werden 58. Das Gesetz läßt daher zu, daß die Berufsschulen, soweit sie über entsprechende Lehrwerkstätten verfügen, die volle Ausbildung durchführen, was besonders wichtig in der Etappe des Übergangs ist.

Curricula - das Bildungsministerium steuert die Richtlinien und Rahmenpläne, die Unternehmen den aktuellen Stand der Fachelemente. Die Reform bedingt qualitativ ganz neue und quantitativ gut aufeinander abgestimmte theoretische Inhalte. Hier ist auch eine Verzahnung zwischen den einzelnen gewerblich - technischen Fächern notwendig, ohne die „alte” Praxis der sich überschneidenden Inhalte zu wiederholen. Ohne Beteiligung der Sozialpartner wäre die fachliche Abstimmung des Lehrstoffes nicht möglich.

Abbildung 1: Curricula


Praktikumsplätze während des ganzen Schuljahres

Bezahlung der Schüler. Diese wird weiterhin einerseits durch den Nettogewinn der Berufsschule aus eigener Produktion, Dienstleistungen etc. kommen, andererseits durch eine Ausbildungsvergütung im Unternehmen, was durch das Berufsbildungsgesetz geregelt wird. Das Gehalt der Auszubildenden wird ein bestimmter Prozentsatz vom Minimaleinkommen im Land sein, so wie es auch in anderen Ländern mit kooperativen Modellen geregelt ist.

Arbeitsvertrag Schüler - Betrieb - Berufsschule. Der Vertag muß für die bulgarischen Bedingungen folgende Pflichtelemente enthalten: Art und Dauer der Berufsausbildung (Anfangs - und Abschlußdatum), Länge des Arbeitstages, Höhe der Vergütung, zu erwerbende Kenntnisse und Fähigkeiten in der Berufsausbildung u.a. 59 Die Berufsschule ist im Prinzip der Vertragspartner und weist den Ausbildungsbetrieb zu, muß den Ausbildungsvertrag gegenzeichnen, welcher erst dann in Kraft tritt. Das Gegenzeichnen begründet zugleich das Rechtsverhältnis als Schüler in der Berufsschule während der Ausbildung 60. So ist der Auszubildende einerseits Schüler in der Berufsschule, andererseits Arbeiter im Betrieb. Der Vertrag legt die gegenseitigen Verantwortungen und Rechte der drei Parteien fest.

Praxisorientierte Ausbildung (nach den modernsten Technologien, Arbeitsbedingungen usw.), d.h. „verwendbare” Qualifikationen können am besten in der realen Arbeits-umgebung selbst erworben werden 61. Je mehr die Ausbildung von der Praxis entfernt ist, desto größer ist das Risiko, nur Theoretiker heranzubilden, die morgen in der Praxis hilflos sind.

Das Unternehmen als Ausbildungspartner wird sich immer mehr an der Ausrüstung und Ausstattung der schulischen Lehrwerkstatt oder anderer überbetrieblicher Lehrstellen beteiligen. Dabei darf aber nicht übersehen werden - und die Bundesrepublik bildet hier keine Ausnahme -, daß in jedem Fall eine schulisch organisierte Ausbildung im technisch - gewerblichen Bereich immer hinter der modernsten technologischen Entwicklung zurückbleiben wird.62

Die Arten von Partnerschaften zwischen Schule und Wirtschaft zeigen in den meisten europäischen Staaten eine große Vielfalt. Die von den meisten Regierungen vorgeschriebenen Partnerschaften zeigen auch in Bulgarien ähnliche Tendenzen und zwar sind dies: Betriebspraktika, Betriebsbesuche, Übungsfirmen (erst im Aufbau), Mentorenverhältnisse zwischen Schülern und angehörigen Firmen.63 Die Partnerschaften sind nicht nur für Schüler wichtig sondern auch für die Lehrer. Eine Verbesserung der Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen für moderne Ausbilder im Land unter Einbeziehung der Wirtschaft ist zu empfehlen. Dabei bewirkt das Zusammenleben in der Partnerschaft angesichts von Bündnissen, gemeinsame Zielvorgaben, Veränderungen an der Schule und darüber hinaus viel mehr als eine einfache Verbindung zwischen Schule und Wirtschaft.64 Auf der internationalen Ebene existiert die Tendenz einer Entfernung der Lehrer von der Praxis. Dies betrifft besonders diejenigen, die einen akademischen Abschluß haben, da sie immer geneigt sind, die theoretischen Kenntnisse und allgemeinbildenden Inhalte im Vergleich mit der Fachpraxis einen zu hohen Stellenwert beizumessen. Den permanente Kontakt zu Unternehmen empfinden sie eher als Einmischung in ihre Arbeit.65

Die Beteiligung der Unternehmen an der beruflichen Ausbildung kann entweder freiwillig oder pflichtmäßig - durch gesetzliche Maßnamen - realisiert werden. Die Erfahrungen einiger Länder zeigen in Bezug auf eine Steuererhebung für Ausbildungszwecke, daß diese nicht immer erfolgreich ist, weil sie als Zwangsmaßnahme angesehen wird. Es wird immer Betriebe geben, die sich vor diesen Steuern zu drücken versuchen.

„Es verwundert nicht, daß die Betriebe - angesichts fehlender Gegenleistungen des Staates - derartige Zwangsmaßnahmen mit allerlei Tricks zu unterlaufen suchen.” 66

Anstatt das Interesse an der Ausbildung zu festigen, geschieht genau das Gegenteil - Abstoßung, was nie wieder rückgängig zu machen ist. So erweist sich diese Pflicht sehr oft als sinnlos. Bei einer freiwilligen Beteiligung der Unternehmen könnte der Staat andere und attraktivere Vorgehensweisen wählen. Ausbildungsprämien, Steuerermäßigungen, günstige Kredite oder andere finanzielle Anreize, welche gesetzlich geregelt und gesichert sind, werden dabei für diejenigen Betriebe vorgesehen, die eine Ausbildung durchführen, Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. So wird z.B. in Deutschland nach dem Ausbildungsplatzförderungsgesetz eine Ausbildungsplatzprämie erst dann gezahlt, wenn zusätzlich zu den im Durchschnitt der letzten drei Jahre vor Inkrafttreten der Finanzierungsregelung bestehenden Ausbildungsverhältnissen in einem Betrieb neue Ausbildungsverträge abgeschlossen werden. 67 So werden in der Türkei z.B. laut Berufsbildungsgesetz Nr. 3308/1986 nachträglich 50% der Abgabe erstattet, wenn ein Betrieb (mit mehr als 50 Mitarbeitern) den vorgeschriebenen Anteil von 5 bis 10 % der Arbeitsplätze für Ausbildungsplätze zur Verfügung stellt.68

Auch wenn die Unternehmen in Bulgarien in der Phase des Übergangs nicht 100% der Aufgabe der finanziellen Beteiligung erfüllen können, ist trotzdem ein Profit für alle drei Parteien vorhanden:

Partei Berufsschule - bekommt günstige Materialien, Rohstoffe, Aufträge, in bestimmtem Maß technische Ausrüstung oder Technologien durch die Unternehmen. Dabei ist zu bemerken, daß eine Berufsschule jetzt mit mehreren Unternehmen in Verbindung sein kann und nicht wie früher nur mit einem (höchstens 2 bis 3) Basisbetrieben.

Partei Unternehmen - bekommt durch die Berufsschule am Anfang billige Arbeitskräfte sowie Möglichkeiten, die eigene Produktion zu erweitern oder Dienstleistungen durch die Berufsschule zu realisieren.

Partei Auszubildender - bekommt in der realen Umgebung des Unternehmens die Möglichkeit, auf viele und interessante Arbeitssituationen zu treffen und überwindet den Einstellungsstreß leichter.

Tabelle 1: Szenario Ausbildungsort „Betrieb”

Minimum

Mittel

Maximum

ist nicht vorhanden

teilweise vorhanden

übernimmt die ganze Ausbildungsfunktion

Die Anforderungen an den Auszubildenden (welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Berufsqualifikationen er besitzen muß) sind durch das Unternehmen bzw. den Arbeitgeber am besten festzustellen. Nur dann könnte gesagt werden, daß die Qualität der Berufsausbildung bedarfsgerecht ist.69 In Zukunft muß der qualitative sowie quantitative Bedarf der Betriebe gut erforscht und danach die Berufsausbildung ausgerichtet werden.

Die Berufsausbildung an dem vorhandenen und dem zukünftigen Arbeitsmarkt orientieren: Eine Prognose mit kurz- und langfristigem Rahmen (nach der gegenwärtigen und voraussichtlichen wirtschaftlichen Situation) erstellen zu können, wäre erstrebenswert.

Berufsberatung und Berufsorientierung - eine Aufgabe, die bislang noch nicht genug wahrgenommen wurde. Nach der Wende 1989 entstanden pädagogische Beratungsstellen zur Unterstützung der Schüler und deren Eltern bei der Wahl eines künftigen Berufes. Dort sind bereits die notwendigen Informationen über die Berufe und die für deren Ausübung notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügbar; Information über die in der Region momentan freien Arbeitsstellen und den Qualifikationsbedarf in den einzelnen Betrieben sowie die Bedingungen einer möglichen Weiter- oder Fortbildung.70 Natürlich ist die Zahl der vorhandenen Beratungsstellen nicht ausreichend, und in Zukunft müssen sie in ein Netz mit Filialen umgestaltet werden. Sinnvoll wäre auch die Einrichtung von großen Berufsinformationszentren nach dem deutschen Modell bei den zuständigen Arbeitsämtern mit ihrem umfassenden Informationsmaterial als Ergänzung der persönlichen Beratungsgespräche der Jugendlichen in der Schule, in den Berufsberatungsstellen u.a.71

 

Vision eines künftigen Modells

Ein Marktmodell der Berufsausbildung ist mit dem Aufbau der ersten privaten Firmen möglich. Diese wären die ersten Anbieter von Ausbildungsplätzen. Natürlich ist am Anfang nur ein begrenzter Bereich von Berufen wie: Innen- und Außenhandel, Friseure, Bäcker- und Konditormeister, Immobilienmakler, Hotelgewerbe, Restaurants u.a. verfügbar. Teilweise können dieselben auch Ausbildungsplätze für andere Berufe zur Verfügung stellen, wo die Möglichkeiten der Industrie fehlen, wie z.B. Elektrotechnik, Elektronik, Maschinenbau u.a.

Natürlich kann man Berufe, die im Moment nicht so nachgefragt werden, nicht mehr aktuell sind oder für die keine Möglichkeiten des Lernorts „Betrieb” da sind, nicht vollkommen wegstreichen. Die Ausbildungsplätze hierfür könnte man in der ersten Aufbauphase in anderen Bereichen finden wie z.B. Landwirtschaft, Bauwesen, freie Berufe, Transport, Bulgarische Bahn, Post u.a., wo es immer schon Arbeitsplätze gab.

 

Finanzierung der Berufsausbildung

Die Finanzierung ist ein wichtiger Aspekt bei der Organisation der Berufsausbildung. Heutzutage ist die Frage der Mobilisierung von Ressourcen in Entwicklungsländern sowie Ostblockländern besonders aktuell. Die Knappheit der öffentlichen Mittel durch die wirtschaftliche Situation erfordert es, auch andere alternativen Finanzierungsquellen zu suchen und nutzbar zu machen 72. Die größte Kritik an dem BBIG in Deutschland vom Jahre 1969 sowie an dem BerBiFG vom Jahre 1981 war, daß sie die Fragen der Finanzierung vollkommen ausklammerten 73. In der BRD wurden verschiedene Diskussionen und Modellversuche bezüglich der Finanzierung im Berufsbildungsbereich durchgeführt. Es bleibt auch weiterhin ein Thema der Reform des Dualen Systems. Als erfolgreich und empfehlenswert für die Zukunft zeichnet sich das System der Mischfinanzierung ab 74. Das würde bedeuten, daß private sowie öffentliche Arbeitgeber, ausbildende sowie nicht ausbildende Unternehmen durch permanente gesetzliche Abgaben eines bestimmten Prozentsatzes des Bruttolohnes sich an der Berufsausbildung beteiligen.75

 

Mögliche Wege der Finanzierung:

Bisherige Wege

staatliche Finanzierung - wird immer weniger, mit der Gefahr, ganz auszufallen. Der Staatshaushalt steht vor dem Bankrott, außerdem hat er andere Finanzierungsaufgaben mit höherer Priorität.

eigene Produktion in der schulischen Lehrwerkstatt - Sie trägt zur finanziellen Autonomie der Berufsschule bei aber kann nicht der einzige Finanzierungsträger sein.

Produktion entsprechend den neuen Anforderungen der Wirtschaft - sie ist in der Übergangsphase noch immer sehr gering, da nicht immer Materialien vorhanden sind. Hier ist die Eigeninitiative der Schulverwaltung sowie die Verbindungen mit den Unternehmen von großer Bedeutung. Der Direktor besorgt und kontrolliert die Lieferung an Materialien, Entwurf von neuen Produktionen, Verkauf der eigenen Waren, Dienstleistungen, Verknüpfung mit neuen Firmen u.a.

Volle Kapazitätsauslastung der vorhandenen schulischen und überbetrieblichen Lehrwerkstätten:

innerhalb der berufspraktischen Stunden;

außerhalb der berufspraktischen Stunden - nach dem Modell des sog. „Komsomol” - Betriebes bzw. „Produktionsschulprinzips” . („Komsomol” - Betrieb: Ein Schülerbetrieb, der auf eigene Planung, Rechnung usw. freiwillig Waren produziert unter Benutzung von Ausrüstung, Strom, Werkzeug u.a. der Berufsschule außerhalb der Unterrichtszeit. Ein Teil des Nettogewinnes bleibt für die Berufsschule.) Dies wird heutzutage als Schülerfirma bezeichnet. Das bedeutet Ausführung der Produktion durch Kooperation zwischen Schülern und einer privaten Firma. Den Nettogewinn kann die Schulverwaltung zusammen mit den Berufsbildungsgremien effektiv kontrollieren. Zusammenarbeit bedeutet hier vor allem Vertrauen, gemeinsames Ziel, aber auch Kontrolle und Aufsicht.

Produktion als Teil der „Basisbetriebe” .

Das 4- bis 6-wöchige Sommerpraktikum in der Landwirtschaft verläuft freiwillig, ohne bestimmte Lehrinhalte zu enthalten. Die Berufsschule kann hier ein Vermittler sein und hier könnte man von der perfekten Organisation der vergangenen Jahre Gebrauch machen. Ein Teil des Lohns der Schüler bekommt die Berufsschule als Vermittlungsgebühren für Aufbau- und Erweiterungszwecke.

Geschäft(e) der Berufsschule zum Verkauf der eigenen Produktion. Diese Verkaufsstelle kann man auch zu einer Art „Lernort” zuordnen - in der Fachliteratur fast nicht beschrieben - da auch hier interessante Arbeits- und Lernsituationen angetroffen werden. Für das Einordnen der angebotenen Waren oder Dienstleistungen, die Beschreibung, Abrechnung, Repräsentation, Kundenberatung u.a. sind abwechselnd Auszubildende unter der Betreuung eines Ausbilders verantwortlich. Die gute Tradition dieser Art Verkaufsstelle muß erweitert und vervollkommnet werden, da Nachfrage nach diesen Waren besteht und die Öffentlichkeit auf die Angebote mit Anerkennung und großem Interesse reagiert. Daher der Vorschlag, daß dieser Lernort auch weiterhin im Land existieren soll. Man kann ihn erfolgreich für die Verbindung gewerblicher mit Ansätzen einfacher kaufmännischer Ausbildung wie Finanzierung, Marketing u.a. nutzen. Ähnliche Modellversuche wurden auch in Deutschland (Niedersachsen) durchgeführt.76 Die Verkaufsstelle kann natürlich auch mit einer Übungsfirma zwecks Annahme von Bestellungen zusammenarbeiten. Verschiedene Varianten dieser Verkaufsstelle sind möglich:

eigene Verkaufsstelle innerhalb der Berufsschule;

eigene Verkaufsstelle außerhalb der Berufsschule;

im Rahmen eines öffentlichen Geschäftes;

als Teil der Betriebsverkaufsstelle;

als Sonderabteilung in anderen Geschäften.

Die Verkaufsstelle der Berufsschule muß auch kreativ und alternativ entwickelt werden. Hier wäre ihre Zusatzfunktion, auch kleine Reparaturen und andere Dienstleistungen für private Personen und Firmen zu erbringen, sehr wichtig. An dieser Stelle können auch andere interessante Möglichkeiten im Servicebereich voll ausgeschöpft werden.

Neue Wege der Finanzierung

Einzelne oder mehrere Schulräume der Berufsschulen können während oder außerhalb der Unterrichtsstunden vermietet werden, dabei leidet die Ausbildung nicht, da die Schüler (wo möglich) in Unternehmen oder ÜBS untergebracht werden.

Die schulische Lehrwerkstätten können auch vermietet oder verpachtet werden, z.B. am Abend für Weiterbildungskurse oder Qualifizierungen u.a. Andere Varianten dieses Lernortes sind natürlich auch möglich, z.B. als Teile einer Industrie- und/oder einer Überbetrieblichen Lehrwerkstatt.

Andere Flächen der Berufsschule vermieten - Kantine, unbenutzte Hallen, Parkplätze, Parkgelände, Garagen, Verkaufsräume im Erdgeschoß, Vorratsräume u.a.

Die Berufsschule organisiert für Schüler und Erwachsene bezahlte Unterrichtsstunden oder Kurse nach Interessen wie z.B. Fremdsprachen, PC, Koch- und Gastronomiekunst, Wirtschaft, Sport, Gärtnerei, Nachhilfe u.a.. Die existierenden Marktlücken in verschiedenen Gebieten müssen dabei gut durchforscht werden.

Umschulung für Erwachsene;

Freiwillige Unterstützung der Berufsschule durch Initiativen von Schülern, deren Eltern, Lehrern, Hilfspersonal der Berufsschule wie Dienstleistungen, Consulting usw.

Einkünfte der Berufsschule aus Besitz von Aktien, Wertpapieren oder Sparkonten bei der Bank;

Finanzierung durch private Firmen, die sich an der Berufsausbildung beteiligen.

Finanzierung durch die „Basisbetriebe” oder andere beteiligte Firmen;

Finanzierung durch beteiligte westliche Länder, die Interesse an den Ausbildungsprogrammen haben oder Pilotprojekte durchführten wollen. Ähnliches wie die türkische Stiftung zur Förderung der Berufsausbildung und der Kleinindustrie (MEKSA)77, kann, angenähert an das Duale System, mit Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen auch in Bulgarien organisiert werden. Projektpartner oder Mitglieder dieser Stiftung als gemeinnützige, nicht staatliche Trägerorganisation können Institutionen innerhalb und außerhalb des Landes sein. Zielsetzung dieser Stiftung könnte vor allem folgendes sein: Überzeugungsarbeit in den Betrieben, Flexibilität, sparsamer Umgang mit den Fördermitteln, Vermeidung von „Insel” - Projekten, schrittweise Verbesserung der Ausstattung in Lehrwerkstätten, den jeweiligen Bedingungen angepaßte Technik usw., ferner in der Übergangsphase ÜBS als Betriebsersatz sowie als Beratungs- und Technologiezentren zur Berufsorientierung u.a. zu etablieren 78

Finanzierung durch private Personen (Sponsoren), die progressive Aufbau- und Förderungsprojekte für die Berufsschule aufstellen können;

Finanzierung durch das Fondsprinzip:

Fond „Berufsschule” - Hier handelt es sich um eine Finanzierungsform ähnlich der überbetrieblichen Ausbildungsmodelle lateinamerikanischer Prägung. Unternehmen aus bestimmten Wirtschaftszweigen, gewöhnlich mit wenig oder nicht vorhandenen Ausbildungsmöglichkeiten, werden gesetzlich verpflichtet, je nach ihren Bruttogewinn, Abgaben in einen zentralen Berufsbildungsfonds zu leisten. Daraus werden unter unabhängiger Aufsicht Ausbildungsinstitutionen unterstützt.79 Aus diesen Mitteln entstehen gewöhnlich überbetrieblichen Lehrwerkstätten, Technologiezentren, Zentren wie die ehemaligen zwischenschulischen Ausbildungszentren (MUZPO) und andere Ausbildungseinrichtungen. Er ist für diejenige Berufszweige gedacht, die aus räumlichen und anderen Gründen in einer realen Betriebsumgebung keine Ausbildung durchführen können. Die Abgabe variiert im internationalen Raum zwischen 1 und 2% des jährlichen Umsatzes der Beteiligten. Auch hier können die Abgaben der Unternehmen freiwillig oder obligatorisch sein, wobei bei einer gesetzlichen Regelung den Beteiligten finanzielle Vorteile, Ermäßigungen, Steuerfreibeträge oder andere vorwiegend finanzielle Anreize gewährt werden.

Fond „Umschulung und Weiterbildung” - Er wird auf einer ähnlicher Basis wie der schon oben beschriebenen gegründet. Er kann als selbständiger Fond oder als Teil des Fonds „Berufsschule” tätig sein. An diesem Fond können alle Unternehmen ungeachtet des Berufszweiges beteiligt werden. Dieser Fond ist für die Zwecke der im Land vorhandenen großen Arbeitslosigkeit gedacht. Er soll vor allem Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen, um eine bessere Eingliederung der Arbeiter und Fachkräfte in die dynamisch geänderte Umgebung der neuen Unternehmen zu erreichen. Aus bildungspolitischen Gründen ist es zu empfehlen, daß die beiden Fonds als getrennte unter einer strengen Aufsicht existieren, da die Praxis gezeigt hat, daß Mittel von dem einem Fond in den anderen fließen und umgekehrt, d.h. nicht zweckentsprechend verwendet werden. Bezüglich der Gründung und Existenz des Fonds wäre eine negative Reaktion von den hauptsächlich beitragenden Unternehmen zu erwarten. Die Erfahrung im internationalen Umfeld zeigen jedoch, daß diese Unternehmen keinesfalls benachteiligt sind oder werden.80

Das Recht auf kostenlose Berufsausbildung - außer in den privaten Berufsschulen - bleibt weiterhin erhalten. Die Finanzierung durch im Wiederholungsfall bezahlte Prüfungen in der Berufsschule (Aufnahme-, Abschluß-, Abitur- und andere Prüfungen) ist erforderlich und empfehlenswert.

Tabelle 2: Szenario Finanzierung

A

B

C

D

vorwiegend staatlich

Mischtyp 1:

2 Finanzierungsträger

Mischtyp 2:

mehrere Finanzierungsträger

vorwiegend durch Unternehmen

Bei dem Mischtyp 1 variiert das Verhältnis der Finanzierung zwischen Staat und Unternehmen. Zu dem Mischtyp 2 gehören z.B.:

Die Orte der Berufsbildung

Dieses Thema wurde in der Fachliteratur nicht ausreichend beschrieben. Im internationalen Hinblick sind hier kleine Differenzen vorhanden. Eine Flexibilität und Offenheit des Systems für weitere Entwicklungsmöglichkeiten muß auch hier angestrebt werden. In Bulgarien werden „alte” Berufsbildungsorte beibehalten werden und „neue” zustande kommen:

(1-3)Die ersten drei sind im Land gut bekannt und könnten den traditionellen Lernorten zugeordnet werden. Die ÜBS sind im Aufbau oder es werden mit der Neubelebung des Handwerks Versuche unternommen, die MUZPO oder die schulische Lehrwerkstätte dahingehend umzuwandeln.

(4)ÜBS unterscheiden sich von Berufsschulen in ihren spezifischen Funktionen sowie von der Trägerschaft her. In Deutschland sind die Träger private Wirtschaftsorganisationen wie Kammern, Innungen, Fachverbände des Handwerks u.a., die auch die Lehrprogramme zu bestimmen haben.82 Mit Schwierigkeiten ist in der ersten Phase zu rechnen. Wie uns die internationale Erfahrungen gezeigt haben, können KMU ihre Ausbildungsaufgaben gewöhnlich sehr schwer erfüllen. So werden KMU durch ÜBS entlastet. In ihren Werkstätten wird der betriebliche Teil der Ausbildung durch überbetriebliche Unterweisungen ergänzt. ÜBS sollen gleichzeitig zur Erstausbildung und zur Weiterbildung dienen. Die berufliche Weiterbildung und Fortbildung wird künftig der Erstausbildung in immer kürzerem Abstand folgen. Heute braucht man flexible, lern - und konkurrenzfähige Arbeitnehmer, die man durch gut organisierte und aufeinander abgestimmte Aus- und Weiterbildung heranzieht.83

(5)Externe Kurse wurden auch früher im Land eher für die Zwecke der Weiterbildung verwendet. Dieselben können aber in Zukunft auch für die Erstausbildung genützt werden, besonders im Bereich der „Spezialisierung” in den gewerblichen Schulen oder für die fachbezogenen Wahlfächer.

(6)Die Ausbildung im Betriebsverbund (Ausbildung zeitweise in anderen Betrieben) hatte in Bulgarien bislang kaum Bedeutung. Von deutschen Berufspädagogen wird die Meinung vertreten, daß diese Form besonders gut für die Wirtschaftszweige Verkehr, Schiffahrt, Dienstleistungen, Gastronomie geeignet ist. Gerade für Neueinsteiger, wie dies für die Berufszweige Dienstleistungen häufig der Fall ist, scheint der Ausbildungsverbund eine unkonventionelle, attraktive Möglichkeit der Verbesserung der Ausbildung zu sein. 84

Tabelle 3: Szenario Berufsbildungsorte nach Finanzierungsträgern in Bulgarien:(s.Tabelle 2: Szenario Finanzierung

A

B

C

D

Berufsschule Berufsschule Berufsschule Betrieb
schulische Lehrwerkstatt schulische Lehrwerkstatt schulische Lehrwerkstatt  
  Betrieb Betrieb  
    Überbetriebliche Lehrwerkstatt  

Traditionen der Lehrwerkstatt behalten. Keine neuen Modelle der Berufsausbildung anlegen.

Die schulische Lehrwerkstatt (im Sinne des deutschen Produktionsschulprinzips), ist ein teures, aber bewährtes Modell, das bislang gute Erfolge bei der Berufsausbildung gezeigt hat. Sie hat die Berufsausbildung in guten, aber auch in schlechten politischen und wirtschaftlichen Zeiten getragen. Nach wie vor bleibt sie ein wichtiger Stützpunkt in der Ausbildung. Auch in der Krise, sowie bei dem Übergang auf die freien Marktwirtschaft beweist sie ihre Funktionsfähigkeit ganz besonders durch die Produktion. In der Zukunft müssen ihre vier wichtigen Funktionen erhalten werden, mit der Zielsetzung einer Stabilisierung und Verbesserung:

Die schulische Lehrwerkstatt kann nicht nur in Bulgarien, sondern auch in allen anderen Ostblockstaaten in der Zukunft in folgenden Varianten existieren:

Die Beziehung der schulischen Lehrwerkstatt mit dem Ausbildungsort „Betrieb” kann noch vertieft werden. Dabei kann sie am Anfang als ÜBS dienen und anschließend als Teil einer industriellen Lehrwerkstatt.

Das „alte” schon existierend Modell der schulischen Lehrwerkstatt kann überprüft werden und Ansätze folgender Kooperation finden:

Dabei muß nicht übersehen werden, daß im internationalen Aspekt Produktionsschulen zeitlich begrenzte Förderungsinstrumente sind, die nach Erfüllung ihres Auftrags aufgelöst oder umgewandelt werden sollen.87

Die Berufsschule als Vermittler persönlichkeitsfördernder Kenntnisse

Die Modellversuche in Deutschland zwischen den Jahren 1970 und 1980 haben gezeigt, daß der Erwerb der Fachschulreife grundsätzlich dann neben einer Berufsqualifizierung möglich ist, wenn berufliche Schulen eine ausreichend große Schülerzahl aufweisen und eine Unterrichtszeit von mindestens 12 Wochenstunden für das Regelangebot zur Verfügung haben.88 Das Bildungsniveau ist in Bulgarien sehr hoch und die Bulgaren selber sind ein wissensdurstiges Volk, welches immer weltoffen gewesen war.89 Deshalb gehören die Doppelqualifikationen schon zu den Traditionen der Berufsbildung in Bulgarien und werden es auch in Zukunft bleiben. „Verbundleistungen” aus verschiedenen Berufen sind heute nur möglich, wenn derjenige, der sie ausübt eine Doppelqualifikation besitzt. Erst so könnte ein größeres Unternehmen in seine Mannschaft leicht Fachkräfte aus mehreren verwandten Berufen einsetzen. Natürlich kann, im Sinne auch der begonnen demokratischen Prozesse, nicht mehr weiter verlangt werden, daß die Reifeprüfung für alle Schüler eine Pflicht ist. Deswegen wäre es sinnvoll, für diejenigen, die überdurchschnittliche Leistungen zeigen, in der Berufsschule die Reifeprüfung als Alternative anzubieten. Eine Annäherung an das westeuropäische Schulsystem wird angestrebt.90 Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit dem „Pflicht - Abitur” hat negative Ergebnisse gezeigt. Hier sind in der Zukunft zu empfehlen: Transparenz der Bildungsgänge, Chancengleichheit für alle, höhere Attraktivität der Berufsbildungskurse und - Gänge, Weiterbildungsmöglichkeiten für alle Arbeitnehmergruppen. Den „Versuch einer permanenten Bildungsinnovation, d.h. Umschulung als wichtige Aufgabe zu etablieren” , sieht auch die Berufsbildungshilfe von deutscher Seite vor.91 Das entspricht in der Systementwicklung der Berufsausbildung der Methode „Hilfe zur Selbsthilfe” . Eine Nachbetreuung aller begonnenen Berufsbildungsprojekte, abgesehen davon ob sie von in- oder ausländischen Fachkräften durchgeführt werden, ist ebenfalls erforderlich.

Da die neuen Berufe und Produktionsverfahren sowie die technologische Ausrüstung der modernen Unternehmen immer komplizierter werden, bedingen sie immer mehr universelle Fachkräfte, Ingenieure, Techniker, Arbeiter, und immer weniger Arbeitnehmer, die eng spezialisiert sind.92 Wenn man von der Stärkung der Dienstleistungsfähigkeit des Handwerks spricht, so braucht man auch multifunktionelle Facharbeiter.93 Die zukünftigen Fachkräfte müssen auch weiterhin „breit” spezialisiert werden, mit einer systematischen Orientierung, mit gut geeigneten Kombinationen interdisziplinärer Kenntnisse, mit Möglichkeiten für den Selbsterwerb von neuen Spezialgebieten, die den schnellen Änderungen am Arbeitsmarkt entsprechen. Auch das offizielle Konzept des Bildungsministeriums sieht weiterhin die Einheit der breiten beruflichen Bildung und der anschließenden Spezialisierung sowie die Einheit zwischen der theoretischen und praktischen Ausbildung als einen der Grundsätze in der Berufsbildung an.94 Von allen Reformbemühen vor der Wende in den meisten Ostblockländern wird die „Schaffung breit profilierter Ausbildungsberufe mit Spezialisierungen” anschließenden an den oder während des Berufsbildungsganges als einen der größten Erfolge bewertet.95

Auch die Wirtschaft reagiert nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Deutschland auf den wachsenden Trend zur Höherqualifizierung des Berufsnachwuchses. Dies hat inzwischen zu einem wachsenden Anteil von Abiturienten z.B. im dualen System geführt.96

Die Berufsschulen vermitteln nicht nur technische bzw. fachbezogene sondern auch allgemeinbildende Kenntnisse. Die Gleichwertigkeit zwischen allgemeinbildenden und berufsbildenden Gängen ist inzwischen zu einer internationalen von Berufsbildungsgremien empfohlenen bildungspolitischen Aufgabe geworden, um die bislang gegenüber der Berufsbildung herrschende Diskriminierung zu vermeiden.97 Die bessere Qualifizierung ist natürlich ohne Praxis im Betrieb oder der Lehrwerkstatt undenkbar. In dem letzen Ausbildungsjahr des Technikums (4. Kurs) waren bislang 4 Tage theoretischer und 1 Tag praktischer Unterricht erteilt worden. Wünschenswert und auch zeitgemäß wäre es, 3 Tage theoretischen und 2 Tage praktischen Unterricht am Anfang des Reformwandels durchsetzen zu können. In dem letzten, bzw. 3 Kurs des SPTU sind es 2 Tage Theorie- und 3 Tage Praxisunterricht, was von vielen Pädagogen als gut bewertet wird. Diese Relation kann auch für die anderen 2 oder 3 Ausbildungsjahre eingeführt werden. Als optimale Ausbildungsdauer erweist sich momentan für das Technikum 5 bis max. 6 Jahre nach beendeten 7. Klasse mit erweiterten Fremdsprachunterricht und 5 Jahre nach der 8. Klasse ohne erweiterten Fremdsprachenunterricht nach der Grundschule. Über ein zukünftiges Modell „2+2+1” könnten - so wie auch in anderen Ostblockländern - Überlegungen und Entscheidungen gemacht werden. Dies würde eine zweijährige Ausbildung überwiegend in den allgemeinbildenden Fächern - für die Technika mit erweitertem Fremdsprachunterricht nach zusätzlichem Vorbereitungsjahr -, eine anschließende zweijährige Ausbildung mit beruflicher Grundausbildung, und nach dem Abitur eine einjährige Ausbildung im Sinne einer Spezialisierung bedeuten.98

So kann nach ähnlichem Muster die Dauer auch für die anderen Ausbildungsgänge festgelegt werden:

Tabelle 4: Dauer der Ausbildung

 

Berufsschulart

Dauer

Fachkraft

Abschluß

PTU

2+1

Facharbeiter

nach 8.Kl.

SPTU

3+1

Facharbeiter mit Abitur

dito

Technika

4+1,(evtl.6)

Techniker

dito

Postgymnasial

2,(evtl.3)

Techniker

nach 11.Kl.

Prinzipiell wird dabei vorgesehen:

In der ersten Hälfte unterrichtet man vorwiegend Allgemeinfächer mit dem Ziel, die Persönlichkeit und Fähigkeiten der Schüler zu entwickeln, vermittelt aber auch einige Inhalte der Berufsausbildung, um die Schüler auf die nächsten beiden Schuljahre vorzubereiten.

In der zweiten Hälfte wird die eigentliche Berufsausbildung durchgeführt, dabei wird der Unterricht in den Allgemeinfächern reduziert.

Das letzte Ausbildungsjahr kann als eine Art „nachschulische Bildung” bezeichnet werden, wobei nur Fachqualifikationen vermittelt werden.99

Der auch in diesen Schulen vorhandene erweiterte Fremdsprachenunterricht wird von der Öffentlichkeit besonders bevorzugt. Bezüglich des Austausches von Arbeitskräften in Europa sieht die Berufsbildungshilfe und Beratung für Osteuropa die Verstärkung der Fremdsprachenausbildung auch in der Berufsausbildung als sehr sinnvoll an.100 Was die Praxis betrifft, kann nicht erwartet werden, daß sich das deutsche Modell - 4 Tage im Betrieb, 1 Tag in der Berufsschule - sofort durchsetzen kann, und es wäre auch den bulgarischen Bedingungen entsprechend nicht sinnvoll. Aber es können Versuche einer Umstrukturierung in Richtung auf eine allmähliche Verlängerung von 1 Tag auf 2 Tage Praxis gemacht werden.

 

Das Zulassungsverfahren

an jeder Berufsschule erfolgte bislang durch Prüfungen in Mathematik und/oder Physik. Durch die Ergebnisse dieser Prüfungen können jedoch die technischen Zuneigungen der Jugendlichen nicht immer erkennbar sein. So wie auch die Praxis gezeigt hat erzeugen sie für die Bewerber einen großen Streß. So sollten sie in der Zukunft eher durch Prüfungen ähnlich dem deutschen Eignungstest gewerblicher Bildung (EGA - Test) ersetzt werden.


Abbildung 2: Test zur Untersuchung von Aufmerksamkeit
und Beobachtungsgabe
(Zählung verschiedener Punkte in vorgegebener Zeit)
101

 

An der Vorbereitung dieses Tests ist ein breiter Kreis von Fachleuten aus der Berufsschule, den Firmen, Psychologen u.a. beteiligt. Diese Prüfungen stellen die technischen Fähigkeiten, Neigungen, Begabungen usw., die für das Erlernen eines Berufes von besonderer Wichtigkeit sind, sofort fest. Der Entwurf von Bildungstests ist eine spezifische Arbeit, die viel Kreativität erfordert. Die in Bulgarien in diesem Bereich nicht vorhandene Tradition bringt zusätzliche Komplikationen.102 Nicht nur in Bulgarien wird die Diskussion für oder gegen den Test immer aktueller. Die Anwendung von Tests wird als neue Etappe in der Entwicklung der pädagogischen Diagnostik bewertet.103 Der Begriff „Test” hat amerikanische Wurzeln und bezeichnet eine spezifische Prüfungsarbeit mit hohem Anteil an Objektivität um Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten zu messen, und ist für die statistische Verarbeitung besonders gut geeignet.104 In dem oben dargestellten Muster - Test ist nur ein Beispiel gegeben, das gezielt gleichzeitig den Intellekt sowie bestimmte technische Fähigkeiten und Voraussetzungen des Schülers festzustellen hat. Das Hauptziel dieser Methode ist vor allem, die geeignetsten Personen für festgelegte Betriebe oder Berufe zu identifizieren.105 Das gegebene Muster erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient dazu, eine Orientierung in solcher Art von Tests zu geben. Ausführlich könnten natürlich auch andere psychologische Besonderheiten der Persönlichkeit auf dieser weise analysiert werden können wie: Aufmerksamkeit, Beobachtungsfähigkeit, Willensstärke, Kontinuität und Stabilität der Aufmerksamkeit, Analyse des Denkens u. a. 106

Das Bildungsministerium sieht die Wichtigkeit solcher Prüfungsvoraussetzungen an und hat die Absicht Tests in mehreren Schulen einzuführen, aber bis jetzt sind kaum Schritte in dieser Richtung unternommen worden.

Das Zulassungsverfahren kann auch eine Kombination aus 3 Arten von Tests sein: für die Feststellung des Intellektuellen Niveaus, der Berufseignung und eine Persönlichkeitsanalyse.107

Die Berufe werden intellektuell immer herausfordernder. Das verlangt vorausschauende Vorbereitung von jeder Berufsschule in Zusammenarbeit mit allen Unternehmen.

Arten von Fächern

Der Unterricht aller Fächer verläuft momentan gegenüber der Vergangenheit, was die Form anbetrifft, unverändert d.h. ein- und zweistündiger Unterricht. Bereits vor der Wende in der 70er Jahren begonnene wissenschaftliche Untersuchungen im Land zeigten als für die Berufsausbildung gut geeignete Form das Modulprinzip des Unterrichts der technischen Fächer. Einige der Vorteile wären: der optimale Lehrinhalt und die Rückmeldung von dem Auszubildenden.108 Mit dem in Deutschland eingeführten System vergleichbare Ansätze zum Blockunterricht in der Berufsschule - immer noch Objekt der Modellversuche - sind auch erkennbar.109 Natürlich verläuft die Diskussion, ob Module nur für die Zwecke der Berufsbildung Erwachsener bzw. Weiterbildung geeignet sind oder auch für die Erstausbildung empfehlenswert wären, ähnlich wie in der internationalen Berufspädagogik. Nach der Wende wurden mit Hilfe von Pilotprojekten aus Österreich Versuche gemacht, die Module nicht nur in der Weiterbildung, sondern auch in der Erstausbildung kaufmännischer Berufe durchzusetzen. Modularisierung bedeutet eine Vielfalt von Bausteinen , wovon jeder einzelne zum Funktionieren des gesamten Systems beiträgt.110 Die Module sind seit 10 Jahren in England für den Aufbau eines neuen Berufsbildungssystems eingeführt und zeigten auch bereits gute Erfolge. In der deutschen Diskussion wird zwischen der Modularisierung als „didaktischem” und „organisatorischem” Prinzip unterschieden.111 Es ist kein Ziel oder Selbstzweck sondern eine Strategie, ein Instrument zur Erreichung einer besseren Anpassungsfähigkeit des Berufsbildungssystems.112 Auch bulgarische Berufsbildungsexperten sprechen sich immer mehr dafür aus, das Modul - Prinzip, welches schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Berufsschulen im Land beobachtet und erprobt wurde, nicht nur in der kaufmännischen, sondern auch in der gewerblich - technischen Ausbildung stärker zu verwenden.113 Besonders großen Wert wird auf das Merkmal der „Möglichkeit der individuellen Abweichung von einem Bildungsgang” 114 in Bulgarien gelegt. Alle Ziele der Modularisierung: eine hohe Flexibilität von Berufsbildungsgängen, Curricula, Vermittlung von Qualifikationen, Kundenorientierung, bessere Koordination zwischen Bildungs- und Berufsbildungssystem 115 , werden auf der internationalen Ebene wie auch in Bulgarien angesehen und geschätzt, so daß die zukünftigen Curricula auf der Basis der Module entwickelt werden müssen. Die verwendeten Module sollten vor allem der spezifischen Beschäftigungssituation im Land entsprechen, so daß Teilqualifikationen schnell und leicht zu vermitteln sind, um somit auch unmittelbar eine Arbeitsmarktchance zu eröffnen.116 Dabei wird empfohlen, Module in Entwicklungsländern so zu entwerfen und zu verwenden, daß sie die wechselnden Anforderungen des Arbeitsmarktes und die verschiedenen Berufsbildungsvoraussetzungen der Auszubildenden abdecken können, ohne traditionelle Strukturen in der Berufsausbildung zu abstrahieren.117

Das offizielle Konzept sieht eine permanente, flexible Änderung aller Lehrinhalte besonders für die fachbezogenen theoretischen Fächer, Praxis und Labor vor. Solche Änderungen sind ein Vorhaben in allen Berufsbranchen und nur durch die Mitwirkung der Unternehmen möglich.118 Eine Bereitschaft zur Unterstützung der Berufsschulen mit neuen adäquaten Lehrplänen - Form wie Inhalt - ist bis jetzt vom Bildungsministerium nicht gezeigt worden. Es ist eine traditionelle Form des Unterrichts zu beobachten, ohne Rücksicht auf die objektive Realität, mit für alle Berufsschulen annähernd gleichen Lehrstoffen, was zur Verzögerung eines selbständigen Status der Schule führt.119

Die Unterrichtsstunden der Zukunft werden alle modern orientiert und haben moderne Inhalte. Das Verhältnis zwischen den drei Arten von Unterrichtsstunden: A:B:C, (allgemeinbildende, fachbezogene, praxisbezogene) ist unterschiedlich und richtet sich nach dem zu erlernenden Beruf aus. Es kann nicht mehr wie bislang um eine Unifizierung der Berufsbildungsgänge und Fächer gehen. Momentan variiert das Verhältnis A:B+C je nach Abschluß der vorangestellten allgemeinbildenden Schule von 1:1,5 bis 1:9 (s. Tabelle 5 : Arten von Fächern). Es ist jedoch der Wunsch nach einer Verlängerung der praktischen Übungen in der schulischen Lehrwerkstatt sowie im Betrieb von allen dran interessierten und Beteiligten geäußert worden - und das wird auch eine langfristige Tendenz sein. Der Hauptakzent zur Vervollkommnung der Berufsausbildung in Bulgarien wird von dem offiziellen Konzept auf die entscheidende Verbesserung der praktischen Ausbildung gelegt, ohne aber dazu etwas konkretes vorzuschlagen.

In dem neuen Konzept des Bildungsministeriums von 1996 sind die Fächer auch nach den selben Rubriken differenziert. Eine vierte Gruppe (Wahlfächer) ist auch vorhanden. Die Relationen der Fächer variieren für die Haupttypen der Berufsschulen wie folgt:

Tabelle 5 : Arten von Fächern (Anteil in Jahresstunden)

Art der Schule

A

B

C

Wahlfächer

1.Technikum nach Abitur

108

1170

150

142

2.Berufsgymnasium

2815

1633

150

72

3.Technikum nach 7.Klasse; 5 Jahre

3145

2423

150

72

4.Technikum nach 7.Klasse; 4 Jahre

1636

2504

150

72

5.SPTU nach 8 Klasse;
3 Jahre

1431

1659

90

0

6.PTU nach 8.Klasse;
1½ Jahre

366

1104

120

72

7.PTU nach 6.Klasse;
3 Jahre

2003

1087

150

72

Quelle:120

Nur bei den Schularten 1, 5 und 6 sind die praxisbezogenen Fächer führend, was einer Internationalisierung der Berufspädagogik eventuell entsprechen würde. Bei allen anderen Typen bilden die Stunden der allgemeinbildenden Fächer jedoch die Hauptmenge. Bei den fachbezogenen kommt die Praxis zu kurz, was auch eine Tendenz der Vergangenheit war. Nicht ausreichend bleibt auch die Stundenzahl der Wahlfächer, wobei aus der Tabelle nicht verständlich wird, welche Stunden von der Gruppe A, B oder C den Schülern zur Verfügung gestellt wird. Eine Betonung auf die Praxis ist keineswegs spürbar. Bei dieser Stundenaufteilung, mit wenig Änderungen an den Inhalten, wird der Schüler weiterhin nur ein Beobachter im Beruf bleiben.

allgemeinbildende Fächer:

Pflichtfächer: Mathematik, Physik, Chemie, Muttersprache, Geschichte, Erdkunde, Englisch. Als Abiturfächer erweisen sich wie bislang Mathematik und Muttersprache. Eine Erweiterung der Abiturfächer ist abzuhandeln, wobei den Auszubildenden bestimmte Wahlfächer zu Verfügung gestellt werden müssen. Zu empfehlen ist eine stärkere Betonung auf die naturwissenschaftlichen Fächer, sowie einige davon mit technischer Prägung in die Curricula zu integrieren.

Wahlpflichtfächer: Biologie, Psychologie, Philosophie, Musik, Sport u.a. Dazwischen könnten in den Berufsschulen neuerdings auch verschiede berufsbezogene Fächer angeboten werden. In dieser Beziehung erweist sich die Einführung von Stütz- und Erweiterungsunterricht (2 Wochenstunden) als günstiger Vorschlag.

„Er soll den Schülern ermöglichen, ihr Fachwissen oder ihre Allgemeinbildung entsprechend den jeweiligen persönlichen Bedürfnissen und Neigungen zu ergänzen, zu vertiefen oder zu erweitern. Stützunterricht sollen die Schüler wählen, die Schwierigkeiten haben im fachtheoretischen und allgemeinbildenden Unterricht. Der Erweiterungsunterricht bietet leistungsfähigen Schülern die Möglichkeit, aus einem breitem Angebot von erweiternden und ergänzenden Wahlpflichtfächern ihren Interessen gemäß auszuwählen.” 121

Gute Lehrstoffselektion in jedem Fach und Abstimmung zwischen den Fächern erweist sich als außergewöhnlich wichtig.

Ein großer Kreis von Fachleuten muß für die Modernisierung der Fachinhalte herangezogen werden, der nach staatlich geschaffenen Regelungen die vorgenommene Umstrukturierung realisieren kann.

Die Lehrbücher müßten - möglichst von Vertretern der Berufsbildungsgremien - vor ihrem Einsatz begutachtet werden. Nicht nur für die Bewertung, sondern auch für den Entwurf moderner Lehrbücher müssen immer mehr erfahrene Lehrer herangezogen werden, was bislang sehr selten geschah. Nur mit Hilfe dieser Personen kann ein Lehrbuch an die spezifischen berufsbezogenen Bedingungen der Schule optimal angepaßt werden.

Theorie - Die Technika in Bulgarien unterscheiden zwischen allgemeintechnischen und berufsspezifischen Fächern. Die erste Gruppe wird gewöhnlich in den ersten zwei Ausbildungsjahren gelehrt. Man kann sie als Grundfachausbildung bezeichnen; deshalb sind in vielen Schulen die Fächer dieser Gruppe gleich oder ähnlich. Die zweite Gruppe von Fächern haben nur mit dem konkreten Beruf zu tun.

allgemeintechnische Fächer: technisches Zeichen, Werkstoffkunde, Informatik (Grundlagen der EDV), Ökologie, Wirtschaft, Marketing, Grundlagen der Elektrotechnik, technische Mechanik u.a.

Berufsspezifische Fächer: je nach Berufsbranche, z.B. für Bäcker: Technologie der Brot- und Backwarenherstellung, Ausstattung der Bäckereien u.a.. So würden im Zuge einer Reform z.B. zum kaufmännischen Beruf die Fächer Wirtschaft der KMU, Jura, Innen- und Außenhandel, Management, Finanzierung u.a. zu den Technika mit kaufmännischer Ausbildung gehören.

Berufspraktische Kenntnisse - momentan noch durch die schulische Lehrwerkstatt, sollten zukünftig jedoch zunehmend von Betrieben und überbetrieblichen Lehrwerkstätten vermittelt werden.

Zertifikate: Elemente aller speziellen und allgemeinbildenden technischen Fächer nehmen an der Abschlußprüfung in Theorie teil in Form eines oder mehrerer Tests. Überlegungen und Erprobung einiger Zwischenprüfungen, die bislang nicht bekannt waren, erweisen sich als notwendig. Die Inhalte der Prüfungen können auch mit Hilfe der Sozialparteien abgestimmt werden.

Die Diplomarbeit: Wegen erwiesener Nachteile und Abgleiten in reine Formalität sollte sie höchstens noch als Alternative angeboten werden. Die Auswahlmöglichkeiten erstrecken sich auf bestimmte fachbezogene theoretische Prüfungen, Anfertigung eines Werkzeuges, Meisterstückes, Teilnahme an berufsbezogenen Projekten, Entwurf von Programmen, Software u.a.

Die berufspraktische Abschlußprüfung bleibt wie bisher: z.B. Herstellen eines Werkzeugs in bestimmter Zeit. Als Prüfer sollte ein immer breiterer Kreis von Fachleuten teilnehmen wie Ausbilder aus den Berufsschulen und Fachkräfte aus den Betrieben.

 

Arten von Berufsschulen

Pluralisierungen der Berufsschulen von der organisatorischen Seite her sind zukünftig möglich wie z.B.: technisches, wirtschaftliches Gymnasium, technisches College, Berufsschule nach dem Abitur (nach dem „Sandwich - Modell” ), Meisterschulen (die bislang als interne betriebliche Kurse bekannt wurden) u.a. Das offizielle Konzept des Bildungsministeriums beinhaltet lediglich die Absicht, die drei Arten von Berufsschulen im Land PTU, SPTU und Technikum (bereits schon beschrieben) in Berufsgymnasien und Handwerksschulen umzuwandeln.122 Die Weiterentwicklung beruflicher Schulen ist aber angesichts der Internationalisierung eine Aufgabe von großer Komplexität und kann nicht zu nur zwei oder drei Berufsausbildungsorganisationen führen. Für Reformmaßnahmen bieten sich vielfältige Ansatzpunkte in einem nach Schultypen und Schulformen stark ausdifferenzierten Feld.123 Die selbständigen Schuleinheiten sollten sich vor allem nach inhaltlichen Schwerpunkten konsolidieren, wobei eine Anknüpfung an die traditionellen Berufsschultypen erforderlich ist. So entstehen berufsbildende Schulen kaufmännischer Art, gewerblicher, technischer, landwirtschaftlicher und hauswirtschaftlicher Prägung. Sie enthalten neben einem der Ausrichtung entsprechenden Berufsschulzweig - je nach bildungspolitischer Gegebenheit und ökonomisch-regionalen Verhältnissen - auch andere Schulformen; einer der zahlreichen Formen könnte z.B. ein berufliches Gymnasium sein.124 Die Konzeption des Bildungsministeriums bestätigt die Möglichkeit von Verbindungen verschiedener Bildungsarten in einer Schule. So wurden z.B. an allgemeinbildenden Schulen Klassen von mittleren berufstechnischen Schulen (SPTU) eingerichtet.125 Dies könnte nur unter der Bedingung einer präzisen und flexiblen Abstimmung auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes nach regionalem Prinzip realisiert werden. Im Sinne einer angestrebten sozialen Marktwirtschaft können für die Auszubildenden aus den kleinen Ortschaften Wohnheime (Pensionen) errichtet werden, um ihnen den täglichen Weg in die große Stadt zu ersparen.

Berufsausbildung für benachteiligte Jugendliche

Die Berufsschule PTU könnte man als Zentren für ein „training on the job” , d.h. Vermittlung bestimmter Berufe ohne Abiturabschluß, übernehmen. In der Analyse der Arbeitsmarktstruktur hat diese Art Berufsschulen eine gewisse Stabilität gezeigt. Man kann sie als Modell für bestimmte Bevölkerungsgruppen beibehalten wie z.B.: Behinderte, sozial schwache, benachteiligte oder sozial auffällige Jugendliche - darunter auch einige Roma und türkische Bürger - Jugendliche, die nach Beendigung der Schulpflicht keinen Schulabschluß haben, ferner Abbrecher der beruflichen Schulen, leistungsschwache Jugendliche. Vor der Wende existierte der Begriff „benachteiligte Jugendliche” nur für diejenigen, die behindert waren, da die anderen erwähnten Gruppen theoretisch nach Angaben der kommunistischen Partei (BKP) nicht existierten. Deshalb gehört dieses Gebiet auch zu der Reformstrategie und fordert besonders große Bemühungen.126 Auch Ansätze einiger progressiver Elemente ehemaliger Bemühungen „Fürsorge für leistungsschwache und sozial gefährdete Jugendliche durch neue Formen beruflicher Ausbildung” 127 müssen unbedingt weiterentwickelt werden.

Zur besseren Integration dieser Jugendlichen in die Gesellschaft sollten verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Durch amerikanische Investitionen und Programme werden seit dem Jahre 1996 im Rahmen von 2 Jahren analphabetische Roma - Bürger aus verschiedenen bulgarischen Städten das Lesen und Schreiben erlernen und dazu werden Schulgebäude saniert, Lehrer und geeignete Curricula vorbereitet.128 Natürlich ist in dieser Aufgabe der Integration die Einstellung und Bemühung der ganzen Bevölkerung notwendig. Diese Bevölkerungsgruppe war lange Zeit benachteiligt und zwar nicht nur in Bulgarien, sondern in vielen anderen Ostblockstaaten. Bei der Durchführung der Reformstrategie auf diesem Gebiet muß darauf hingewiesen werden, daß im Zuge der Demokratisierung folgendes vorgesehen wird: Chancengleichheit auch in der Berufsbildung für alle; Einbeziehung von Meinungen und Mitwirkung der Vertreter aller Minderheitsgruppen; ein möglichst hohes Bildungsniveau als Ausgangspunkt in der Ausbildung. Sinnvoll erweisen sich im Bereich der Berufsbildung die unten dargelegten Vorschläge, die auch in anderen Ländern wie z.B. Ungarn erprobt wurden:

Schließlich soll nach internationalen Erfahrungen auch eine volle Berufsausbildung in speziellen Lehrwerkstätten oder in Verbundform zwischen Betrieben und einer zentralen Lehrwerkstatt, in der auch sozialpädagogische Unterstützung gewährt wird, erprobt werden. Der Abiturabschluß soll keinesfalls Pflicht sein in der Berufsausbildung dieser Gruppen, aber als Alternative für diejenigen, die den Anforderungen entsprechen, muß er unbedingt vorhanden sein.

Zur Berufsbildungsdiskussion benachteiligter Jugendlicher gehören auch die Schulabgänger mit sozialen oder Lernproblemen, die Schwierigkeiten hätten, eine Berufsausbildung erfolgreich zu absolvieren, unterbeschäftigte Jugendliche, Landarbeiter(innen) ohne festen Wohnsitz. Vor allem in Entwicklungsländern, darunter auch Bulgarien, unternehmen Regierungen Berufsbildungsmaßnahmen, um der häufigen Landflucht einiger dieser Bürger entgegenzuwirken. Handwerksschulen auf dem Lande erweisen sich als gute Lösung, in denen vor allem Existenzgründung, Self-employment, Sozialisierung und Stabilisierung der Bevölkerungsstruktur erzielt würde.130 So müßten präventive Berufsbildungsmaßnahmen entwickelt werden, die verhinderten, daß aus benachteiligten Jugendlichen junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung würden. Die Zielgruppen - die der benachteiligten Jugendlichen wie die der jungen Erwachsenen ohne Berufsausbildung - sind durchaus ähnlich. Die Maßnahmen für beide können und müssen sich ergänzen.131 Zu den Vorschlägen gehört ein kombiniertes Arbeits- und Berufsausbildungsprogramm für junge Erwachsene ab 20 Jahren, die bisher keine solche Ausbildung aufgenommen oder aber ersatzlos abgebrochen haben, das gründlich und rücksichtsvoll erarbeitet werden muß. Die Vorschläge könnten sich an folgenden Punkten orientieren:

Kombination von Arbeit und Berufsausbildung mit dem Ziel eines im Land anerkannten Ausbildungsabschlusses. Hier könnten auch Absolventen kleinerer oder einzelner Berufsbildungsgänge geprüft werden und ein Zertifikat erhalten.

Aufschlüsselung vorhandener Berufsbilder in Qualifikationsbausteine und Entwicklung erwachsenenspezifischer Curricula. Möglichkeit eines individuellen Ausbildungsweges mit unterschiedlicher Zeitdauer nach dem Modularisierungsprinzip.

Verknüpfung von auftragsbezogenen Arbeiten und Lerneinheiten in Betrieben mit Unterstützung außer- bzw. überbetrieblicher Träger. Existenz und Kontinuität der berufsbegleitenden Beratung.132

Berufsschulen mit weniger Nachfrage werden aus Sozialverträglichkeitsgründen zu Weiterbildungs- und Umschulungszentren, Abendschulen, Volkshochschulen im deutschen Sinn und anderen pädagogischen Einrichtungen umgestaltet.

Demokratisierung und Verwaltung der Berufsschule

Berufungsverfahren bei der Wahl des Direktors: Der Schulleiter verbringt üblicherweise einen Großteil seines Arbeitstages als eine „Feuerwehr” , die auf entstehende Krisen reagieren muß. Die von Ihnen betriebene Schulpolitik ist in vielen Fällen mit einem ehrgeizigem Reformkurs vergleichbar.133 Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, daß die starke Stellung des Schulleiters in der Berufsschule ihre positiven wie negativen Seiten hat. Angesichts vieler guter Schulleiter im Land muß diese Position weiterhin erhalten werden, allerdings unter verbesserter Delegation hin zum stellvertretenden Direktor und anderen Mitgliedern des Lehrkörpers. Das wäre nicht nur eine Entlastung für den Schulleiter, sondern gäbe ihm außerdem die Zeit, kreative und bessere Verknüpfungen zwischen Schule und Wirtschaft zu schaffen. Er muß bestimmte Schlüsselqualifikationen besitzen. Als besonders wichtig für ihn erweisen sich seine Fähigkeit zur Motivierung und Innovation, die Fähigkeit, mit anderen Menschen gut und sachlich zusammenarbeiten zu können, Verantwortlichkeiten sowie Aufgabengebiete gut zuweisen zu können. Natürlich ist die sich im privatwirtschaftlichen Management durchsetzende Methode - systematische Benennung der Ziele zur Definition einer Organisationsstrategie - im Bildungswesen noch nicht an der Tagesordnung.134

Im Einklang mit den begonnen Demokratisierungsprozessen kann das Vorschlags- und Mitspracherecht des Kollegiums in der Berufsschule bei dem Berufungsverfahren eines Direktors weitergeführt und entwickelt werden.

Im Sinne einer besseren Partnerschaft mit den Betrieben können bei der Wahl auch deren Vertreter eingeladen werden. Die Erarbeitung und Präsentation eines eigenen Konzeptes für die Weiterentwicklung der Berufsschule erwies sich bislang als eine gutes Wahlkriterium. Ähnliche Verfahren haben auch andere europäische Länder, darunter auch Deutschland. Hier sind prinzipiell zwei Möglichkeiten gegeben: das Bildungsministerium schlägt mögliche Kandidaten vor oder die Berufsschule präsentiert ihre eigene Bewerber, wobei alle dem Wettbewerbsprinzip untergeordnet sind.

Der Direktor sollte möglichst keinen politischen Einfluß auf Lehrprozesse, Erziehung und das Personal ausüben. Der Erfolg seiner Arbeit kann auch weiterhin durch das Inspektorat oder andere Vertreter der Berufsbildungsgremien überprüft werden.

Die Wahl sollte turnusmäßig nach dem Muster z.B. 6 + 3 Jahre, entsprechend dem Mandatsprinzip erfolgen;

Der Direktor ist sinnvollerweise eine Person, die mindestens in den letzten 3 Jahren in einer Berufsschule tätig war;

Er hat die Rechenschaftspflicht, d.h. ist finanziell vor dem Personal verantwortlich. Da die Schulleiter jedoch schlecht für die Rolle der Verwaltung von Ressourcen vorbereitet sind, könnte in vielen Fällen die Übertragung der Budgetverantwortung an der Schule mit der Idee der Partnerschaften verknüpft werden.135

Für das Personal sollte die Möglichkeit geschaffen werden, Vorschläge für Verbesserungsprozesse in der Verwaltung der Berufsschule abgeben zu können;

Mitbestimmung des „Basisbetriebes” oder anderer angehöriger Firmen sollten auch prinzipiell zugelassen werden.

Um eine effektive Arbeit bei gleichzeitiger Anwendung von Sparmaßnahmen zu erreichen wäre es von Vorteil, den Kreis der stellvertretenden Direktoren möglichst klein zu halten. Finanzielle Anreize für eine bessere Verwaltung, Initiative und Kreativität des Direktors sowie neue Wege zum Abbau unnötigen Personals sind zu finden.

Die Schulleitung sollte die neuen Engagements einer Partnerschaft mit der Wirtschaft übernehmen und weiterentwickeln. Als Anreiz hierzu sind verschiedene Möglichkeiten gegeben wie: Projektfinanzierung, Abfeiern von Überstunden, Weiterbildung, andere finanzielle Reize. Die Reform bedeutet auch, Möglichkeiten der Umschulung für ein qualitativ neues Management des Schuldirektors zu schaffen, was sich nach der Wende als notwendig erweist.

Die Berufsschullehrer und Ausbilder:

- Ein Thema, das auch lange Zeit vernachlässigt wurde. Zwar wurde zunehmend über einen zu verbessernden Status des Lehrers gesprochen, getan wurde jedoch nichts. Als eine der allernötigsten Aufgaben zeigt sich auch in anderen Ostblockländern die Verbesserung der Qualifizierung des Lehrers. Ausbilder und Lehrer müßten eigentlich gemäß einer Demokratisierung nach Wahl von „unten” eingesetzt werden. Denkbar wäre es z.B. einen selbständigen Studiengang „Berufspädagogik” an der Universität einzurichten, der gezielt Ausbilder für die Berufsschulen und Unternehmen vorbereitet. Alle Lehrer und Ausbilder müssen sich auf qualitativ neue Anforderungen und Werte einstellen.136 Umschulung, Fortbildung oder Aktualisierung der vorhandenen Kenntnisse der Lehrer sind von besonderer Wichtigkeit. Auch hier ist die Hilfe der Betriebe bei der Bestimmung der fachbezogenen Inhalte von Bedeutung. Die Betriebe sind jedoch nicht in der Lage, diese Fortbildung zu übernehmen, da derzeit in Bulgarien keine Ausbildungskompetenzen vorhanden sind. Überlegungen über eine künftige Finanzierung der Lehrer - Weiterbildung müssen angestellt werden. Hierbei werden folgende Bildungsniveaus unterschieden:

Unterricht Theorie: 5jähriges Universitätsstudium, Abschluß als Diplomingenieur oder -ökonom, mit einer einjährigen pädagogischen Zusatzausbildung.

Unterricht Praxis bzw. Fachlehrer oder Ausbilder in der Lehrwerkstatt oder im Betrieb: Abschluß einer Fachmittelschule oder Technikum, Bedingung Abiturzeugnis, mit Berufserfahrung und mit einjähriger pädagogischen Zusatzausbildung.

In Deutschland unterscheidet man z.B. bei den Ausbildern zwischen drei Mitarbeitergruppen :

Im folgenden wird die erste Gruppe als hauptberufliche und die zweite und dritte Gruppe als nebenberufliche Ausbilder bezeichnet.137 Der Handwerksmeister ist nach einer Befragung in Deutschland üblicherweise ein nebenberuflicher Ausbilder.138 In Bulgarien wurden Handwerksmeister mit Ausbilderfunktion sowie Ausbilder im Betrieb wegen der schon beschriebenen Unterentwicklung dieses Bereiches eher wenig oder fast nicht bekannt.

Mit der Neubelebung des Handwerks sollten immer mehr Meister an der Ausbildung in der eigenen Werkstatt oder anderen überbetrieblichen Lehrwerkstätten beteiligt werden.

In KMU werden hauptberufliche Ausbilder auch in Zukunft eine Ausnahme bleiben. Ein wichtiger Vorschlag wäre, daß zumindest ein Mitarbeiter nicht nur formell für die Ausbildung verantwortlich ist. Er sollte hinreichend von seinen sonstigen Aufgaben freigestellt sein. Daneben sollten aber auch möglichst viele weitere Mitarbeiter (nicht unbedingt nur Fachkräfte) im Betrieb bei Problemen und Fragen der Auszubildenden ansprechbar sein.139

In größeren Betrieben wäre die Anstellung eines oder mehrerer hauptberuflicher und relativ vieler nebenberuflicher Ausbilder optimal. Dabei sollte auch für die Lernphasen am Arbeitsplatz jederzeit ein hauptberuflicher Ausbilder als Ansprechpartner für den Auszubildenden zur Verfügung stehen, um die positiven Lerneffekte beim Lernen am Arbeitsplatz zum Tragen kommen zu lassen.140

Der Berufsschullehrer gehört in Bulgarien zu den sogenannten Ingenieur - Pädagogischen Fachkräften einer Schule. An ihn würden weiterhin bestimmte berufliche Bedingungen gestellt. Modell einer beruflichen Charakteristik könnte folgendes sein:

Bildungsniveau - Universität - oder Hochschulabschluß.

berufsbezogene Bedingungen:

Tabelle 6: Fachkompetenzen eines Ausbilders

Wissenschaftsbereich

muß wissen

muß können

Fachbezogene Kenntnisse

 

 

Pädagogik

(die einzelnen

Elemente der ent-

Psychologie

sprechenden

Fachrichtungen

Wirtschaft

würden vom

Bildungsministerium

Jura

zusammen mit

Unternehmen festgelegt)

Quelle:141

Die neuen Projekte der Berufsschule sollten auf vielen Ebenen besprochen werden. Die Beratung mit entsprechenden Fachkräften sollte eingeholt werden.

Zusammenfassung

Die Reform in der bulgarischen Berufsbildung wird ein langwieriger Prozeß sein und kann sich über Jahre hinziehen. Mit viel Geduld in der Umstrukturierung muß man rechnen. Das Scheitern einzelner Komponenten der Reformstrategie oder „lange Umwege” in einzelnen Fällen sind kein Grund, das Vorgenommene zu stoppen oder von Inselprojekten zu sprechen. Eine Nachbetreuung der begonnenen Projekte muß vorgesehen werden, da sonst das Risiko besteht, daß wiederum viel investierte Kräfte und Gelder versickern werden (eine gut bekannte Praxis vieler „sozialistischer Länder” ). Die Hinzuziehung eines breiteren Kreises von Lehrern, die viele Elemente der Reform umsetzen können und intensiv und überzeugt daran arbeiten, ist eine Voraussetzung. Das Vertrauen in diese verantwortungsvolle Arbeit bei gleichzeitiger Kontrolle und Überprüfung der einzelnen Elemente ist wünschenswert.

Am schwierigsten wird sich die Dezentralisierung und Entbürokratisierung des Bildungs- und Berufsbildungssystems durchsetzen. Hier ist eine ganz neue Denk- und Handlungsweise sowie eine neue Generation von Fachkräften erforderlich. Aufgrund der Angleichung an ein künftiges kooperatives Modell und in Anlehnung an die Europäisierung und Internationalisierung der Berufsbildung ist die erfolgreiche Existenz der Berufsschulen in Bulgarien ohne die Unternehmen nicht denkbar. Schrittweise werden sich die privaten Firmen, darunter vorwiegend die KMU immer mehr an der Ausbildung beteiligen. Die langjährigen Bemühungen im Land, sich an einen europäischen Standard der Qualifikationen in jedem Berufszweig anzugleichen, oder einen solchen zu entwerfen, werden auch in der Zukunft fortgeführt. Das Verantwortungs- und Selbstbewußtsein für ein stabiles und erfolgreiches Berufsbildungssystem wird sich festigen. Dabei sind vielfältige Finanzierungsträger und neue Finanzmittel zu suchen. Über Erweiterung und Suche der „Entwicklung von Selbstfinanzierungslösungen” 142 müssen Überlegungen angestellt und Projekte gemacht werden. Hier könnte eine Stiftung für Berufsbildung sehr nützlich sein. Der Anteil von einheimischen und ausländischen Finanzierungsträgern könnte variabel sein. Die Erfahrungen anderer Länder mit hochentwickelten kooperativen Ausbildungsmodellen, darunter auch die BRD in der sogenannten Beratung „Hilfe zur Selbsthilfe” , können sehr effektiv genutzt werden, um Fehler in dem Begonnenen zu vermeiden oder nicht zu wiederholen. Die Betriebe werden erst dann ein stärkeres Interesse an der Berufsausbildung zeigen, wenn ihre eigene Existenz relativ stabil ist. Auch die finanziellen Anreize für die ausbildenden Betriebe werden am Anfang nicht immer genügend motivierend sein. Mit der Notwendigkeit von Überzeugungsarbeit sowie Umschulungen jeglicher Art an allen an dem Prozeß Beteiligten muß man rechnen. Voraussetzung für kooperative Modelle sind das Kammergesetz und das Berufsbildungsgesetz. Die Festlegung der Funktion der Sozialparteien sowie aller ihrer Rechte und Verpflichtungen sind somit rechtlich gesichert. Umschulungs- und Vorbereitungsarbeiten der Kammern müssen vorgesehen werden. Als völlig neu für die Berufsausbildung im Land erweist sich das Berufsbildungsgesetz, dem besonders große Aufmerksamkeit gewidmet werden muß. Mit Hilfe dieses Gesetzes muß der Vertrag Auszubildende - Unternehmen - Berufsschule sowie die Bezahlung der Schüler festgelegt und gesichert werden. Abweichungen von dem deutschen BerBFG in Bezug auf dessen relativ hohe Komplexität sind empfehlenswert. Schwerpunkt dieses Gesetzes ist auch die rechtliche Sicherung finanzieller Anreize für die ausbildenden Unternehmen.

Die Entwicklung eines Berufsbildungssystems ist ohne eine genaue Verzahnung mit dem Arbeitsmarkt nicht sinnvoll. Die Erforschung und Prognose des Arbeitsmarkts ist in einem modernen marktwirtschaftlichen Produktionsumfeld notwendig. Das Produktionsschulprinzip erweist sich nicht nur in Bulgarien, aber auch weltweit als sehr günstig. Die schulische Lehrwerkstatt mit ihren Funktionen wird weiterhin ein wichtiger Stützpfeiler der Berufsausbildung im Land bleiben, aber sie kann nicht ausreichend und den Anforderungen der modernen Wirtschaft entsprechend sein. Das Produktionsschulprinzip zeichnet sich als eine dauerhafte Tendenz ab und gehört zu den Traditionen der beruflichen Bildung im Land. Auch in Bulgarien erlebt sie eine erstaunliche Neubelebung wie es heutzutage in vielen europäischen und Entwicklungsländern der Fall ist, besonders da, wo sich Engpässe in der Berufsbildung ergeben. Staatliche Projekte werden weiterhin in dieser Hinsicht nicht helfen können.143 Die Zuneigungen, Wünsche und Zielvorstellungen der Öffentlichkeit sowie der Berufsbildungsexperten im Land, die schulische Lehrwerkstatt beizubehalten, muß rational für die Zwecke des kooperativen Modells genutzt werden. Produktionsschulen sind ein „ideales Instrument” für die Entwicklung von solchen Modellen. Dabei können optimale Ergebnisse erreicht werden, wenn die Produktionsschule als Teil eines Industrieförderungsprogramms integriert werden kann.144 Die schulische Verkaufsstelle bietet auch in der Zukunft interessante Möglichkeiten zur Unterstützung der finanziellen Autonomie sowie Ansätze einfacher kaufmännischer Ausbildung, die völlig ausgeschöpft werden müssen. Eine Entwicklung in Richtung Partnerschaft mit ÜBS sowie verschiedenen Unternehmen ist vorzusehen. In der Anfangsphase können Auszubildende auch in nahestehenden Bereichen, wo der zuständige Bereich über solche momentan nicht verfügt oder ÜBS nicht aufgebaut sind, Praktikumsplätze bekommen. Die Nutzeffekte sind auf jeden Fall für beide Seiten größer, als wenn keine Praktika durchgeführt würden. Neue Curricula, die qualitativ und quantitativ mit den Partnern abgestimmt werden sollten, sind notwendig. Der Lehrstoff in den gewerblich - technischen Fächern muß dynamisch betrachtet und entwickelt werden. Dazu gehören auch Erarbeitungen von Tests, neuen Prüfungsordnungen und Zertifikaten nach der im Land vorhandenen Nomenklatur der anerkannten Berufe sowie von Rahmenbedingungen des Staates. Neu für das einheimische Berufsbildungssystem sind das Zulassungsverfahren bzw. Eignungstest für gewerblich - technische Fähigkeiten, Intelligenz etc. sowie die Zwischenprüfungen. Die Modularisierung muß im Unterricht der Erstausbildung allmählich durchgesetzt werden. Eine Tendenz zur Erweiterung des praktischen Unterrichts bzw. der Wochenstunden nicht nur in der Lehrwerkstatt sondern auch im Unternehmen muß in allen Arten von Berufsschulen vorhanden sein. Eine breitere Differenzierung der vorhandenen Arten von Berufsschulen muß vorgenommen werden. Der Fremdsprachunterricht - in der erweiterten oder gekürzten Version - sollte in allen Berufsschulen zur Wahl stehen. Darüber hinaus muß den Schülern die Möglichkeit der Wahl einer zweiten Fremdsprache zur Verfügung gestellt werden. Das Abitur im Sinne einer Doppelqualifikation in der Ausbildung muß als Alternative, aber nicht wie bisher obligatorisch vorhanden sein. Das Weiterführen der obligatorischen Abiturprüfung in allen Berufsschulen würde weiterhin den Widerstand der Schüler hervorrufen sowie das allgemeine Bildungsniveau stark senken. Eine Abstimmung der Abiturfächer in den Berufsschulen ist notwendig, wobei Wahlfächer, darunter auch gewerblich - technische, zur Verfügung gestellt werden können. Also bleibt die Berufsschule der Zukunft Vermittler einer breiten Palette von Fachqualifikationen und allgemeinbildenden Kenntnissen und entwickelt sich den neuen und modernen wirtschaftlichen Bedingungen entsprechend.

Die Person des Ausbilders im Betrieb bzw. Meister - Ausbilders im Handwerk, der die Schüler am Arbeitsplatz betreut, muß haupt- oder nebenberuflich auch in Bulgarien eingeführt werden. Dabei muß an einem verbesserten Image aller in der Berufsbildung tätigen Personen gearbeitet werden. Ein Qualifikationsnachweis entsprechend neu erarbeiteter Bedingungen ist erforderlich. Die Umschulung der Berufsschullehrer für die neuen Lehrinhalte ist vorzusehen sowie ein Training der Schulleitung in modernem „Management” . Die Direktoren sind Personen mit ganz neuen Schlüsselqualifikationen, deren erfolgreiche Arbeit sich durch das Mandatsprinzip bestätigt. Initiativen zur Schaffung von Weiterbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten müssen in der Anfangsphase von der Lehrerschaft selbst ergriffen und allmählich mit Hilfe der Unternehmen erweitert werden.

Als Neuheit erweisen sich die ÜBS, die mit den ehemaligen MUZPO für die Polytechnisierung vergleichbar sind. Die ÜBS sind nach dem Fondsprinzip für diejenigen Berufszweige geeignet, die nicht über den Lernort „Betrieb” verfügen. Die Organisation der ÜBS als neu entstandene oder umgewandelte schulischen Lehrwerkstätten ist den Sozialparteien unter der Leitung des Staates überlassen. Dies sind nicht nur Ausbildungs-, sondern auch Fortbildungs-, Weiterbildungs-, Umschulungs- und Technologiezentren.

Die Rahmenbedingungen beruflicher Bildung werden weiterhin vom Staat bestimmt, das Berufsbildungssystem wird staatlich flankiert sein. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Rolle des Staates immer mehr eine koordinierende seien wird. Die ganze Reformstrategie nimmt auf einheimische Berufsbildungswünsche Rücksicht, da sich bei Engpässen in der ganzen bildungspolitischen Entwicklung manchmal lokale Lösungen als sehr vernünftig erweisen können. Die Reform bleibt offen und flexibel, dynamisch und anpassungsfähig für ein immer mehr und sich ständig änderndes Bild der Berufsbildung im Land.