Gegenwärtiger Stand der Diskussion zur Berufsbildung in Bulgarien

Arten von Berufsschulen nach der Wende

Nach der Wende 1989 existiert eine Vielfalt an Berufsschularten in Bulgarien.

 

A)Berufsschulen mit Grundschulabschluß und Erwerb einer beruflichen Qualifikation:

1. PTU nach der 6. Klasse - Dauer 3 Schuljahre.

2. PTU nach der 7. Klasse - Dauer 2 Schuljahre.

3. PTU nach der 8. Klasse - Dauer 1 1/2 Schuljahre.

 

B)Berufsschulen mit Abiturabschluß und Erwerb einer beruflichen Qualifikation:

  1. STPU nach der 8. Klasse- Dauer 3 Schuljahre.
  2. Technikum nach der 8. Klasse- Dauer 4 Schuljahre.
  3. Technikum nach der 7. Klasse- Dauer 5 Schuljahre, gewöhnlich mit erweitertem Fremdsprachenunterricht.
  4. Technikum nach dem Abitur bzw. nach der 11. Klasse Dauer 2 Schuljahre.

In einigen Berufsschulen wird den Schülern die Möglichkeit gegeben, eine zweite berufliche Qualifikation zu erwerben. Die erworbenen Berufe entsprechen der Tendenz zu breitprofilierter Berufsgrundlage mit darauf aufbauender enger Spezialisierung.1 Trotz des unter der Bevölkerung nicht anerkannten Status „breitprofilierte Fachkraft” haben die wissenschaftlichen Untersuchungen der Berufspädagogen im Land eben diesen Status für die gegenwärtige Facharbeiterschaft bestätigt.2

Der Abbau der Planwirtschaft hat noch deutlicher die mangelnde Eignung des Konzepts der eng spezialisierenden Berufsausbildung gezeigt. Die neue wirtschaftliche Situation verlangt von den Jugendlichen Eigenschaften wie schnelle Anpassung und Marketingorientierung in Bezug auf den Arbeitsmarkt, mobile Berufsvorbereitung, Konkurrenzfähigkeit, Bereitschaft zur Umschulung u.a. 3 Die Bemühungen des Bildungsministeriums sind auf eine aktualisierte Nomenklatur der Berufe konzentriert. Die Umwandlung dieser Nomenklatur ist ein langfristiger Prozeß. Es ist ein Versuch, die Bedingungen des Arbeitsmarktstruktur, der Nachfrage der Unternehmen und die individuellen Wünsche den Auszubildenden zu erfüllen. Die Berufsschulen sind wie bisher staatlich mit Ausnahme einiger privater Institutionen. Die Möglichkeiten für Umschulung und Weiterbildung von Erwachsenen in der Berufsschule sind in derzeit in den Formen: Fernunterricht, Abendschule, Kurse u.a. verbreitet. Das Berufsbildungssystem ist durch das Gesetz für Volksbildung von 1991 geregelt.4 Ein Berufsbildungsgesetz fehlt. Die Notwendigkeit eines solchen Gesetzes ist im Kreise der bulgarischen Experten unbestritten, da die Beziehungen zwischen den einzelnen Berufsbildungsgremien immer noch nicht festgelegt sind. In der Zukunft ist eine noch größere Differenzierung an Berufsschularten vorgesehen. In der Diskussion sind Meinungen vertreten, die für die Umwandlung der gegenwärtigen Berufsschulen in berufliche Gymnasien und Handwerksschulen sprechen. Besonders große Aufmerksamkeit wird von den bulgarischen Berufspädagogen dem deutschen Kollegschulmodell Nordrhein-Westfalen gewidmet. Dieses Modell ist ein Konvergenzmodell, ein erster Versuch, in Deutschland Allgemein- und Berufsbildung in einer integrativen Form anzubieten.5

Die Berufsschule in der Zeit des Übergangs zur freien Marktwirtschaft

Die Lehrpläne sowie die Steuerung der Berufsschulen sind immer noch unter der zentralen Leitung des Bildungsministeriums. Die Rolle des Ministeriums wird auch in der Zukunft führend bleiben. An der Beratung über die Lehrpläne, Anforderungen und Abschlußprüfungen der Auszubildenden beteiligen sich Fachkräfte aus einigen Branchenkammern freiwillig. Den Lehrinhalt kann man in drei Gruppen von Lehrfächern unterteilen:

Der Unterricht wird in einer 5-tägigen Woche bei 30 -35 Stunden erteilt. Das Schuljahr umfaßt 36 Wochen.
Der Anteil der allgemeinbildenden(A) und berufsbezogenen (B) Fächer ist wie folgt:

Tabelle 1: Verhältnis der Fächer

Technikum

SPTU

PTU

A:B = 1:1,5

A:B = 1:1,3

A:B = 1:4,3

Quelle: 6

Tabelle 2: Zahl der Berufsschulen

Kategorie: Technikum SPTU PTU
Anzahl: 285 228 8
Berufe: 128 28 45

Quelle: 7

Bei den Abschlußprüfungen gibt es eine leichte Tendenz zur Teilnahme außerschulischer Spezialisten. Für einige Berufsschulen ist dies Tradition, aber keine verbreitete Praxis, die auch nach der Wende stark nachließ. Die PTU endet mit schriftlichen Prüfungen in allgemeinbildenden Fächern (Bulgarische Sprache und Mathematik) und berufsbezogenen Fächern (Theorie und Praxis des Berufes). Die Absolventen bekommen Diplome für Grundschulabschluß und Berufsqualifikation. Die SPTU endet mit schriftlicher und mündlicher Abiturprüfung in Bulgarischer Sprache und Literatur, das Technikum mit schriftlicher und mündlicher Prüfung in Bulgarischer Sprache und Literatur und in Mathematik. Die Absolventen beider Arten von Berufsschulen legen auch mündliche, schriftliche und praktische Prüfungen in Theorie und Praxis des Berufes ab.

Die Schüler bekommen Diplome für Hochschulreife (Abitur) und Berufsqualifikation. Das letztere Zertifikat kann nach dem neuem Bildungsgesetz 1991 nur von Berufsschulen ausgestellt werden.8 In der Diskussion wird immer noch die Frage der Abiturprüfungen (Matura) gestellt. Eine der möglichen Varianten ist: Bulgarische Sprache und Literatur als Pflichtprüfungsfach und ein zweites Prüfungsfach nach Wahl der Schüler.

Von Seiten der deutschen Experten werden die Prüfungsfächer der Matura in Bulgarien als der deutschen Abiturprüfung nicht gleichwertig in Frage gestellt.

 

Die Rolle der schulischen Lehrwerkstatt

Funktionen

Der schulischen Lehrwerkstatt kommt in der neuen Situation des Übergangs besondere Wichtigkeit zu. Unter den veränderten Bedingungen, in denen für die meisten Schulen die Verbindungen mit den Basisbetrieben teilweise oder stark beschädigt sind, ist die schulische Lehrwerkstatt die einzige Stelle, um praktische Berufsqualifikationen zu erwerben und auszuüben. Solche Lehrwerkstätten bestehen in Bulgarien aus einer oder mehreren Hallen, die sich im Gebäude der Berufsschule (sehr oft in einer separaten Etage) befinden. Von einer überbetrieblichen Lehrwerkstatt, die außerhalb der Berufsschule ist oder aber andere Finanzierungsquellen hat, kann man noch nicht sprechen. Unter den mehrfachen Funktionen der schulischen Lehrwerkstatt kann man in der Zeit des Übergangs folgende - nach Prioritäten - unterstreichen:

Die Elemente „Integration” und „Erziehung” sind in allen Tätigkeiten und Unterrichtseinheiten der Lehrwerkstatt vorhanden.

Probleme

Oben wurde eines der Probleme - schlechte Qualität der Materialien, veraltete Werkzeuge und Maschinen 13 schon erwähnt. Eine der Lösungen dieses Problems ist die nur vereinzelte Annahme und Fertigung von Produkten, kleine, auch manchmal zufällige Bestellungen.14 Dieses Argument könnte sofort zu der Entgegnung herausfordern, die schulische Lehrwerkstatt wäre nicht optimal belastbar. Dagegen könnte die sogenannte „schulische Kooperative” 15 (aktueller Begriff: „die Schulfirma” ) eine Lösung sein. Von allen Tätigkeiten dieser Kooperative, die in der bulgarischen pädagogischen Literatur beschrieben sind (Spar- und Kredit-, Handels-, Produktions-, Sammel-, Wohltätigkeits-, ökologische, Kultur-, Bildungs- und andere Tätigkeiten)16 ist die Produktionstätigkeit für eine Berufsschule besonders gut geeignet. Auch hier zu dieser Fragestellung vertreten die deutschen Experten die Meinung: Eine Produktionstätigkeit in der Berufsschule, die von der schulischen Kooperative geführt wird, ist sinnvoll, wenn sie außerhalb der Unterrichtszeit geführt wird, ist rentabel, wird überwacht und kontrolliert, bringt auch der Berufsschule einen Gewinn und stört den normalen praktischen Unterricht nicht.

Ein Patentrezept für die Lösung der vielfältigen Problemen der schulischen Lehrwerkstatt in der Berufsschule gibt es nicht. Je nach Initiative der Verwaltungen werden hierzu individuelle Lösungswege gefunden. Hier wollen wir nur einige erwähnen:

Eines der gegenwärtigen Problemen ist die Arbeitsmotivation der Berufsschullehrer, die bei schlechten Bedingungen und äußerst schlechter Bezahlung arbeiten müssen. Diese Situation unterdrückt das Berufsselbstbewußtsein. Häufig ist es der Fall, daß der Berufsschullehrer wie auch der Auszubildende außerhalb der Schule zusätzliche Arbeit suchen müssen, um ihre finanzielle Lage zu verbessern. Das beeinflußt die Vorbereitung beider Teilnehmer des Ausbildungsprozesses.

Trotz aller Probleme wird die schulische Lehrwerkstatt mit ihrer eigenen Produktion und Verkaufsstelle von zahlreichen Berufsbildungsexperten internationalen Formats als die stärkste, traditionelle und führende, auch in der Zukunft von Bedeutung bleibende Seite des bulgarischen Berufsbildungswesens angesehen.

 

Die Rolle der großen Betriebe in der Ausbildung

Der Rückgang der Produktion im 1994 im Vergleich mit dem Jahre 1990 gemessen am Bruttoinlandsprodukt betrug in Bulgarien ca. 25%, in Rumänien ca. 15%.

In den anderen Ländern des Ostblocks wie z.B. Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn zeigt dieser Parameter eine gewisse Steigerung.17 Stärker negativ wirken sich in der bulgarischen Wirtschaft auch folgende Faktoren aus:

Unter diesen Bedingungen sind die Betriebe in Bulgarien kollabiert. Riesengroße Betriebe der Metallurgie, des Maschinenbaus, der Elektrotechnik u.a. Industriezweige arbeiten mit nur 40% ihrer Kapazität oder sogar weniger. Die großen Unternehmen, die auch vor der Wende ihre guten Ausbildungszentren hatten, können zwar auch weiterhin als Basisbetriebe dienen, dagegen stehen jedoch in der gegenwärtigen Diskussion folgende Argumente:

Besonders kritisch ist die wirtschaftliche Situation der kleinen und mittelgroßen Betriebe, deren Ausbildungszentren auch vor der Wende relativ instabil und klein waren. Die meisten Ostblockländer nehmen während des Übergangs einen Kurs der Neubelebung oder Gründung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Diese Politik würde Bulgarien als kleinem, ehemaligen Agrarland auch adäquat sein. Die EU unterstützt diese Politik mit zahlreichen Aktivitäten. Das Programm „Europian Training Foundation” in Turin als Berufsbildungshilfe plant beispielsweise 3 neue Berufe in Bulgarien ab 1996 und die Durchsetzung des Modulprinzips in den Lehrplänen.

Auch in der Diskussion über den „Betrieb als Lernort” entdecken wir jedoch Widersprüche. Ein Teil der Berufsbildungspolitiker vertritt die Meinung, daß nur oder hauptsächlich die großen Unternehmen imstande sind, eine vertrauenswürdige berufliche Bildung zu garantieren. Ein zweiter Teil ist dagegen davon überzeugt, daß die kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in internationaler Sicht „überragende Bedeutung” haben.

„...und, daß die Rolle der kleinen und mittleren Unternehmen nicht unterschätzt werden darf und von daher eine verstärkte Berücksichtigung dieser Unternehmen im Rahmen der Forschungs- und Technologiepolitik der Bundesregierung fordern.” 20

Eins bleibt unbestritten, die besten Qualifikationen kann der Auszubildende in der realen Umgebung des Betriebes erwerben. Die Beteiligung des Betriebes an der beruflichen Bildung Bulgariens wird ein langfristiger Prozeß sein und sich mit der Zeit progressiv entwickeln.

 

Die Rolle der privaten Firmen

Die ca. 195.000 privaten Firmen in Bulgarien haben einen Gewinn für das Jahr 1995 im Rahmen von 590 Mrd. Lewa erzielt. 96% des Gewinns stammt aus dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen. Die privaten Firmen sind vorwiegend Familienunternehmen mit nicht mehr als 3 Personen.21 Branchen wie Industrie, Bauwesen und Transport entwickeln sich ganz allmählich. Die Firmen sind mit ihrer eigenen Existenz, mit Krediten, der Konkurrenz und Stabilität an erster Stelle beschäftigt und erst dann mit einer eventuellen Berufsbildung. Auch wenn wir annehmen, daß die private Firma eine Alternative zum Ausbildungsort Betrieb wäre, so wäre das nur für ganz bestimmte, begrenzte Branchenbereiche möglich.

Ein Beispiel dafür sind die Erfahrungen der privaten Firma „Luciano” , die nach der Wende innerhalb kurzer Zeit eine Kette von Konditoreien mit eigener Produktion im Land aufgebaut haben. Auf die Initiative des Geschäftsführers hin werden den Schülern aus dem Technikum für Bäcker und Konditoren Ausbildungsplätze angeboten. Das Praktikum bei „Luciano” fängt nach dem zweitem Ausbildungsjahr an und erstreckt sich auf das 3. und 4. Ausbildungsjahr. Die Auswahl der Auszubildenden erfolgt durch eine praktische Prüfung, die vom Geschäftsführer organisiert wird. In der ganzen Zeit des Praktikums bekommen die Schüler ein Gehalt von 4000 Lewa. Zum Vergleich: im selben Zeitabschnitt bekam der Berufsschullehrer ein Gehalt von 3000 Lewa (1994: 1DM = 40Lewa). Das Praktikum findet statt an 3 Tagen wöchentlich zu je 6 Stunden. Auf Wunsch der Schüler können sie auch 8 statt der vorgeschriebenen 6 Stunden arbeiten. 22

Dieses Beispiel könnte man als ein typisches Schulmodell der Berufsausbildung mit Elementen des Dualen Systems betrachten. Bemerkenswert ist es, daß dieses Modell sich nicht von oben nach unten durchsetzt, also ohne Zwang vom Staat, sondern freiwillig von unten nach oben. Diese Erfahrungen kann man als erfolgreich bewerten und auch in anderen Berufszweigen empfehlen, mit dem Vermerk, daß die private Firma eine gewisse Stabilität erreicht haben muß. Wie schon in der Fallstudie erwähnt wurde, suchen die Auszubildenden auch anderer Berufsschulen auf eigene Initiative Tätigkeiten in privaten Firmen. In vielen Fällen sind die Fachbereiche des erlernten Berufes und der Firma ganz verschieden. Die Gründe dieser Bestrebungen der Schüler sind vorwiegend folgende:

Auch hier zu dieser Fragestellung sind zwei Meinungen vorhanden:

„In diesem Bereich wird produktionsnah und wenig kostenintensiv ausgebildet, die Lehrlinge werden eher als („billige” ) Arbeitskräfte genutzt; ein Teil der Betriebe in diesem Bereich kann jedoch interessante Beschäftigungsmöglichkeiten bieten” 24

Man kann schlußfolgern, daß die privaten Firmen auch in der Berufsausbildung in Bulgarien interessante Beiträge leisten können. Immer noch ungelöst bleibt jedoch das Problem, die offiziellen Beziehungen zwischen Berufsschule, private Firmen und Auszubildenden zu regeln.

Die bulgarische Regierung hat sich bemüht, per Gesetz 25 finanzielle Erleichterungen zu schaffen für diejenigen privaten Firmen, die neue Arbeitsplätze für junge qualifizierte Arbeitskräfte über das Arbeitsamt anbieten. Trotzdem ist eine traurige, negative Tendenz zu beobachten: Die privaten Firmen veröffentlichen zur Verfügung stehenden freie Arbeitsplätze nicht über das Arbeitsamt. Nach einer Befragung des Arbeitsamts der Stadt Montana wurde festgestellt, daß in den letzten 6 Monaten von den Arbeitgebern keine Information über freie Arbeitsstellen abgegeben wurde.26 Also läßt dieses Gesetz noch zu wünschen übrig und sollte in ein Berufsbildungsgesetz münden.

 

Das Praktikum

In den meisten Ostblockländern wird zwischen den Begriffen: „Schulpraktikum” und „Produktionspraktikum” unterschieden. Unter Schulpraktikum versteht man jenes, welches in der Lehrwerkstatt, gewöhnlich der Berufsschule durchgeführt wird. Es dient dazu, die erworbenen theoretisch - technischen Kenntnisse zu festigen und zum Erwerb von praktischen Fähigkeiten und Gewohnheiten. Schulpraktika werden in allgemeinbildenden sowie in Berufsschulen durchgeführt.27 Je nach Art der Berufsschule PTU, SPTU oder Technikum findet das Schulpraktikum an 1 bis 3 Tagen wöchentlich à maximal 7 Unterrichtsstunden statt. Auch hier werden in der Diskussion verschiedene Meinungen vertreten:

Es ist in dieser Form, Art und Dauer ausreichend und so muß es auch in der Zukunft bleiben;

Eine leichte Verlängerung des Schulpraktikums ist notwendig.

Unter „Produktionspraktikum” ist der Teil des Praktikums zu verstehen, der bei realen Betriebsbedingungen durchgeführt wird. Gewöhnlich ist dies ein Sommerpraktikum oder ein Endpraktikum, das bei der Absolvierung der Berufsschule geführt wird.28 Auch hier ist dieses Praktikum je nach Land, Beruf und Schule von verschiedener Länge (min.30 Tage bis max. 12 Monate)29

Hier sind sich bulgarischen wie deutsche Berufspädagogen einig: Da durch das Produktionspraktikum der Auszubildende am besten motiviert wird, erlernt er seinen Beruf am erfolgreichsten bei realen Bedingungen, und so wäre es sinnvoll, dieses Praktikum in der Zukunft mit einer höheren Länge zu planen. Dem stehen jedoch die begrenzten Möglichkeiten und ein derzeitiges Desinteresse der Unternehmen, Auszubildende aufzunehmen. Auch in dem Produktionspraktikum ist die Rolle des Lehrers aus der Berufsschule in Bulgarien unverzichtbar. In der bulgarischen Berufspädagogik wird die Rolle des Betriebsbetreuers beschrieben. Die Aufgabe dieser Person ist es vor allem, junge Arbeiter und Fachkräfte in die Betriebsumgebung zu integrieren.30 Ein Meister (Ausbilder) im deutschen Sinne, der extra für die betriebliche Ausbildung zuständig ist, wäre mit dem bulgarischem Betriebsbetreuer schwer vergleichbar. Es kommt aber nicht selten vor, daß diese Personen nicht die notwendigen Ausbildungsqualifikationen besitzen oder einzelne Geschäftsführer eine abweisende Haltung dem Auszubildenden gegenüber an den Tag legen.31 Anstatt sich im Betrieb zu integrieren, entfernt sich der Auszubildende aus der realen Praxis. Auch in der ehemaligen DDR, die von allen Ostblockländern am meisten dem Dualen System angenähert ist, wurde berichtet:

„Dauerhafte Ungleichgewichte zwischen Qualifikationsangeboten und effektivem Qualifikationsbedarf können daher zu einer strukturellen Überqualifikation oder auch zu einem Qualifikationsdefizit führen” 32

In der BRD sind die Fälle auch nicht selten, wo die Auszubildenden in Betrieben mit ausbildungsfremden Arbeiten beschäftigt werden und ca. 62% aller Schüler keinen eigenen Ausbildungsplan haben.33 Auch in der BRD, die durch die Dualität quantitative sowie qualitative Fähigkeiten verleiht, wird von einigen Berufen, z.B. die kaufmännischen, über Schwierigkeiten der Integration im realen Berufsleben berichtet.34

Der Lernort Betrieb, der für die Auszubildenden auch in der Zukunft besonders im Hinblick auf das Praktikum einen hohen Stellenwert haben wird, wird weiterhin vervollkommnet werden. Unter den derzeitigen Bedingungen der Umwandlung zur freien Marktwirtschaft wird dies auch ein langfristiger Prozeß werden. Hierzu wird es der verantwortungsvollen Zusammenarbeit der Sozialpartner bedürfen.35

 

Probleme der beruflichen Bildung der Roma - Bürger in Bulgarien

Die Wende brachte auch große Änderungen der sozialen und wirtschaftlichen Situation der Roma - Bürger in Bulgarien mit sich. Es ist ein Übergang, der sich besonders drastisch auf die Armut und Arbeitslosigkeit der Zigeuner auswirkt. Einige pädagogische Quellen bezeichnen sie mit den Begriffen: „Jugendliche mit asozialem Verhalten” oder „benachteiligte Jugendliche” . Dies kann man aber nicht für die ganze ethnische Gruppe verallgemeinern. Trotz der Wichtigkeit dieses Problems wurde darüber sehr wenig veröffentlicht.

Nachdem der administrative Zwang gegenüber den Eltern, die Kinder in die Schule zu schicken, gelockert wurde, nimmt die Zahl der eingeschulten Roma - Kinder von Jahr zu Jahr ab. Nach Angaben von Schuldirektoren besuchen zwischen 40 und 70 % der Jugendlichen und Kinder in den Regionen mit Roma - Bürgern die Schule nicht.36

Für die gegenwärtigen Probleme dieser Gruppe Jugendlicher werden folgende Ursachen angegeben:

Vor der Wende 1990 gab es die sogenannten Schulen mit ausgeprägter Arbeitserziehung. Sie wurden extra für Viertel mit Roma - Bürgern geöffnet. In diesen Schulen erlernten die Roma - Kinder allgemeinbildende Fächer bis zur 6. Klasse einschließlich und anschließend in der 7. und 8. Klasse einen Beruf, z.B. Maler, Tischler, landwirtschaftlicher Arbeiter, Steinmetz, Schneider, Schuster u.a.. Nach 1990 wurden diese Schulen wegen äußerlich schlechter Bedingungen und Qualität des Unterrichts geschlossen. Dies verschlechterte noch zusätzlich die Bildung dieser Bürger. Die meisten blieben ohne Grundschulabschluß, der Zugang zu weitere Abschlüssen - beruflich oder allgemeinbildend - wurde schwieriger. Nur einzelne strebten einen Abitur-, bzw. Hochschulabschluß an. Aus Sicht und nach Angaben der Roma - Interessenvertreter ist diese Berufsbildungspolitik eine Art von Diskriminierung. Die erlernten Berufe entsprechen z.Zt. dem Stand der 50-er und 60-er Jahre.38

Als Gegenargument könnte vorgebracht werden, daß nur ein kleiner Kreis an Berufen und Qualifikationen einem niedrigen Bildungsniveau entspreche.39 Die Bildung der Roma - Bürger in Bulgarien wird sorgfältig behandelt, aber bedarf auch in der Zukunft noch mehr tiefgreifender Maßnahmen. Das Eintreten des Landes in die EU würde voraussetzen, daß Bulgaren und Roma - Bürger kooperieren. Das Syndrom der „nicht - Annahme des Anderen” aufgrund von Klassen-, National-, Religions-, Rassen- , Familien-, Alters- u.a. Verschiedenheiten muß endgültig überwunden werden.40 Die gegenwärtigen Bemühungen und Aktivitäten der Regierung und der Kommunen, wie z.B.:

finden keinen besonders großen Anklang. Neue Konzepte sind auch hier vonnöten.

 

Ergebnisse der Untersuchung

Diese Untersuchung hatte zum Ziel, durch Expertenbefragung, Literaturstudium und eigene Beobachtungen den aktuellen Stand der Diskussion zur Berufsbildung in Bulgarien festzustellen. Die meisten Themen sind mit ihrer Problematik und den widersprüchlichen Diskussionsmeinungen dargestellt worden. Es ist ein Versuch, durch den Überblick über die Gegenwart, zukünftige Modelle zu entwerfen und zu interpretieren. Das Bestreben des Untersuchers ging dahin, bei jedem Schritt die Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene zu legen und politischen Neutralität zu wahren. Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung kann man sich in folgenden Punkten zusammenfassen: