Aspekte der ideologischen kommunistischen Erziehung der Jugend in den Ländern des ehemaligen Ostblocks

Die ideologische Erziehung war ein Hauptziel der Erziehung in allen Ländern des sogenannten Sozialismus. Sie begann noch im Kindergarten und führte bis zum Ende der Universitätsausbildung. Von den Jugendlichen wurde verlangt, daß sie die kommunistischen Ideen übernehmen und in ihrem ganzen Leben vielseitig verwenden und durchführen.

Die sozialistische Schule war in erster Linie ein ideologisches Institut. In allen Unterrichtsräumen, Korridoren, Kabinetts, Lehrerzimmern usw. waren Portraits von bedeutenden Parteifunktionären an den Wänden aufgehängt. Die Reihenfolge des Aufhängens und die Inhalte der Losungen erfolgten nach Instruktionen des ZK (Zentralkomitee) der kommunistischen Partei der jeweiligen Länder.

Grundschule
Pionierorganisation

In der Grundschule wurden die Kinder in die Reihen der Pioniere aufgenommen. Die analoge Organisation war z.B. in der ehemaligen DDR unter dem Namen „Jungpioniere" bekannt. Unterscheidungszeichen der Pioniere waren die roten oder blauen Halstücher, die in einer festlichen Atmosphäre übergeben wurden. In jeder Schule gab es eine beauftragte Person, die sich mit der Organisation, Tätigkeit und Leitung der Pionierfreundschaft beschäftigte. Jeder Pionier bekam bestimmte Aufgaben, über deren Erfüllung er am Ende des Schuljahres vor seinen Kameraden rapportierte. Unter diesen Aufgaben waren solche wie: bestimmte Mengen von Altpapier, Kastanien, Eicheln, Kräuter, Glasflaschen, alte Eisenstücke und Reste u.ä. abzugeben, kranke Mitschüler zu besuchen und bei den Hausaufgaben zu helfen, ältere und kranke Leute zu besuchen, um einzukaufen, ein Pflichtabonnement für die Zeitung der Pionierorganisation zu besitzen usw.

Arbeit und Tätigkeiten:

Nach der Meinung von Karl Marx muß jedes Kind ab dem 9. Lebensjahr ein produktiver Arbeiter sein. Damit das Kind essen darf, muß es nicht nur mit seinem Kopf arbeiten, sondern auch mit seinen Händen. Lenin vertritt ebenfalls diese Idee und sagt, daß er sich die zukünftige kommunistische Gesellschaft überhaupt nicht vorstellen könne ohne die enge Verbindung der Ausbildung mit der produktiven Arbeit.1 Alle sozialistischen Länder geben sich große Mühe, diese Ideen - kommunistische Erziehung durch Fleiß - im Leben zu verwirklichen. Dafür spricht auch das Beispiel der Grundschule „Vela Piskowa" in der Stadt Veliko Tarnovo. Im Zeitabschnitt vom 01.11. bis zum 01.05. des Schuljahres 1975/1976 haben die Kinder dort folgende Arbeiten durchgeführt:

Tabelle 23: Arbeit von Jungpionieren

Betrieb geleistete Arbeit
Brotproduktion verarbeiteter Teig 30 000 kg
Backbetrieb eingepackter Zwieback 5 800 kg;
Betrieb „Pobeda” 1 720 Arbeitstage;
Betrieb für Plaste u.a. 1 787 Arbeitstage;
Landwirtschaft 5 600 Arbeitstage;
Altpapiersammlung 19.600kg,
Eisenabfälle 9 600 kg

Quelle 2

In den meisten Fällen verblieb aber der von den Kindern erzielte Lohn für die Schule oder für die Pionierfreundschaft. Das verringerte die Arbeitsmotivation stark und ist ein Weg, um die hohen Ideen zu verfälschen, zu verderben und zum Mißerfolg zu verurteilen.

Der ideologische Einfluß auf die Erziehung ist auch weiter in den anderen Stufen der Schule sehr deutlich zu sehen.

Mittelschule
Kommunistische Jugendorganisationen

In der Mittelschule verwandelte sich die Pionierorganisation in andere ähnliche Strukturen: kommunistische Jugendorganisationen. In der ehemaligen DDR ist das die gut bekannte „F D J" (Freie Deutsche Jugend), in der UdSSR- „Leninski Komsomol", in Bulgarien- „Dimitrovski Komsomol" usw.

Um die Begriffe weiterhin zu vereinfachen, werden wir im Text nur den Terminus „kommunistische Jugendorganisation" verwenden. Der Eintritt in diese Gesellschaft ist freiwillig. In allen Ländern liegt die Zahl der jugendlichen Kommunisten fast immer über 90 %, was zu dem Schluß berechtigt, daß der Eintritt in diese Organisationen doch Pflicht ist.

Der eigene Austritt, oder aus der Organisation ausgeschlossen zu werden, war für jeden Jugendlichen eine schwere Verurteilung und konnte irreparable Folgen für seine Zukunft haben. Der Eintritt war ab dem 13.-14. Lebensjahr möglich und mit einer mündlichen Prüfung verbunden. Die Fragen sind vorher nicht bekannt, aber meist stammen sie aus den Gebieten: Geschichte der kommunistischen Partei, Revolutionstätigkeiten von Parteifunktionären, Fragen über Statuten der kommunistischen Jugendorganisation usw.. Jeder Jugendliche hat eine Mitgliedskarte und bezahlt monatlichen Mitgliedsbeitrag. Auch hier, ähnlich wie in der Pionierfreundschaft sind Elemente vorhanden wie:

Versammlungen in regelmäßigen Abständen;

Erfüllen von Organisationsaufträgen;

Teilnahme an Wettbewerben verschiedener Art;

Teilnahme an jugendlichem technisch - wissenschaftlichem Schaffen;

Pflichtteilnahme an Arbeitseinsätzen u.a.

Versammlungen:

Die Versammlungen verliefen immer nach einem bestimmten Schema und waren fast immer von oben dirigiert. Das willkürliche Fehlen bei den Versammlungen wurde streng bestraft. Jede Äußerung wurde protokolliert. Oft wurden die Äußerungen schon vorher verteilt oder spielten sich nach einem vorgegebenen Szenario ab. Es war vielfach eine Kopie der kommunistische Parteiversammlungen in jedem Land.

Jedes Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation bekam bestimmte Aufträge, die es im Laufe des Schuljahres erfüllen mußte.

Wettbewerbe:

Die erste Art von Wettbewerben waren die sogenannten Olympiaden in den Fächern: Heimatsprache und Literatur, Mathematik, Chemie, Physik. Die Teilnahme an diesen besonderen Prüfungen war freiwillig und wurde hauptsächlich für Schüler mit sehr guten Leistungen ermöglicht. Die Olympiaden wurden im Laufe des Schuljahres in drei Kreisen organisiert, gewöhnlich an einem Tag am Wochenende im Rahmen von 4 Stunden. Objekt der Olympiaden waren Aufgaben und Themen von besonders hohem Schwierigkeitsgrad, die vom Bildungsministerium entworfen wurden. Die Sieger im dritten, dem letzten Kreis, bekamen einen Studienplatz ohne numerus clausus. Auch die Lehrer, die solche Schüler vorbereitet hatten, bekamen eine sehr gute Bewertung. Auch hier ist eine Tendenz zum Verderben der ursprünglich guten Idee erkennbar. Eine höhere Zensur zu bekommen im jeweiligen Fach ist nicht ausreichend, um die Motivation zu stabilisieren. So verwandelt sich die Teilnahme zunehmend in eine fiktive Aktion.

Die zweite Art von Wettbewerben waren solche mit politischem Charakter. Hier wurde die Teilnahme der Schüler von der Leitung der kommunistischen Jugendorganisation verteilt und man kann sie den Pflichtaufgaben zuordnen. Die Themen stammten meistens aus dem Bereich: Leben und Tätigkeit von Ideologen des Marxismus-Leninismus, Parteifunktionäre, Ergebnisse und Postulate von Parteikongressen usw. Auch die Laienkunst hatte politische Betonung, da alle Lieder, Gedichte oder Theaterstücke vorher sorgfältig ausgewählt wurden. Aufgeführt wurden nur diejenigen mit einer starken ideologischen Ausgestaltung.

Die dritte Art von Wettbewerben ist die Zirkelarbeit. Schüler mit hohem Interesse an einem Fachgebiet konnten sich freiwillig an extra dafür organisierten Zirkeln beteiligen. Die Zirkel fanden gewöhnlich in der Schule statt und sehr selten auch in außerschulischen Objekten und Unterabteilungen wie z.B. einem experimentellen landwirtschaftlichen Feld, einer meteorologischen Station, einem Atomkraftwerk, einer Werkstatt u.a.


Die Zirkelarbeit findet einmal wöchentlich im Rahmen von zwei Unterrichtsstunden (2x45 min.) statt und darf nur in der außerschulischen Zeit durchgeführt werden.
Die Zirkelleiter sind Lehrer aus derselben Schule oder andere Mitarbeiter außerhalb des Stellenplans.
Die Arbeit und die Themen im Zirkel werden vorher geplant, genauso wie in jedem normalen Unterrichtsfach. Die Richtlinien der Zirkelarbeit werden vom Bildungsministerium vorgegeben und vom Vorsitzender der Zirkelarbeit kontrolliert. Auch hier entdecken wir die ursprünglich zugrunde gelegte gute Idee: Schülertalente weiter zu entwickeln, neue Entwürfe in Wissenschaft und Technik zu machen, neue Konstruktionen, Maschinen, Programme vorzuschlagen u.a. Von der kommunistischen Jugendorganisation in jedem Land werden Mittel dafür vorgesehen, wie auch für landesinterne und internationale Ausstellungen der besten Entwürfe. Leider wurden diese Mittel von den obersten Kreisen der Organisation aber mißbraucht und so den Schülern vorenthalten. Das wahre Interesse der Schüler an der Forschung wird vernachlässigt. Die Motivation: Kreativität wird wieder von der Motivation: höhere Zensur im jeweiligen Fach verdrängt.

Arbeitseinsätze (s. Foto)

In der Oberstufe der Mittelschule, an allen Arten von Schulen, werden ab der 8.Klasse am Ende jedes Schuljahres Pflicht - Arbeitseinsätze durchgeführt. Gewöhnlich haben diese Arbeitseinsätze eine Dauer von mindestens
4 Wochen und werden in der Landwirtschaft durchgeführt, im einzelnen Fällen auch in der Industrie oder im Bauwesen. In den ehemaligen VR Bulgarien bestand der Arbeitseinsatz im Pflücken von Tabakblättern, Rosenblütenblättern, Tomaten, Weintrauben, dem Konservieren von Obst und Gemüse; in der DDR und in Polen in der Kartoffelernte usw. Im Laufe der 4 Wochen sind die Schüler wie z.B. in der VR Bulgarien und der UdSSR in den sogenannten Brigadierlagern weit weg von zu Hause bei äußerlich schlechten hygienischen Bedingungen untergebracht. Der Arbeitstag besteht aus 8 bis 8½ Stunden, manchmal schichtenweise. Für die geleistete Arbeit, die durch tägliche Arbeitsnorm definiert wurde, bekamen die Schüler nur Unterkunft und Verpflegung.

Die Bezahlung für die geleistete Arbeit bekamen anteilig die jeweilige Schule und die kommunistische Jugendorganisation. Erst in den späteren Jahren des entwickelten Sozialismus gab es eine Änderung: der Schüler bekam einen prozentualen Anteil der Bezahlung; die beiden anderen Adressaten blieben weiterhin fest beteiligt.
Nach unseren Beobachtungen arbeiten die Schüler besonders motiviert, organisiert und diszipliniert, wenn sie mit der Erwartung kommen, irgendein Gehalt zu erhalten.

Als Vertreter der Schule sind bei den Arbeitseinsätzen auch Lehrer da, die Organisations- und Leitungsfunktionen haben. Auch in den Arbeitseinsätzen sind ideologische Momente der Erziehung vorhanden:

- Erziehung zu Fleiß und produktiver Arbeit;

- Wettbewerbe zwischen den einzelnen Brigaden;

- Politische Abende;

- Tägliche Rechenschaftsberichte über die geleistete Arbeit.
Auch für die Studenten aller Universitäten und Hochschulen sind die Arbeitseinsätze eine Pflicht. Studenten und Schüler, die ihre jährliche Pflicht nicht erfüllt haben, können ihr Studium bzw. Lehre oder Ausbildung nicht fortsetzen.

Arbeitseinsätze im Übergang auf die freie Marktwirtschaft:

Seit der Wende und Umstrukturierung in den Ländern des ehemaligen Ostblocks existieren die Arbeitseinsätze schon gar nicht mehr. Natürlich wäre es ein Fehler, wenn man alles, was zur Vergangenheit des Sozialismus gehört, als negativ bewertet und verurteilt. Die Arbeitseinsätze könnte man in einer anderen Form, z.B. dem Praktikum oder der Arbeitslehre in verschiedenen Gebieten der Wirtschaft und Landwirtschaft, auch weiterhin in der Übergangsperiode verwenden. Einerseits liegt dies im Interesse der Schüler, die ein bestimmtes Gehalt dafür erhalten und viele Tätigkeiten in der Praxis erlernen und ausüben würden. In dem Sinne würde die Schüler- und Studentenarbeit nicht mehr als Ausbeutung definiert werden.
Die Motivation - eine gute und qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten - wäre auch vorhanden. Andererseits liegt es auch im Interesse der Betriebe und privaten Firmen. Die Praktikantenarbeit, obwohl sie qualitativ nicht mit der eines Meister vergleichbar ist, könnte bei dem schweren Übergang auf die freie Marktwirtschaft sehr nützlich sein. Der Praktikant kommt mit einer Einstellung der Flexibilität in den ausgeübten Tätigkeiten und rechnet mit Schwierigkeiten im Beruf. Dagegen zeigt der Meister in dieser Richtung nicht solche Flexibilität. Auch materiell ist die private Firma an dem Praktikanten interessiert, da sie ihm nur einen 10-fach geringeren Lohn als dem Meister bezahlen müßte. Dabei ist auch das psychologische Moment des Übergangs sehr wichtig, das bislang noch nicht beachtet wurde. Der Praktikant weiß: morgen ist der Tag seiner Zukunft und er bleibt mit sich alleine, mit der immer stärker werdenden Konkurrenz und mit seiner eigenen Initiative. Der sozialistische Betrieb, der für ihn die Entscheidungen trifft, ist nun nicht mehr da.

Jugenderholungslager:

In den Ferientagen hatten die Schüler und Studenten in fast allen ehemaligen sozialistischen Ländern die Möglichkeit, sich an bestimmten Orten und Plätzen zu erholen, die auch unter dem Namen Erholungslager bekannt wurden. Auch hier wurde ein hoher Wert auf die ideologische Erziehung gelegt.

Bevorzugt wurden diese Ferienplätze unter ausgewählten Jungkommunisten („Aktivisten” ) verteilt, da sie mit ideologischen Funktionen hierher kamen. Die Rolle der „Aktivisten” war es, zusätzlichen ideologischen Einfluß auf die Gehirne der anderen Jugendlichen auszuüben. Dieser Einfluß erfolgte durch verschiedene organisierte Maßnahmen und Rituale wie Lagerfeuer, Fahnen, Fackelzüge, Fanfaren etc. Den besten Teilnehmern am kommunistischen Erziehungsprozeß wurden Preise und Auszeichnungen verliehen. In die internationalen Erholungslager kamen linke Schüler und Studenten aus dem westlichen Ausland, die hier ihren Urlaub kostenlos verbrachten. Es wurden traditionelle Abende der Freundschaft organisiert, die auch politischen Charakter hatten.

Über einige Besonderheiten der sozialistischen Schule:

Uniform: (s.Foto)

In der ehemaligen VR Bulgarien, der UdSSR u.a. Ländern war die Uniform für die Schüler aller Schulen eine Pflicht. Für die Mädchen bestand die Uniform aus schwarzem Kittel, weißem Kragen, für die Wintermonate schwarzem oder dunkelblauem Mantel; für die Jungs schwarze Hose, Uniformjacke, Schirmmütze und Krawatte, weißes Hemd.
Das Emblem der Schule wurde an den Ärmeln aufgenäht.
Die ehemalige DDR ist in der Richtung eine Ausnahme.

Die Uniform wurde vom Bildungsministerium abgestimmt. In den offiziellen Verordnungen des Ministeriums wird verlangt, daß die Uniform auch in der freien Zeit getragen werden muß. Unausgesprochen wurde dies, aber zunehmend mit den Jahren, nicht eingehalten. In den Jahren der „Perestroika” kam es langsam zur einer Abweichung von der Uniform und ab dem Jahre 1986 gab es schon keine Begrenzung für die Schülerbekleidung mehr.

In den Jahren des Überganges ab dem Jahre 1989 führte das zu einer anderen extremen Handlungsweise: Eltern und Schüler wetteiferten miteinander, sich die allerschönste und modischste Bekleidung zu beschaffen. Explosionsartig kam in die Schule eine andere Welle und zwar die der Jeansbekleidung.
Das Einführen der Uniform in der Schule ist nicht nur ein ideologischer Einfluß der Erziehung, sondern auch ein Versuch, die Menschen zu unifizieren, zu vereinheitlichen, obwohl jeder Mensch ein Individuum ist. Die historische Entwicklung der Uniform in der Schule beweist das Naturgesetz: jeder Wirkung entspricht eine gleich starke Gegenwirkung. Der Versuch, die Menschen, in diesem Fall die Jugend zu begrenzen oder zu unterdrücken wurde vereitelt. Je größer diese Unterdrückung war, desto stärker explodierte die Gegenwirkung.

Militärausbildung: (s. Foto)

In der Oberstufe der Mittelschule war das Fach Militärausbildung (Wehrunterricht) obligatorisch vertreten. Es wurde an allen Arten von Schulen unterrichtet. Es erstreckte sich auf einen Zeitraum von zwei Jahren in der 9. und 10. Klasse des Gymnasiums, bzw. im 1. und 2. Kurs der Berufsschule, ganzjährig für 2 Stunden wöchentlich.
Die Schüler wurden regelrecht gedrillt. Die Themen wurden wie in jedem Fach vorher geplant und umfaßten verschiedene Bereiche: Umgang mit Schußfeuerwaffen, Aufbau und Wirkung, Zusammensetzung und Zerlegung der MP „Kalaschnikoff 47” , Marschieren, Giftkampfstoffe, Marschlieder u.a.

Das Fach wird von Reserveoffizieren unterrichtet. Am Ende ist ein 10- bis 14tägiges Militärlager vorgesehen. Der normale Lehrprozeß wird unterbrochen. Die Schüler werden außerhalb ihres Wohnortes in spezielle, dafür geeignete Lager, vergleichbar mit einer Minikaserne, geführt, wo sie ihren theoretischen Militärunterricht auch praktisch ausüben können. In der Zeit tragen alle gleiche Bekleidung, eine spezielle Militär - Schüleruniform.

Die Offiziere führen auch die praktischen Übungen. Lehrer, von der Schulleitung bestimmt, begleiten und betreuen die Schüler bis zum Ende der Lagerzeit. Dem Lehrer werden hier vorwiegend organisatorische Funktionen zugeordnet, wie z.B. Kontrolle der Nahrung, Disziplin, Abendstunden, kulturelle Massenarbeit usw. In dieser 14tägigen Zeit ist der Lehrer Tag und Nacht auf seinem Posten, im Dienst, ist den Offizieren unterstellt und bekommt dafür keinen Zuschuß zu seinem Gehalt.

Das ideologische Moment in der Erziehung spielt hier eine bedeutende Rolle. Es besteht nicht nur in politischen Abenden und Wettbewerben, sondern jedes Thema ist stark politisch betont. Das ist deutlich zu sehen in den Begriffen und Ausdrücken, die sich sehr häufig wiederholen wie z.B.:

„die unschätzbare Rolle des großen sowjetischem Landes", „Die brüderlichen Länder", „Die Länder aus dem Warschauer Pakt", „politische Subversion", „Der Feind mit der Parteimitgliedskarte", „Feind des Volkes" usw..

Aus verständlichen Gründen sind in dieser Richtung sehr wenig Artikel und Bücher veröffentlicht worden. Das hat uns auch gezwungen, viel von dem Sachmaterial in der alten, offiziellen Presse zu suchen, obwohl auch sie stark politisch deformiert und zensiert wurde.

Grundlagen des Marxismus-Leninismus:

Im letzten Ausbildungsjahr aller Schulen wurde das Fach „Grundlagen des Marxismus-Leninismus" auch obligatorisch gelehrt, ganzjährig, 2 Stunden wöchentlich. Das Fach geht auch in die Berechnung der Durchschnittsnote der Abiturdiploms ein. In der Zeit des entwickelten Sozialismus figuriert es auch als begleitende Aufnahmeprüfung (numerus clausus) in allen Arten von Universitäten und Hochschulen. Darüber hinaus erscheint die ideologische Erziehung in der Zeit der Hochschulausbildung in Gestalt der Fächer: dialektischer Materialismus, politische Ökonomie, Geschichte der jeweiligen kommunistischen Partei.

Dabei ist eine sehr interessante Erscheinung zu beobachten. Für einige Kinder und Jugendliche, Kinder von Parteibonzen (im Sinne Bulgariens die sogenannten aktiven Kämpfer gegen den Faschismus und Kapitalismus) ist der numerus clausus für die Schulen und Universitäten sehr vorteilhaft.

Im Unterschied zu Deutschland haben die Zensuren in Bulgarien genauso wie in der ehemaligen UdSSR folgende Reihenfolge:
Ausgezeichnet (6) entspricht in Deutschland der Zensur 1; Sehr gut (5)=2; Gut(4)=3; Mittel(3)=4; Schlecht(2)=5.
Für die privilegierten Schüler war es genug, wenn sie in jedem Fach der Aufnahmeprüfungen die Zensur Mittel(3) hatten, für alle anderen unbedingt Ausgezeichnet(6).

Anstelle von Test und Interviews, wie sie fast alle westlichen Länder praktizieren, werden die Aufnahmeprüfungen für die speziellen Schulen und Hochschulen jeder Art in bestimmten Fächern durchgeführt.

Der Absatz „Uniform" (s.o.) verdeutlicht die Durchführung der Idee von der Gleichheit aller Menschen. In der Praxis aber stoßen wir auf den Widerspruch: die Kaste der Privilegierten ist vorhanden oder wird doch zu einer Differenzierung der Menschen herangezogen.

 

Charakteristik:

Am Ende der Schulausbildung bekommt der Schüler ein schriftliches Zeugnis, die sogenannte Charakteristik über seine Tätigkeiten in und außerhalb der Schule, sein Benehmen, seine politische Weltanschauung etc.
Die Charakteristik wird von der kommunistischen Jugendorganisation ausgestellt und ist eine wichtige Unterlage für den weiteren Lebensweg aller Jugendlichen: Kaserne, Universität oder Arbeitsplatz. In einigen Fällen wurde eine negativ erstellte Charakteristik ein bedeutendes Hindernis für die weitere persönliche und berufliche Entwicklung der Jugendlichen.

Die Jugend in der Übergangsperiode zur freien Marktwirtschaft

Während der ganzen Periode des Sozialismus war das Thema Religion jahrelang tabu. Die ideologische Erziehung des Marxismus-Leninismus und die ganze Ausbildung setzte den Atheismus durch. Das Besuchen von Kirchen war unerwünscht, besonders von Jugendlichen und Parteigenossen. Die Traditionen der großen kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Namenstage wurden zertreten.

Die Ergebnisse dieser „Ausbildung" und „Erziehung" sind nun offensichtlich.

Bekannterweise kam es zu einem tragischem Ende, zum totalen Zusammenbruch des kommunistischen Systems, zur totalen Inflation der Moral. Dies hat die Jugendlichen in die Hände von Drogenhändlern, in die Kriminalität, in die Halb- und Unterwelt und die Prostitution getrieben.

Zur Zeit gibt es allein in der Hauptstadt Sofia 20 Freudenhäuser, die Mädchen zwischen 18 und 25 Jahren öffentlich durch den Sofioter Kurier und andere Zeitungen anbieten.3
Das Verleugnen der Religion und ihr Verbot in der Schule zur Zeit des Sozialismus und teilweise auch in der Übergangsperiode hat die Jugend massenweise in die Arme religiöser Sekten getrieben, was für einige mit fatalen Folgen endete.

„Das Verständnis von Demokratie, von Freiheit, drückte sich allmählich in Eigenmächtigkeit aus. Das Benehmen der Schüler in den großen Städten ist praktisch unkontrollierbar. Die Tatenlosigkeit der Schule in dieser Richtung führte zu einem großen Vakuum, das sich mit Ideen religiöser Sekten und Nihilismus füllt."4

Mehr als 11 000 kriminelle Handlungen wurden von Minderjährigen allein im Jahre 1994 verübt.5 Besonders drastische Ausmaße hat die Rauschgiftsucht unter den Jugendlichen angenommen. Die Zahl der Rauschgiftsüchtigen in Bulgarien nimmt schnell zu und hier steht das Land an einer der ersten Stellen in Osteuropa in Bezug auf frühes Anfangen. Wahrscheinlich gibt es im Lande ca. 15 bis 20 000, die auch Heroin einnehmen. Viel bedeutsamer ist es jedoch, daß seit dem Jahre 1994 23% der Schüler zwischen 14 und 16 Jahren besonders in den großen Städten schon einige Erfahrungen mit Rauschmitteln gemacht haben.6

Leider sind Schule und auch Eltern zur Zeit vollkommen hilflos. Eine so wichtige Institution wie die Schule wird langsam von den Regierenden vergessen.

Die Schule mit ihren jahrelang nicht renovierten Räumen und Korridoren ist eine ungastliche und vernachlässigte Stätte, die weiterhin zum Vandalismus provoziert.7

Dies ist einer der Gründe (zusammen mit vielen anderen wie z.B. das allgemeine Chaos im Lande), wegen derer die Schüler nicht gerne in die Schule gehen.

Über die Hälfte der Schüler kommt nur ab und zu in die Schule, 1/5 der Schüler nur aus Langeweile, über 60% sind vom Unterricht in der Schule unbefriedigt.8

Die Schule steht in der Übergangsperiode genauso wie viele Wirtschaftszweige am Scheideweg, ganz typisch für alle Länder des ehemaligen Ostblocks.

Die bulgarische Bildung steht vor dem Kollaps:

„...sie leidet unter einer schweren Krankheit. Zur Heilung sind viele Finanzmittel notwendig, und die müssen jetzt gefunden werden, weil die Krankheit schon morgen unheilbar werden kann. Die ersten Anzeichen dafür sind bereits vorhanden.” 9

 

Schlußfolgerung

 

- Die ideologische Erziehung mit all ihren Seiten ist ein wichtiges Merkmal der sozialistischen Schule, aber auch der bedeutende Unterschied zur Schule in den westlichen Ländern.
- Jede Erziehung, die auf Gewalt basiert, ist zum Untergang verurteilt.

- Unsere Aufgabe ist es, nicht nur die Fehler der Vergangenheit aufzuzeigen, sondern aus denselben auch zu lernen.
- Die Arbeitseinsätze, in eine andere Form umgewandelt, sind auch in der Übergangsperiode verwendbar und auch besonders in der Berufslehre gut für Praktikumsplätze.