Die gegenwärtige Situation der Berufsausbildung in Bulgarien
-Tendenzen des Berufsbildungssystems im 21. Jahrhundert.-

Aktuelle Nomenklatur der Berufe

Die neue wirtschaftliche Situation im Übergang auf die freie Marktwirtschaft und das Leben in der postindustriellen Gesellschaft bedingt eine neue berufliche Struktur. Hauptzeichen dieser Struktur ist die hohe Wandlungsdynamik der Berufe - die alten sterben ab, und es kommen immer mehr neue Berufe hinzu.

Einige Berufe transformieren sich in Spezialisierungen und umgekehrt - Spezialisierungen wandeln sich zu Berufen. Wenn wir die Verzeichnis der Berufe und Spezialisierungen der beiden Länder Bulgarien und Deutschland vergleichen, so ist zu bemerken, daß die in Bulgarien in größeren Maße allgemeiner Art sind. Zum Beispiel gibt es in Bulgarien für die spanabhebende Metallbearbeitung 1 Spezialisierung und 3 Berufe; für dasselbe gibt es in Deutschland 13 Berufe. Für die Nähproduktion gibt es in Bulgarien 2 Spezialisierungen und 1 Beruf, in Deutschland 15 Berufe.1 Im Land wird ein Dialog mit den Hauptrezipienten der Ausgebildeten durchgeführt um eine neue, aktuelle Verzeichnis der Berufe zu strukturieren. Initiator ist das Bildungsministerium, aber zu bemerken ist, daß dieser Dialog wegen des Desinteresses und der Passivität der anderen Seite - Firmen, Unternehmen, Betriebe, Gewerkschaft, Fabriken, Kammer usw., die wir im Folgenden als Rezipienten der Absolventen der Berufsschulen bezeichnen werden - sich verzögert und mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist.

Es wird immer wieder die Frage gestellt: wie kann der Rezipient aktiviert werden? Natürlich kann man nicht erwarten, daß sich dieses Prozeß von heute auf morgen entwickeln kann. Auch in der Gegenwart werden in einem Land wie Deutschland - mit Traditionen im Berufsschulwesen - Gespräche über neue Berufe durchgeführt, die sich manchmal über einen Zeitraum von 5 Jahren erstrecken.

Im Dialog mit allen daran Interessierten wird außerdem entschieden, ob die Absolventen im Land in Universal- oder Spezialberufen ausgebildet werden. Für diese wichtige Aufgabe muß die ganze Öffentlichkeit herangezogen werden. In dieser Richtung wird zur Zeit als negativ bewertet, daß die Berufsschule hochqualifizierte Fachleute ausbildet, aber nicht gezielt für bestimmte Arbeitsplätze.

Die Zielvereinbarung ist von großer Bedeutung. Das Bildungsministerium als Hauptinitiator bearbeitet desöfteren die Einstellungsbedingungen für jeden Beruf und versucht dabei, die Ansprüche der Rezipienten festzustellen. Andernfalls würden hochqualifizierte Fachleute für alles ausgebildet. Noch immer fehlt die gute Koordination mit allen Gliedern, die das Berufsbildungssystem bestimmen.

Typische Charakteristik aller neuen Berufe ist die steigende Anforderung an das intellektuelle Potential und den Fleiß.

Ein neues Verzeichnis der Berufe ist von großer Wichtigkeit auch für die Zukunft. Mit Blick auf die ersten privaten Firmen werden im Land zur Zeit 60 neue Handwerkerberufe definiert. Auch in den Berufsschulen genauso wie in allen anderen Schulen zeigen sich langsam die Kennzeichen der Schule des 21. Jahrhunderts: Mobilität, Flexibilität, Demokratisierung, Sozialisierung, Humanismus.2

Ein fertiges Modell der Berufsausbildung könnte man schwer erstellen, da sich die soziale und wirtschaftliche Umgebung ständig dynamisch verändert. Man könnte von einem angepaßten Modell erst dann sprechen, wenn man die sozialen Änderungen der Umgebung einbezieht. Es wäre falsch, eine genaue Übertragung des deutschen Modells oder der anderer Länder anzustreben, da jedes Land seine eigene Besonderheiten, Traditionen und Mentalität hat.

Ziel ist es, die guten Traditionen des Volkes und der Familie in der Berufsausbildung zu erhalten und gleichzeitig um die europäischen Modelle zu bereichern.

Die Erfahrung einiger in der Berufsbildung bewährter westlicher Länder, darunter Deutschland, Österreich, Dänemark u.a., könnte sehr hilfreich und nützlich sein, da sie vor Fehlern schützen und gleichzeitig auch viel Zeit sparen würde.

 

Wirtschaft und Branchen

Seit dem Jahre 1990 wird die Wirtschaft im Land auf eine private Firmenorganisation hin umstrukturiert. Es existieren ca. 1860 Firmen: staatliche, private, gemischte(joint venture),Einpersonen - und Mehrpersonenfirmen, Kooperativen usw.3

Es begann eine starke Orientierung des Marktes hin zur freien Marktwirtschaft. Es ist zu erwarten, daß diese sich über mehrere Jahre erstreckt, da auch im Westen diese Orientierung ein lang andauernder Prozess war. Das Bestreben geht dahin, die freie und die soziale Marktwirtschaft zu kombinieren.

Allmählich werden verschiedene Gewerkschaften, Arbeitsämter, Branchenkammern, Vereine der Arbeitgeber, Wirtschaftskammer u.a. gegründet.

In den letzten zwei Jahren haben folgende Zweige positiven Zuwachs in der Wirtschaft gezeigt: Kommunikationstechnik: 1,3%; Finanzwesen: 12,5%. Das ist ein Hinweis, daß in den Berufsschulen mit den jeweiligen Fachrichtungen mehr Schüler aufgenommen werden können.4 Das bedeutet keinesfalls, daß Berufszweige wie Elektrotechnik, Elektronik, Maschinenbau, Metallurgie, Bergbau u.a. sich überhaupt nicht mehr im Land entwickeln werden, da diese Industrie momentan eine Rezession erlebt. Die entsprechenden Betriebe sind ganz oder teilweise reduziert bzw. geschlossen. Trotzdem werden Investitionen auch hier erwartet. Fachkräfte aus diesen Zweigen wird das Land immer brauchen, besonders mit der beginnenden Privatisierung der Betriebe und Fabriken, aber nicht mehr in diesem großen Umfang. Besonders hier muß die Planung von Lehrstellen eine gute Flexibilität, Vorausberechnung und Prognose zeigen.

Die Umstrukturierung und der Wirtschaft wird hauptsächlich auf den Gebieten: Tourismus, Landwirtschaft, Bankwesen, Leichtindustrie, Lebensmittelindustrie, speziellen Zweigen der Industrie praktiziert. Es werden Fachkräfte wie Bankbeamte, Analytiker, Statistiker, Agrarspezialisten, Verkäufer, Softwareprogrammierer, Händler, Dienstleistungskräfte u.a. gebraucht. Auch hier ist eine sorgfältige Prognose der Zahl der Auszubildenden sehr notwendig. Bei einem Überschuß von Fachkräften würden sich die Investitionen in der Berufsbildung nicht rentieren, es würde eine neue Welle von Arbeitslosigkeit bedeuten; der mangelhafte Staatshaushalt würde unnütz belastet.

 

Berufsbildungssystem

Die Berufsausbildung im Land hat gute Traditionen und blickt auf eine 122-jährige Geschichte zurück.

Im Moment (bis September 1995) werden 500 000 Schüler in 503 staatlichen und in 26 privaten Schulen durch 18000 Lehrer ausgebildet.5 Die privaten Schulen sind in der Richtung allgemeinbildender Schulen orientiert: Sprachschulen, Gymnasien, spezielle Schulen u.a. Private Berufsschulen wurden bis jetzt nicht gegründet. Alle Berufszweige brauchen hochqualifizierte und hochgebildete Fachleute. Die Berufsausbildung im Land bleibt vorwiegend in den bisherigen Formen: SPTU(dreijährig) und Technikum(vierjährig) organisiert. Nach den Wunsch der Eltern sowie der Schüler wird der gleichzeitige Abiturabschluß und Erwerb eines Berufes beibehalten, da es sich als sehr vorteilhaft erwiesen hat. Die Verwaltung und die Steuerung dieser Art von Schulen bleiben auch weiterhin zentralisiert durch das Bildungsministerium, obwohl die Zeit, die Ergebnisse und das Ministerium selber gewisse Instabilität gezeigt haben. Teilweise beteiligen sich an dem Berufsausbildungssystem die Kommunen auf regionaler Ebene. Die Teilnahme anderer Institutionen wie Betrieben, Kammern, Firmen oder Rezipienten der Berufsschulabsolventen ist ziemlich zurückhaltend und symbolisch, da auch rechtliche Grundlagen - z.B. ein Gesetz für die Berufsausbildung erst in der Besprechungsphase sind. Die Definition der Anforderungen der Rezipienten für die Ausbildung der Lehrlinge sind auch sehr notwendig. Ein Mechanismus für die Hinzuziehung der außerschulischen Institutionen zur Berufsausbildung ist bis jetzt nicht gefunden worden.

In Deutschland nimmt die Berufsausbildung folgenden Weg:

A - außerschulisches Praktikum

B - Berufsschule

C - Gewerbliche Bildung(Produktionshalle)

 

Die bei den Unternehmen vorhandenen Ausbildungsplätze für jedes Jahr und die Praxis sind ausschlaggebend, entscheidend, und bestimmen die Berufsausbildung im Land.

Als Hauptzeichen des deutschen Systems erscheinen:

In Bulgarien ist dieser Weg folgendermaßen:

Das außerschulische Praktikum wird unterbrochen oder erfüllt sich nur teilweise und kurzfristig in staatlichen Betrieben (den sogenannten Basisbetrieben). Die privaten Firmen verhalten sich gegenüber den Absolventen aller Berufsschulen reserviert. Beunruhigend ist es, daß kein privates Unternehmen diesen Absolventen freie Arbeitsplätze zur Verfügung stellen möchte.

Zeichen des bulgarischen Systems:

Tabelle 1: Einige Kennzeichen der Berufsausbildung

Kennzeichen:

Deutschland:

Bulgarien:

Vertrag

Schüler - Firma

Berufsschule -
Betrieb

Rezipienten:

aktiv

passiv

Berufsausbildung:

dezentralisiert, praxisorientiert

zentralisiert,
theorieorientiert

Gehalt für
die Schüler:


ja


nein

aktuelles Verzeichnis der Berufe:

vorhanden

in Besprechung

Ausbildungsplatz

vorwiegend
im Betrieb;

kaum außerhalb der Berufsschule

Bestimmung des
Lehrprogramms:


Rezipienten


Bildungsministerium

 

Die Tabelle zeigt einige der wesentlichen Unterschiede in den Berufsbildungssystemen der beiden Länder, die uns einige Richtlinien und Anregungen für die Umstrukturierung des Berufsbildungssystems in der Zukunft geben können.

 

Finanzierung der Berufsschule

Die Berufsschule in Bulgarien hat sehr gute Traditionen in Bezug auf das Erbringen eigener Produktions- und Dienstleistungen, die man auch weiterhin entwickeln kann.

Man kann zahlreiche Beispiele dafür geben wie: Elektromotoren, Transformatoren, kleine Hilfsinstrumente für die Landwirtschaft, Maschinenteile, Pressen, Werkzeuge, spezielle Brot- und Konditoreiartikel für Krankenhäuser, Kindergärten und vornehme Veranstaltungen, Arbeitsbekleidung, Bettwäsche, Konfektion, Dienstleistungen wie Übersetzungen, Reparaturen, Schreibarbeiten, PC-Kurse für Anfänger, Erwachsene, Fortgeschrittene, Anfertigung von Souvenirs u.a.

Rechtlich bekommt die Schule eine gewisse Finanzautonomie, da 95% der Mittel dem Staatshaushalt gehören.6

Die Gewinne der Schule werden dem Staatsbudget nicht wieder zugeführt, sondern stehen der Schule zur Verfügung.

Die Gewinne können verschiedenen Quellen entstammen:

Eine genaue Statistik über die Nutzung der Möglichkeit, zusätzliche eigene Gewinne für die Schule zu erwirtschaften, fehlt im Land. Die realisierten Gewinne werden hauptsächlich in 2 Richtungen kanalisiert:

Damit die Berufsschule nicht in eine kommerzielle Institution verwandelt wird, sind in der Zukunft noch bessere Normungen zu entwickeln, die korrekte Verteilung der zusätzlichen Mittel genau und streng reglementieren. Für den Zeitabschnitt 1991-1992 sind die zusätzlichen eigenen Mittel der Schulen im Land von 11 Millionen Lewa(225.817 DM) auf 29 Millionen Lewa(595.336 DM) gestiegen.8

Die Praxis zeigt uns aber, daß diese Möglichkeit nicht vollkommen ausgeschöpft wird.9 Die Gründe sind verschieden:

Die Funktion der Berufsschule ist in einer Periode, die man als wirtschaftliche Krise bewerten kann, sehr beeinträchtigt. Die Mittel aus dem Staatshaushalt sind begrenzt und entsprechen nicht den realen Notwendigkeiten der Berufsschule. Aufgrund ungeschickter Eigenverwaltung ist es nicht selten der Fall, daß die eigenen Mitteln der Schule für bestimmte Zeit dem Staatsbudget zugeschlagen werden.10

Das führt zu noch größerem Desinteresse und drückt die Motivation der Schuldirektion noch mehr. Das zwingt die Berufsschule unter einem Diktat strenger Materialeinsparungen zu arbeiten und weiterhin andere alternative Finanzierungsquellen zu suchen. Alternative Finanzierungsquellen für die Berufsschule könnten sein:

Die reine Budgetfinanzierung der Berufsschule ist schon überlebt. Deshalb suchen die Experten immer wieder alternative Finanzierungsmöglichkeiten.

Ein weiterer Weg der alternativen Finanzierung der Berufsschule ist das Fondsprinzip. Hier sind zwei Vorgehensweisen möglich:

Die Hauptidee dieser Fonds ist nicht nur Qualifizierung von Erwachsenen und Umqualifizierung von Arbeitslosen, sondern eine wesentliche Unterstützung des Berufsbildungssystems im Land, obwohl sich dies sehr schwer durchsetzt. In dieser Richtung - Mechanismen der Investitionen von privaten Firmen in das Berufsbildungssystem - könnten die vielseitigen und reichhaltigen Erfahrungen der westlichen Länder sehr behilflich sein. In den meisten westlichen Ländern betragen diese Abgaben 1% bis 2% des Einkommens.13

Man könnte erwarten, daß die Reaktionen der privaten und staatlichen Arbeitgeber, von denen die zusätzlichen Mittel kommen könnten, negativ sind. Auch hier zeigen uns die Erfahrungen, daß die privaten Firmen keinesfalls dadurch Nachteile erleiden. Im Gegenteil können sie mehrfachen Nutzen daraus ziehen:

 

Pilotprojekte

Die demokratischen Prozesse erfüllen nicht nur das Land, sondern auch die Berufsbildung. Die Kritik an der zentralisierten Leitung und die schlechten Ergebnisse von deren Anwendung in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks, soll nicht bedeuten, daß in Gegenwart und Zukunft die Planung überhaupt nicht verwendet wird.

Ein großer Teil der Methoden der Planung wie z.B. „Baum der Ziele", Netzmethoden, Modellieren u.a., wurden in Amerika entworfen und waren lange Zeit führend in berühmten Industriefirmen.14

Eine realistische Planung der Berufsbildung, welche sich selbst ständig nach den objektiven Änderungen im Land dynamisch korrigiert, wäre sehr zu empfehlen. Das würde Bulgarien in der Phase des Übergangs vor den Extremen, Anarchie und Chaos, bewahren. Bulgarien entdeckt nach so vielen Jahren Amerika und andere hochentwickelte westlichen Länder nicht geographisch, sondern dessen Reichtum an Untersuchungen und Ideen im Bereich der Berufsbildung.

Die genaue Übertragungen der westlichen Modelle ohne jede Kritik könnte allerdings nicht nur zu Fehlern führen sondern auch zu einer Behinderung und Verzögerung der demokratischen Prozesse. Die Anwendung verschiedener Prinzipen, Ideen und Modelle der Berufsbildung, auch wenn diese sehr anziehend sind, muß sehr gut überlegt werden und an die konkreten Bedingungen des Landes angepaßt werden.

In der Übergangsperiode von totalitärem System auf demokratische Regierungen in allen ehemaligen Ostblockländern ist die Bekämpfung der alten Denkweisen ein großes Problem. Hier sind wir alle zusammen mit den westlichen Ländern gezwungen, neue Wege zu suchen, um die entstehenden Schwierigkeiten zu überwinden. In dieser Periode, wo die Theorien nicht immer den dynamischen Änderungen folgen und diese überholen, ist es sehr wichtig, wissenschaftliche Analyse und emotionale Stabilität zu zeigen, damit man nicht Erhaltenswertes eliminiert.15

Lehrprogramme

Die Lehrprogramme, anfangs nur für einige Berufsschulen, später auch für mehrere, werden zusammen mit Ländern wie Deutschland, Österreich, Dänemark u.a. grundsätzlich neu bearbeitet. Alle Pläne und Programme müssen für die Schule nicht nur Papier bleiben, sondern lebendig werden.

Großer Wert wird auf die inhaltliche und fachliche Kompetenz der Programme gelegt, so das die Schüler folgende Kenntnisse erwerben können:

Bei der Auswahl der Programminhalte wird integrales Herangehen eingesetzt, um folgendes zu erreichen:

Die Hilfe der westlichen Länder zielt daraufhin, durch das Modulprinzip in den Programmen, Plänen und Fächern eine gute Vorbereitung der Lehrlinge zu erreichen, so daß man schnell und der im Lande herrschenden Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage entsprechend reagieren kann.

Die Reformen sind natürlich kein Selbstzweck. Das bulgarische Berufsbildungssystem muß in die europäischen Normen und Standards eingeführt werden, ohne daß die Mentalität und Kultur des Landes sowie die sprachlichen Besonderheiten zerstört werden. Die Betriebe und Firmen werden als Ansprechpartner nicht nur für die Lehrprogramme, sondern für die ganze Berufsbildung überhaupt immer mehr gebraucht, z.B. für Fragen der:

Bulgarien und die ehemalige DDR waren 1989 in der Umstrukturierung auf gleichem Anfangsniveau. In der ehemaligen DDR wurde „Know-how" in allen Betrieben eingeführt. Zusätzlich zur Berufsbildung erfüllten die Betriebe früher auch die Rolle des „training on the job".

So konnte man schnell „Know-how" auch in die Berufsschule einführen, was die ganze Wirtschaft sehr schnell voranbrachte. Es stellt sich nun die Frage, wie man „Know-how" auch in die bulgarischen Betriebe einführen kann.

 

Pilotprojekte mit Deutschland

In Bezug auf das Berufsbildungssystem versucht Deutschland nicht nur in den Lehrprogrammen oder in dem aktuellen Verzeichnis der Berufe Hilfestellung zu geben, sondern auch auf unterschiedlichen Wegen praxisorientierte Projekte für Bulgarien anzubieten.

Ganz einfach kann man die Modelle jedoch nicht übertragen. Bulgarien bevorzugt es, mit vielen und verschiedenen Modellen zu experimentieren, bevor es die endgültigen Normen festlegt. Deshalb ist der Dialog mit vielen verschiedenen Ländern mit Traditionen in der Berufsbildung besonders notwendig. Durch den Dialog kann man nicht nur die Zielvereinbarung klären, sondern auch die Frage, inwiefern die internationalen Dimensionen im Vergleich mit den Nationalen übernommen werden können.

Von deutscher Seite ist für Osteuropa eine Beratung über die Probleme der Berufsbildung vorgesehen, so daß man Transfermodelle für jedes Land mit maximaler Kontinuität entwerfen kann. Darunter sind auch langfristige Investitionen in die Berufsbildung Bulgariens wie z.B. Qualifikation und Umqualifikation von Fachkräften der Wirtschaft, Lehrern, Praktikern, Praxis in deutschen Unternehmen für Lehrer und Lehrlinge aus bestimmten Berufsschulen, Trainingskurse, Sprachkurse, Hilfe mit PCs und anderen Maschinen, Fachbücher u.a.

Auch im Bereich der Fachliteratur könnte und müsste nicht alles unkritisch übernommen werden. Hier ist der Dialog zwischen den Ländern sehr hilfreich um zu entscheiden, welche Inhalte aus der riesigen Informationsfülle für die konkrete wirtschaftliche Situation im Land übernommen werden kann.

 

Pilotprojekte mit Dänemark

Dänemark versucht eine Zusammenarbeit mit Bulgarien in großem Rahmen zu verwirklichen. Das ist ein Teil der Arbeit der dänischen Regierung mit den Ländern von Osteuropa. Auch hier werden ergebnis- und zielorientierte Projekte vorbereitet. Die Ziele sind eindeutig: Unterstützung der demokratischen Prozesse, der ökologischen Politik, der Reaktorsicherheit, Entwicklung der Privatwirtschaft, Mobilisierung der inneren Finanzressourcen, Projekt -know-how, gemeinschaftliche Investitionen, dem Nutzen des Landes angepaßte Hilfen.

Die baltischen Länder und Polen haben in dem Programm Priorität. Die dänischen Fonds versuchen einen Technologietransfer in den KMU. In der Arbeit mit Bulgarien werden auch die Erfahrungen mit Rußland berücksichtigt.

Dänemark ist genauso wie Bulgarien ein kleines Land, mit wenig Rohstoffen. Damit Dänemark mit den anderen westlichen Ländern konkurrenzfähig ist, wird besonders großer Wert auf das Bildungswesen gelegt. Traditionen hat es auch im Dialog über Probleme der Berufsbildung mit den anderen westlichen Ländern. Die Schlüsselworte der Erfolge Dänemarks in der Berufsbildung sind Dynamik und Flexibilität.

Dänemark hat eine sehr gute Harmonie mit den Partnern des Arbeitsmarkts gefunden, die Vereinigung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Berufsbildungssystem, Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Haupttendenz in der Arbeit mit Bulgarien ist das Modell „Sandwich". Auf Initiative der dänischen Colleges hin, vereinigt mit den Erfahrungen der Sofioter Colleges, sind 2 bulgarisch - dänische Colleges gegründet worden, die Abiturienten eine Berufsqualifikation vermitteln. Hier sind die Spezialisierungen: Tourismus, Hotelwesen, internationales Marketing u.a. vertreten. Besonders große Hilfe bekommen hier auch die Lehrer und Berufsschullehrer am Platz. Es werden neue Lehrmittel entworfen, die internationalen Fachbücher werden an die heimischen Bedingungen angepasst. Die Erfahrungen dieser Colleges werden in der Zukunft in verschiedenen bulgarischen Städten multipliziert.

 

Pilotprojekte mit Österreich

Das bulgarisch - österreichische Schulpilotprojekt wird in dem ökonomischen Technikum (umbenannt in Wirtschaftsgymnasium) Sofia durchgeführt. Es bildet mittlere ökonomische Fachkräfte aus. Auch hier sind die westlichen Modelle mit den nationalen Traditionen verbunden. Hauptziel der Zusammenarbeit ist es, die Auszubildenden in die modernen wirtschaftlichen Berufe einzuführen, so daß sie am Ende ihrer Ausbildungszeit nicht nur den Abiturabschluß erwerben, sondern auch Berufsqualifikationen, die dem europäischen Standard entsprechen: zwei Fremdsprachen, PC - Informatik u.a.

Hier ist die Beteiligung an der Verarbeitung und Aktualisierung der neuen Lehrprogrammen von Seiten beider Länder sehr intensiv.

Neu sind auch:

Tradition war es hier auch, so wie in allen anderen Berufsschulen im Land, die Fächer in drei Gruppen zu teilen:

Nach dem Modul - Prinzip sind die Fächer in Gruppen (Module) umstrukturiert. Nehmen wir als Beispiel:

Modul: „Der Mensch und die Kommunikation" enthält die Fächer: Bulgarische Sprache und Literatur, Fremdsprachen, Textverarbeitung, Kommunikation u.a.;

Modul: „Der Mensch und die Gesellschaft" enthält die Fächer: Geschichte der Wirtschaft, Handelsrecht, Wirtschaft und Management, Jura und Management u.a.

Außerdem sind die Fächer den Gruppen: Pflicht- und Wahlfächer zugeordnet, so daß die Schüler eine gewisse Selbständigkeit bei der Auswahl zeigen können. Das Modul - Prinzip hat bis jetzt folgende Vorteile gezeigt:

Die Übungsfirmen sind eine gut bekannte Ausbildungsform für die Qualifizierung und Umqualifizierung Erwachsener oder Arbeitsloser in Österreich sowie in Deutschland. In diesen Ländern verbringen die Auszubildenden ca.3/4 Jahr mit einer 40-stündigen Arbeitswoche. Die Erfahrungen zeigen eine gute Annahme der so Ausgebildeten in den privaten Firmen. In Bulgarien wird diese Form zum erstenmal in der obenerwähnten Berufsschule angewendet. Sie hat guten Erfolg bewiesen und wurde sowohl von Lehrern als auch von Schülern mit großem Interesse aufgenommen.17

Die Übungsfirma wird in dieser Studie als Organisationsform nicht beschrieben, da sie in Deutschland gut bekannt ist. Bemerkenswert sind die zwei Konzeptionen für die Übungsfirma:

Abbildung 1: Die Übungsfirma als Zentrum (Konzeption 1)

Abbildung 2: Die Übungsfirma als Ergänzung(Konzeption 2)

Die Übungsfirma als Ergänzung, aber nicht als Zentrum. Denken und Handeln bilden einen geschlossenen Kreis.18

Aufgrund des guten Erfolges dieses Pilotprojekts wurde vorgeschlagen, die Ausbildungsform Übungsfirma in mehreren bulgarischen Berufsschulen unterschiedlicher Ausbildungsrichtungen einzuführen. Interessant wäre es auch, die Erfahrungen der Übungsfirmen in Bulgarien zu verfolgen, vergleichen, den Schuldirektoren bekanntzumachen und zu übertragen.

Die Beobachtungen zeigen uns jedoch, daß auch in der beschriebenen Berufsschule der Ausbildungsplatz Betrieb, bzw. Außerschulische Institution als Praktikumsplatz fehlt. Auch die beste Übung verliert ihren Sinn, wenn sie weit von der Realität und vom wirklichen Leben bleibt. Beweis dafür ist eine gewisse Reserviertheit der staatlichen Rezipienten, z.B. „Bulbank", „DSK", „Balkancar" gegenüber diesen Absolventen 19.

Dieselbe Erscheinung ist auch bei anderen privaten Firmen zu beobachten. Dies unterstreicht noch mehr die Notwendigkeit des dritten Ausbildungsplatzes Betrieb (außerschulische Institution).

 

Außerschulischer Praktikumsplatz

Der unterbrochene Dialog über die Berufsbildung im Land kommt auch von einem wesentlichen Unterschied zwischen Bulgarien und Deutschland.

Deutschland

Bulgarien

Es gibt ein Gesetz für die Kammer

immer noch kein Gesetz

Es besteht Mitgliedspflicht

keine Mitgliedspflicht.

Die Rolle des Praktikums außerhalb der Schule beim Erlernen eines Berufes ist unentbehrlich. Die Praktikumssituation, die eine reale Firma oder Betrieb anbieten kann, ist nicht durch andere Lernorte zu ersetzen. Hier kann man auch folgende Elemente erlernen:

A - Vorstellungsgespräch in der Firma;

B - Überwindung des Stresses der Umstellung auf die Arbeitssituation;

C - Arbeit und Benehmen mit realen Kunden;

D - Geschäftsführung;

E - Führen von Besprechungen mit internen und externen Kunden;

F - Führen von dienstlichen Telephongesprächen;

G - Arbeit in Team;

H - Kennenlernen verschiedener Arbeitssituationen in kleinen oder mittelgroßen Firmen;

I - Verantwortung der Firma gegenüber;

J - Arbeitsgewohnheiten u.a.

Für die wirtschaftlichen Berufe sind die Fähigkeiten aus der Gruppen: C, D, E, F von besonderer Wichtigkeit. Die 5-jährige Erfahrung der privaten Unternehmen im Land zeigt eine gute Stabilität der Einpersonenfirmen, die sich vorwiegend als Familienunternehmen entwickeln und durchsetzen. Zeichen aller privaten Firmen ist die große Bandbreite der möglichen Tätigkeiten. Es wäre z.B. schwer, Firmen mit rein technischen Aufgaben zu finden. Auch in den technischen Firmen ist ein breitgefächerter Aufgabenbereich zu beobachten wie: Wartung, Reparatur, Montage, Planung, Beratung u.a. So sind die Fähigkeiten der Gruppen: C, D, E, F auch hier notwendig.

Die Teilnahme einzelner Auszubildender in privaten Firmen ist zur Zeit eher eine Ausnahme und beruht auf Eigeninitiative von Schülern oder deren Eltern. So ist in dieser Richtung das Experiment des ersten privaten Gymnasiums mit beruflicher Profilierung in der Stadt Plovdiv vielsagend. In den Schulferien hatten die Schüler im Auftrag der Schulleitung die Aufgabe, die Firmen ihrer Eltern oder anderer Verwandter zu besuchen, kennenzulernen und gewisse Arbeit zu leisten. Die Ergebnisse sind positiv, da die Schüler ein Gehalt für die geleistet Arbeit bekommen haben, gut motiviert und mit großem Interesse gearbeitet haben und dadurch viele verschiedene Arbeitssituationen kennengelernt haben, die in der Berufsausbildung sehr hilfreich sind. Natürlich stieß dieses Experiment am Anfang auf viele Schwierigkeiten, wie z.B.:

In der Übergangsperiode zum normalen Weg der neuen und modernen Berufsbildung im Land werden einige der obenerwähnten negativen Begleiterscheinungen unvermeidbar sein. Als Hauptakzent des Experiments muß unterstrichen werden, daß jedes Praktikum außerhalb der Berufsschule, im realen Leben, viele interessante Möglichkeiten bietet, die nie in der Theorie oder in der Übungsfirma angetroffen werden.

Berufsbildung für die Minderheitsgruppen

Das Problem der Berufsausbildung der bulgarischen Türken und Zigeuner und der Waisenkinder bleibt immer noch offen. Die Untersuchungen in dieser Richtung sind auch mangelhaft. Es sind nur Beobachtungen vorhanden, nach denen die Arbeit mit diesen Kindern sehr schwierig ist. Einige von den Schwierigkeiten liegen z.B. auf sprachlichem Gebiet. Offizielle Unterrichtssprache ist bulgarisch. Die meisten der Schüler verstehen den Unterricht, aber sind behindert, ihre Kenntnisse in bulgarischer Sprache zu äußern. Es bestehen auch Mentalitäts-, Traditions-, Gewohnheits-, Erziehungs- und andere Unterschiede zwischen den Bulgaren und den anderen Minderheitsgruppen. Europa kann Bulgarien nur dann in seinem Rahmen einschließen, wenn ein friedliches Zusammensein und Mitarbeit zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen vorhanden ist. Das ist auch ein Kennzeichen für Humanismus und Kultur des Landes. Deshalb sind auch für die Minderheitsgruppen besonders sorgfältige Bildungs- und Berufsbildungsprogramme notwendig. Ein Vorschlag für ein Berufsverzeichnis, angepasst an Mentalität, Besonderheiten und regionalen Bedarf der einzelnen Gruppen ist auch hier sehr notwendig.

Hier ein Versuch, einige der vorgeschlagenen Tätigkeitsbereiche darzustellen: