Das Bildungssystem in Bulgarien

Vorschulerziehung

Die Vorschulerziehung wurde in den Ländern des ehemaligen Ostblocks fast gleich organisiert. Sehr oft werden in der Literatur Kinderkrippe (1 bis 3 Jahre) und Kindergarten (3 bis 6 bzw.7 Jahre) zusammen untersucht.

Von einer effektiven Erziehung kann man erst im Kindergarten sprechen. Die gehäufte Erscheinung der obenerwähnten Anstalten in diesen Ländern ist Folge eines gesetzmäßigen Prozesses. Sie begleitet das Entstehen und die ganze Entwicklung des sogenannten Sozialismus. Die starke Industrialisierung all dieser Länder, die aktive Beteiligung der Frau am Arbeitsprozeß ist die Hauptursache der progressiven Vermehrung der vorschulischen Anstalten in dieser Periode.

Unsere Aufgabe ist hier nicht, die Vorschulerziehung ausführlich zu beschreiben, da dies anderenorts bereits mehrfach geschehen ist, sondern der Methodik dieser vergleichende Studie gemäß zu analysieren.

 

Kinderkrippe

In der westlichen pädagogischen Literatur wird über die Rolle der Familie, insbesondere der Mutter bei der „Sozialisierung" des Kindes im Säuglings- und Kleinkindalter kontrovers diskutiert.

Einige Autoren vertreten die Meinung, daß das Kind bis zum vollendeten 3.Lebensjahr unbedingt nur bei der Mutter bleiben müsse.1 Die Untersuchungen der Kinderkrippen zeigen uns, daß hier die Kinder 3 bis 5 mal öfter krank sind als die im Familienverband verbliebenen; hauptsächlich handelt es sich hierbei um Erkrankungen der oberen Atemwege. Nach Meinung der meisten Autoren liegen die Ursachen hierfür in mangelhafter Organisation und Durchführung der Kinderbetreuung. Nach Untersuchungen, die in der ehemaligen DDR und C SSR durchgeführt wurden, treten 70% der Erkrankungen in den ersten 3 Wochen der Anpassungszeit auf. Außerdem wurde festgestellt, daß Kinder zwischen 9 und 18 Monaten viel häufiger krank werden als solche zwischen 3 und 9 Monaten.2

Andere Autoren dagegen finden keine Unterschiede zwischen Kindern, die nur zu Hause aufwachsen und solchen, die in Tageskinderkrippen oder Tageskinderheimen erzogen werden. Von einem Geborgenheitsverlust des Kindes durch Entzug der Mutter ist hier überhaupt nicht die Rede, eher von stundenweiser Trennung von der Familie.3

Es ist zu beobachten, daß die Kinderkrippen in der Zeit vor 1989 als Krankenanstalten organisiert und betrachtet wurden. Sie sind auch derzeit immer noch dem Ministerium für Gesundheitswesen unterstellt. Erst in den Analysen nach 1989 wurde bekannt, daß die Sterblichkeit der Kinder in den Kinderkrippen relativ hoch war.4 Es wird großen Wert auf die Disziplin im Tagesablauf gelegt: pünktliche Mahlzeiten, Mittagsschlaf, Abgabe der Kinder usw. . Elemente der Erziehung sind auch hier zu sehen, wie z.B.: Erzählen von Märchen, Musik hören und Lieder singen, kurze Gedichte und Sprüche auswendig lernen, Basteln und Malen, Teilnahme an bestimmten Spielen, Gymnastik u.a.. In der Literatur ist immer wieder auf die Individualisierung des Erziehungsprozesses hingewiesen worden, aber dies steht im Widerspruch zu der hohen Anzahl der Kinder (20 oder mehr) pro Gruppe in dieser Periode, dem Personalmangel usw.

Kindergarten

Von allen Vorschuleinrichtungen ähnelt der Kindergarten am meisten der Familienumgebung. Trotz aller Vorteile der Familie als Erziehungs- und Sozialisierungsfaktor muß man dennoch beachten, daß das Aufwachsen der Kinder allein in der Umgebung von Erwachsenen zu emotionalen Defiziten führen kann, die später nicht kompensiert werden können. Um das dritte Lebensjahr herum benötigt das Kind dringend den Umgang mit seinen Altersgenossen.5

Ein dichtes Netz von staatlichen Kindergärten ist in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks sehr deutlich zu sehen. Es verbreitet sich zunehmend mit den Jahren, entsprechend der „verordneten Industrialisierung in allen Ländern. Nehmen wir als Beispiel die ehemalige DDR:

Tabelle 1 Zahl der Kindertagesstätten


Jahr

Zahl der Einrichtungen


Zahl der Kinder

1946

1 943

100 831

1950

5 507

250 399

1955

6 486

308 929

1958

7 521

365 096

1959

-

384 000

Quelle:6

Die krasse Steigerung der Zahl der Kindergärten sowie der betreuten Kinder ist ganz typisch für alle Länder. Anhand der Tabelle sehen wir, wie die Zahl der betreuten Kinder um durchschnittlich ca. 10 000 Kindern pro Jahr wächst. So kommt es in den 70-er und 80-er Jahren zu der Erscheinung, daß fast alle Kinder im Vorschulalter in Kindergärten betreut werden. Einen starken Beweis hierfür geben uns folgende Daten aus dem selben Zeitabschnitt:

Tabelle 2 Zahl der betreuten Kinder

Land:

Kinder im Kindergarten (%):

DDR

92

SR Rumänien

80

UdSSR

über 85

CSSR

95

VR Bulgarien

90

Quelle:7

Auch die Formen der Vorschulerziehung sind in allen Ländern dieselben:

Kindergarten mit ganztägigem Aufenthalt der Kinder;

Kindergarten mit halbtägigem Aufenthalt der Kinder;

Wochenkindergarten;

Einrichtungen für 5-6 jährige, die bis jetzt nicht im Kindergarten betreut wurden (entspricht der Vorschule in der BRD)8.

Wenn wir die Geschichte des Kindergartens verfolgen, stoßen wir auf folgenden Widerspruch: Einerseits wird von den traditionell guten Erfahrungen mit den Kindergärten der westlichen Länder, insbesondere Deutschlands gesprochen, andererseits werden deren „Nur - Betreuungsfunktionen" kritisiert.

„An die Stelle der traditionellen Betreuungsarbeit, wie sie in den Fürsorgeheimen des kapitalistischen Deutschland verbreitet war, trat in den staatlichen Heimen der DDR eine systematische und planmäßige Erziehung...."9

Die Planwirtschaft und die Regel und Gesetze der Planung setzt sich in allen Gebieten durch, auch im Kindergarten. Das Bildungsministerium in den jeweiligen Ländern bestimmt alles, was mit dieser Institution verbunden ist: die Lehrzeit, die Inhalte und Pläne, die Methodik, die genaue Organisation des Unterrichts und der Spiele. Der Kindergarten wurde in dieser Zeit nicht den Interessen und Bedürfnissen des Kindes angepaßt, sondern das Kind mußte brav und artig die Ordnung in den Räumen einhalten.10

Die große Losung, daß alles für das Wohlergehen der Kinder getan wird, war leider eine Illusion:

„Die Kinder sind der größte Reichtum jeder Nation, die Voraussetzung für ihre Zukunft..."

...blieb immer mehr ein Lippenbekenntnis. Die Kinder mit ihren wahren Interessen wurden oft vergessen und mißachtet aufgrund dominierender politischer Erwägungen.11 Immer mehr Forscher der Vorschulerziehung versuchen uns die „Herzlosigkeit" der pädagogischen Prozesse in diesem Zeitabschnitt zu zeigen.12 Die Hauptkritik dieser Autoren konzentriert sich auf Folgendes:

Große Tendenz zur Umwandlung des Kindergartens in eine kleine Schule;

Das Kind muß nicht Objekt, sondern zweites gleichberechtigtes Subjekt in der Erziehung sein.13

Es ist auch eine große Belastung der Lehrpläne und Programme mit für die Kinder fremder Materie zu beobachten: ideologische Einflüsse, die unbegreiflich für die Kinder bleiben. Einige Untersuchungen des Kindergartens in den östlichen Ländern vertreten die Meinung, daß die Hauptaktivitäten hier in drei Tätigkeiten bestehen: Spiel, Lernen und Fleiß, obwohl immer strittig war, welche davon die führende Rolle einnimmt.14

Neben der Bildungs- und Erziehungsfunktion hat die Vorschulerziehung in beiden Formen auch eine sozio - ökonomische Funktion zu erfüllen: Sie hat die berufstätigen Mütter und auch Väter von der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder im vorschulischen Alter zu entlasten.

Der Unterricht in der Vorschulzeit wird nach einem "Spiel- und Arbeitsplan" erteilt und umfaßt:

a. Spiel und Turnen;

b. Bastelarbeiten;

c. Modellieren;

d. Zeichnen;

e. Musikerziehung;

f. Erzählen;

g. Lernen von Kindergedichte u.a. 15

Das Spiel

In einer Richtung sind fast alle Wissenschaftler der westlichen und der östlichen Länder einig: die unentbehrliche Rolle der Spiele im Leben der Kinder und in der Vorschulerziehung. Das Spiel nimmt eine Sonderrolle unter allen menschlichen Tätigkeiten ein. Es ist zielorientiert und bewußt.16 Maxim Gorki sagt über das Spiel:

„Das ist der Weg der Kinder zur Erkennung der Welt, in der sie leben und die sie berufen sind zu verändern."17

Das einzigartige am Spiel im Vergleich mit allen anderen menschliche Tätigkeiten ist seine Freiheit, seine Befreiung von jeder Gewalt, Reglementierung, Durchsetzung und ist erst dann ein wirkliches Spiel, wenn der Lehrer und die Kinder gleiche Positionen darin haben.18

Sind die Kriterien:

Selbständigkeit,

Selbstorganisation,

schöpferische, freiwillige und eigene Teilnahme des Kindes im Spiel

der Lehrer ist nicht über den und nicht gegen die Kinder

im Spiel- nicht erfüllt, so kann dieses Phänomen nicht mehr weiter als Spiel, sondern als spielähnliche Erscheinung, pädagogische Methode oder Form betrachtet werden.19 Viele Autoren verschiedener Länder beschreiben ausführlich die Arten von Spielen, geben neue Modelle der Spiele, versuchen sie unter typische Zeichen einzuordnen. Auch in der periodischen pädagogischen Presse werden neue, zahlreiche Spiele beschrieben, deren Tendenzen und Richtlinien wir später zeigen werden. In den langjährigen Beobachtungen des bulgarischen Wissenschaftlers G.Pirjov können wir die Spiele in einer sehr strikten und zusammenfassender Form sehen:

 

Arten von Spielen

Kreativitätsspiele:

1a.Konstruktions-Spiele - schaffen von verschiedene Objekten aus verschiedenen Materialien; Zu den Konstruktionsspielen kann man die verschiedenen Arten der „Lego"-Spiele zuordnen. Hier versuchen die Kinder nach der eigenen Phantasie oder nach vorgegebenen Modellen durch Kombinationen aus verschiedenen gleichartigen Elementen mit oder ohne Bolzen, Gewinde usw. Figuren zu basteln.

1b. Thematische Rollenspiele 20

Das Thema kommt aus dem wahren Leben, die Wahl der Rollen ist auch freiwillig und imitiert die Tätigkeiten der Erwachsenen. Diese Spiele gehen später allmählich in Dramaturgie über. Der Prozeß der Verteilung und Besetzung der Rollen ist schon ein Anfang der Dramaturgie.

2. Spiele mit Regeln.

2a. Bewegungsspiele mit Regeln - z.B. die sportlichen Spiele, Wettbewerbe u.a.

2b. Unterhaltungs-(Vergnügungsspiele) mit Regeln beim Sitzen - hier sind die überall gut bekannten „Domino", „Schwarzer Peter", „Mensch, ärgere dich nicht" u.a. zahlreiche Spiele mit Karton- und Papierblättchen.21

Ein sehr gutes Vorbild für die sportlichen Spiele sehen wir in der ehemaligen DDR. Der Sport bleibt schon vom Kindergarten an nicht nur Theorie, sondern ist in jeder pädagogischen Einrichtung vertreten (z.B. das Programm - jeder Mensch soll Schwimmen lernen) - als Beweis die zahl reichen Olympiasieger in diesem Land.

3. Didaktische Spiele - gehören auch zu der Gruppe der Spiele mit Regeln.

3a. Sprachspiele: hierzu gehören z.B. verschiedene Ausdrücke, Rätsel, Sprichwörter, Zungenbrecher, Kreuzworträtsel u.a. 22

Ziel der didaktischen Spiele ist, daß die Kinder durch das Spiel bestimmte Kenntnisse erwerben. Deshalb ist hier eine sorgfältige Vorbereitung notwendig und empfehlenswert. Auch hier sind in einigen Untersuchungen verschiedene Ansichten vorhanden, ob das Spiel oder das Lehrmaterial (Lehrziel) führend seien sollen. In den didaktischen Spielen sind folgende Strukturelemente zu differenzieren:

Unterrichtsaufgabe;

Spielmoment;

Regel;

Zusammenfassungsteil des Spiels.23

Die Ergebnisse der didaktischen Spiele sind: Erhöhung des Interesses und der Liebe der Kinder zu den Spielen, Anregung der Geistestätigkeit und Analysefähigkeit usw.. Einige der didaktischen Spiele ähneln den Lehrmitteln für das Selbststudium, aber im Vordergrund steht immer wieder das Spiel. Als Beispiel können hier die Spielzeuge, die Montage und Demontage erlauben usw. dienen. Die didaktischen Spiele haben außer Erziehungs- und Bildungsaufgaben belehrenden, unterhaltenden Charakter und fördern den Wettbewerb.24 Es ist ersichtlich, daß didaktisches Spielmaterial den Kindern nicht ohne Anweisung der Erwachsenen vorgelegt werden sollte, wie das manchmal in der Praxis geschieht, denn so sind keine gute Resultate zu erwarten.25

4. Spiele mit Gegenständen. Bei den Spielen finden sich die ersten Kennzeichen von Vorstellungskraft und Phantasie. Zu dieser Gruppe kann man in allen Ländern gut bekannte Beispiele anführen wie:

Spiele mit Holzfiguren, Würfeln und Bauklötzchen,

Spiele mit Ball,

Spiele mit Puppen (mit einer typischen Entwicklung),

Puppentheater u.a.

5. Gruppenspiele mit Regeln.26 Auf der ersten, niedrigsten Stufe spielen die Kinder zu zweit. Später werden die Spiele immer komplizierter und immer mehr Kinder werden dem Kreise der Gruppe angeschlossen. Die individuellen sowie die Gruppenspiele kann man mit oder ohne Teilnahme der Erwachsenen (Erzieher)durchführen.

Spezifische Probleme

Arbeit mit den ethnischen Gruppen und Minderheiten.

Natürlich finden wir in jedem Land auch ganz spezifische Probleme mit der Erziehung der Kinder. So sind z.B. die Erfahrungen in Bulgarien mit Kindern von Bulgaren und Zigeunerkindern verschieden. Obwohl die Kinder in einem Alter sind und im Kindergarten unter denselben kulturellen Bedingungen aufwachsen und erzogen werden, sind die Ergebnisse nicht gleich. Dies ist eine Folge der Zweisprachigkeit und der verschiedenen Art des Wahrnehmens und der Erklärungen der umgebenden Wirklichkeit, des verschiedenen intellektuellen Niveaus und sozialen Status.27 Das Benehmen der Zigeunerkinder folgt den negativen Einflüssen der "Straßenerziehung".Ihre Angehörigen sind von niedrigem kulturellem und intellektuellem Niveau, deshalb haben solche Kinder kein Vorbild und bauen sehr schwer ihre eigene Position und Ideale im Leben auf. Die Lehrer, die in diesen Kindergärten arbeiten, sind nicht verpflichtet die Zigeunersprache(„Roma") zu beherrschen. Die Unterhaltung, die Spiele und der Unterricht sind nur in bulgarischer Sprache, aber die Schwierigkeiten sind mindestens doppelt so groß im Vergleich mit dem Kindergarten mit nur bulgarischen Kindern, obwohl das Gehalt für alle Lehrer fast gleich ist. Trotz allem zeigen uns die beschriebenen Beobachtungen, daß die Lehrer diese Kinder mit großer Mühe, Liebe und Aufmerksamkeit behandeln.

„Am Ende der Vorschulperiode, wenn sie regelmäßig den Kindergarten besuchen, so erreichen die „Roma"- Kinder sehr gute Ergebnisse in verschiedenen Bereichen, Tätigkeiten, Gewohnheiten, Sprachkenntnissen und Fähigkeiten."28.

Leider bleibt fast alles Erlernte nur für den Kindergarten, weil sie außerhalb dieses Gebäudes überall nur „Roma" sprechen.

Die Probleme der gegenwärtigen Situation in Bulgarien in der Periode des Übergangs auf die freie Marktwirtschaft, bei dem schwierigen Umgang mit der Demokratie sind auch weiter in anderen Richtungen der Vorschulerziehung zu sehen.

„Manchmal frage ich mich wo ich lebe - in Bulgarien oder in einer ethnischen Mischung - von allen Seiten klingen türkische und zigeunerische Bauchtänze, griechischer Sirtaki, serbische Lieder, amerikanische Rap - Popmusik u.a.."29

An vielen Orten und in ganzen Gebieten kann man überhaupt keine bulgarische Sprache hören. Eine politische Anspannung sowie die obengenannten pädagogischen Probleme bestehen auch zwischen der bulgarischen Mehrheit und der türkischen Minderheit. Ähnliche ethnische Probleme sind in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks zu beobachten. Die Mauer fiel und auch mit ihr der Kommunismus, aber niemand konnte vorher ahnen, daß dies zu solch großen ethnischen Verspannungen führen würde. Die Ausbildung, die Lehrmittel und Programme in der ehemaligen DDR wurden genau von der „alten" BRD übernommen, dennoch sind Schwierigkeiten für die Ostdeutschen vorhanden. Weil sie lange Zeit den autoritären Stil des Unterrichtens verwendet haben, müssen sie jetzt die Vorschriften des Marxismus-Leninismus überwinden, müssen auch ihre inneren Hemmungen überwinden, selbständige Entscheidungen zu treffen usw.30 Hier handelt es sich zwar um ein Volk, aber die jahrelang künstlich durchgesetzte Trennung in zwei Länder führte zu tiefen Spuren in der Mentalität, Lebensart, Handlungsweise u.a. des sogenannten „Ostdeutschen". Der Begriff der „ethnischen Säuberung" kam langfristig in der Sprache vieler Länder vor. In der ehemaligen Tschechoslowakei gibt es ethnische und sprachliche Konflikte zwischen den Tschechen und Slowaken. In Rumänien besteht dieser Konflikt zwischen der rumänischen Mehrheit und ungarischen Minderheit. Starke antisemitische Erscheinungen sind in der ehemalige UdSSR und in Polen zu beobachten. Nationalistische Anfeindungen in besonders zorniger Form sind in den einzelnen Republiken der ehemaligen UdSSR zu sehen. Jede Republik versucht ihre eigene Kultur und Sprache gegenüber der jeweiligen Minderheit durchzusetzen.31

 

Arbeit mit den Waisenkindern

Die Waisenkinder, sowie alle mit ihnen verbundenen Probleme wie Ernährung, Unterkunft, Ausbildung, Erziehung sind ein sehr schmerzhaftes Thema für jedes Land. Diese Kinder waren und sind Realität, vor der man lange Zeit mit verschlossenen Augen stand. In den östlichen Ländern wußte die Bevölkerung fast gar nichts um das wahre Leben, die genaue Zahl der Kinder ohne Familien u.a. Daten in diesem Zusammenhang, da lange Zeit nichts veröffentlicht wurde. Als hätte sich die Gesellschaft vor diesen geschämt, zog sie sorgfältig den Vorhang vor die erwartungs- und hoffnungsvollen Augen der Kinder. Versammelt in kleinen, ungemütlichen, mehrmals renovierten Gebäuden, extra für diese Zwecke angepaßt, die meist vor dem Jahre 1945 gebaut wurden, wuchsen diese Kinder bei äußerlich schlechten Bedingungen auf. Diese Anstalten wurden und sind unter dem Namen „Heime für Kinder und Jugendliche" bekannt und allein in Bulgarien offiziell mit 138 beziffert.32 Diese Heime wurden möglichst weit von den großen kulturellen Zentren eingerichtet, versteckt vor den „fremden" Augen. Besonders beunruhigend ist die Tatsache, daß die Zahl der unehelichen Kinder von Jahr zu Jahr stetig zunimmt. Allein in Bulgarien stieg die Ziffer der unehelichen Geburten von 10% im Jahre 1985 auf 11,4% im Jahre 1990. Von den Müttern dieser Kinder sind 51,6% im Alter zwischen 15 und 19 Jahren und 75% davon überlassen ihre Kinder im Alter von 0-3 Jahren der Betreuung der Heime „Mutter und Kind".33 In diesen Heimen verbleiben die Kinder bis zum Alter von 7 Jahren. Die Heime „Mutter und Kind" sind relativ wenig untersucht. Ihre Funktion im Erziehungsprozeß ist schwer einzuordnen. Die „Heime für Kinder und Jugendliche" empfangen die Aufwachsenden im Alter von 7 bis 14 Jahren. Meist wohnen die Kinder hier und bekommen auch gleichzeitig ihre Ausbildung. Die Probleme, die hier entstehen, sind zahlreich und streng spezifisch. Einige nach der Wende entstandene private Firmen versuchen durch Wohltätigkeit und andere Aktivitäten die Heime materiell zu unterstützen, aber es ist vollkommen ungenügend, um alle Schwierigkeiten zu lösen.

 

Tendenzen der Entwicklung in der Vorschulerziehung

Eine der Hauptvoraussetzungen eines guten Kindergartens ist, daß die Kinder mit großen Wunsch und Liebe hierher kommen, so daß der Aufenthalt hier den Kinder maximale Freude und Nutzen bereitet und die Atmosphäre der Familienumgebung ähnelt.

Die Gebäude der Staatskindergärten, die in den meisten östlichen Ländern in den 50er Jahren entstanden, sind flächenmäßig gut bemessen, aber heutzutage wird es von Jahr zu Jahr immer schwieriger, dieselben in Ordnung und gutem Zustand zu halten, da es dem mangelhaften Staatsbudget zur Last fällt. Die Gebäude verfallen und verkommen mit der Zeit.

„Diese Kindergärten halten sich kaum auf den Beinen. Künstlich wird die Anzahl der betreuten Kinder angehoben, damit keine Reduzierung des Stellenplans entsteht. Die Ernährung ist mangelhaft. Die Eltern sind unzufrieden. Das ist ein wahnsinniges, verdorbenes System...."34

Mit der Begründung der ersten privaten Kindergärten ab 1990 ist ein Versuch gemacht worden, aus der oben beschriebenen Situation herauszukommen, aber auch hier wird man mit Schwierigkeiten rechnen müssen. Das Bildungsministerium verlangt viele Formalitäten von den Besitzern solcher privaten Anstalten. Die privaten Kindergärten streben ein für die Eltern hoch attraktives Modell an. So bestehen die Gruppen hier aus nicht mehr als 12 Kindern, die Nahrung ist hoch qualitativ, in der täglichen Arbeit mit den Kindern finden sich solche Gebiete wie: Fremdsprachen, Klavier, Kunst, Ballett, orthodoxer Christenglaube u.a. Natürlich sind hier die Anforderungen an die Individualisierung des Erziehungsprozess maximal erfüllt, aber die monatlichen Preise (120$ für die Ausbildung und 40$ für die Nahrung) sind nur den Einkommen der Geschäftsleiter im Lande angepaßt.35 Gleichzeitig läuft noch ein Programm, genannt „Gleicher Start" als Alternative in der Vorschulerziehung, das von der Universität Georgetown/USA finanziell unterstützt wird. Es ist an die Tradition und Praxis der europäischen Länder und der USA angepaßt. Dasselbe Experiment wird außerdem in 15 weiteren Ländern durchgeführt wie z.B.: Ungarn, Slowakei, Mazedonien, Rußland, Tschechei u.a.. In dem Programm „Gleicher Start" werden nur Kinder der wirklich sozial schwachen Eltern aufgenommen.36 Auch hier stoßen wir in dem Erziehungsprogramm auf dieselben Elemente, die wir schon oben beschrieben haben:

individuelle Arbeit mit jedem Kind und mit den Eltern;

führende Rolle der Spiele;

Einbindung der Kunst in der Erziehung;

Zurechtkommen mit verschiedene Lebenssituationen;

Kinderkreativität;

Arbeit mit verschiedenen Materialien;

Entwicklung der Kinderpersönlichkeit u.a.37

In den beiden erwähnten Beispielen für Programme im Kindergarten werden zwei soziale Gruppen erfaßt, die an gegenüberliegenden Polen stehen - Kinder von sozial schwachen Eltern (Arbeitslose) und von Geschäftsleuten. Es stellt sich die Frage: wer wird den restlichen Teil der Kinder der Bürger des Mittelstandes aufnehmen und sich um sie kümmern? Diese Frage bleibt offen, da die Mittel der Staatskasse fast am Ende sind. Auch hier wäre eine richtige gesetzmäßige und kontrollierte Lenkung der Mittel aus Steuern , von privaten Firmen und Sponsoren, von westlichen Ländern und Institutionen und von Wohltätigkeitsvereinen dringend notwendig für die weitere Entwicklung des Kindergartens in der Übergangsperiode.

 

Fazit

Bei der Untersuchung der Vorschulerziehung in den ehemaligen Ländern des Ostblocks kommen wir zu folgenden Schlüssen:

Der Kindergarten ist eine Notwendigkeit für die Gesellschaft, die nicht nur von der sozialen Aktivität und der Tätigkeit der Frauen abhängig ist; z.B. befanden sich in Deutschland am 03.10.1990 1.721.488 Kinder in Vorschulerziehungseinrichtungen.38 Auch für die westlichen Länder haben sich diese Einrichtungen als notwendig und zweckmäßig erwiesen.

Tabelle 3 Zahl der Kinder in bulgarischen Kindergärten:

Jahr:

Zahl der Kinder:

1971

322.389

1992

263.004

1993

247.472

Quelle:39

Vermerk: Die Jahre sind nicht zufällig ausgewählt: 1971 -entspricht dem entwickelten Sozialismus im Lande, 1992 - 3 Jahre nach der Wende. Eine Tendenz der Verringerung der Kinder im Kindergarten hat mehrere Gründe: Geringer Bevölkerungszuwachs, Auswanderung der Bevölkerung nach der Wende(ca.500 000 Personen)40, Teilnahme der Kinder an privaten Einrichtungen, Aufwachsen zu Hause wegen Arbeitslosigkeit der Eltern u.a.;

Besonders große Mühe und Arbeit ist in Bezug auf Kindergärten für Mittelstandsbürger notwendig und bleibt in der Zukunft zu erwarten;

Durch den Kindergarten wird vor Allem die Persönlichkeit und der Charakter des Kindes geformt;

Durch den Kindergarten lernt das Kind zum ersten Mal das Leben in der Gesellschaft kennen;

von besonderer Wichtigkeit zur Überwindung des eigenen Egoismus, und um einen leichteren Übergang zur Schule zu ermöglichen;

Im Mittelpunkt der zukünftigen Entwicklung des Kindergartens muß die kindliche Persönlichkeit mit all ihren Besonderheiten stehen;

Eine führende Rolle im Erziehungsprozess haben die Spiele der Kategorien: Gegenstandsspiele, thematische Rollenspiele, Spiele nach Regeln;

Es ist eine Tendenz zur Bereicherung des sozialen Charakters der Spiele zu beobachten;

Annäherung der Atmosphäre des Kindergarten an die Familienumgebung;

Der Tendenz zur allmählichen Umwandlung des Kindergarten in eine kleine Schule entgegenwirken;

Der Kindergarten bildet eine sehr gute und ausreichende Vorbereitung der Kinder für die Schule;

Wichtige Eigenschaften wie Selbständigkeit, Selbstbewußtsein, Selbstorganisation und viele andere werden durch den Kindergarten gelernt;

Viele neue Elemente der Vorschulerziehung sind vorhanden: Musik, Fremdsprachen, Kunst, Arbeit mit dem PC, Sport u.a.;

Die sorgfältige Vorbereitung des Personals ist auch von besonderer Wichtigkeit, um den anfänglichen Geborgenheitsverlust des Kindes zu überwinden;

Die leitende Funktion der Kindergärtnerin bleibt auch weiterhin bestehen;

In der gegenwärtigen Übergangsperiode bleibt die Frage der finanziellen Unterstützung des Kindergartens in allen Ländern offen;

Immer noch nicht gut genutzte Ressourcen liegen in der neuen Verteilung der Steuern, in Wohltätigkeitsaktionen, Aktivitäten der Eltern, Unterstützung der westlichen Ländern mit guter Finanzierungskontrolle.

Die Traditionen einiger westlicher Länder wie Deutschland, Frankreich u.a. in der Vorschulerziehung dienen als Vorbild der neuen Modelle.