Zwei Briefe aus Paris

Ewald Vorsteher, Leiter der "Wahrheitsfreunde" - einer in Stuttgart gegruendeten und gegenueber der WTS oppositionellen Bibelforschergruppe und

Paul Johannes Gerhard Balzereit, Direktor der WTS-gesteuerten Zeugen Jehovas und des Bibelhauses Magdeburg - zwei erbitterte Gegner.

Die WTS-Funktionaere "liessen sich auch sonst noch 'persoenlich ueble Dinge so krassester Art zuschulden kommen', dass man Bedenken tragen muesse, dieselben aufzudecken, es sei denn 'im aeussersten Falle" [...] PJGB kleide "sich in seidene Hemden, herrliche Strandanzuege, faehrt zweiter Klasse Eisenbahn usw. Auch hat er sich ein Auto angeschafft, worauf man 'Kreuz=Krone' (Schein der Gottseligkeit) malte, in welchem er 'wie ein Fuerst herrlich gekleidet' durch die Welt faehrt. Und dieses alles angesichts der Tatsache, dass 'das hierzu noetige Geld von den aermsten herausgepresst wird, unter grossen Entbehrungen fuer manche'.

PJGBs Reaktion: keine Ueberweisungen fuer den "GZ-Druck und Verlag PJG Balzereit" auf sein Privatkonto!

Im Jahre 1938 erreichten zwei Postsendungen mit Zeitungsausschnitten die Stadt Barmen. Zugestellt wurden sie einem Fabrikanten mit dem Namen Ewald Vorsteher. Der reichte die befremdlichen Briefe umgehend an die Polizei weiter. Es wurde schnell klar, dass die Sendungen eigentlich fuer einen anderen Ewald Vorsteher, dem Bibelforscher und ehemaligen Leiter der "Wahrheitsfreunde" bestimmt sein mussten. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass als Absender der in Frankreich lebende Emigrand nicht in Frage kam und der "Wahrheitsfreund" sie auch nicht veranlasst haben konnte. Der verhielt sich ruhig, seiner Familie im Deutschen Reich , seiner Frau und zwei erwachsene Toechtern, waren der Ausreiseantraege abgelehnt und ersteren der Pass entzogen worden.
Der Briefschreiber verfuegte ueber grosses Insiderwissen. Vorstehers Spezialitaet war es gewesen, aktuellen Zeitungsberichten einen biblischen Hintergrund zu geben. Nicht nur die Duesseldorfer Polizei, sondern auch das RSHA in Berlin interessierten sich fuer den Vorgang zunehmend. Zum Vorgang Ewald Vorsteher wurden neue Akten angelegt. Durch die Briefe war offensichtlich erneut die Aufmerksamkeit auf das fuehe Opfer des Nationalsozialismus, Kaufmann E. Vorsteher, gelenkt worden.
Vorerst wurde eine Ausbuergerung Vorstehers aus dem DR angestrebt. Nach dem deutschen Sieg ueber Frankreich, beantragte man die Auslieferung des Bibelforschers. Die Vichy-Regiertung lehnte schliesslich ab, weil die Auslieferungskriterien in diesem Fall nicht zutrafen. Geholfen hat es nichts. Ewald Vorsteher wurde kurzerhand verhaftet, moeglicherweise beim Versuch ueber die Hafenstadt Toulouse in die USA auszureisen. Ein Sammeltransport von Toulouse verbrtachte Vorsteher in das KL Buchenwald /Weimar.  

Der Transport kam am 6. Aug. 1944 am Zielort an. Untergebracht wurde der rueckgefuehrte Emigrand auf Block 51 im "Kleinen Lager".

Vier Tage spaeter, am 10 August 1944 untersuchte der Lagerarzt die Zugaenge des Toulouse-Transportes.

Vorsteher, der schon 1933 bei seiner ersten Inhaftierung mit rheumatischen Beschwerden zu kaempfen hatte, wurde nur fuer leichte Lagerarbeit verwendungsfaehig, aber fuer dauernd nicht transportfaehig befunden. Mit dieser aerztlichen Festlegung war sein Verbleiben im "Kleinen Lager" besiegelt. Dieser Ort sollte sein Schicksa besiegelnl.

Das Lager II in Buchenwald bedeutete 1944 katastrophale Lebensbedingungen:.

 

>> Im "Kleinen Lager" verursachten der Hunger, die mangelnde Hygiene, die Enge und stickige Luft in den Baracken und die Kaelte im Winter lebensbedrohliche Krankheiten.<<
Der Dreiundsechzigjaehrige kam schliesslich auf den Block 61, dem "Block des Todes"..  

Hier wurden waehrend des Sommers die Kranken einer Ruhrepidemie isoliert.

>>Ein schrecklicher Gestank herrschte im Block 61. Die ausgemergelten Krankenwaren nicht mehr faehig, sich zu bewegen, um zum WC zu gehen. Sie entlasteten sich im Bett. Deshalb hatte man Ihnen die Betten genommen.... Ungefaehr tausend Kranke, die auf dem Sterbebett lagen, wurden in diesem Block zusammengepfercht.[...] Von Januar bis in den Maerz 1945 wurden hier nichttransportfaehige Schwerkranke und Sterbende oft unmittelbar nach Ihrer Ankunft in einem Vorraum durch Phenolspritzen getoetet..<<

Info der Gedenkstaette Buchenwald

Die Schwerstkranken sollen von der Lagerfuehrung nach Januar 1945 auf Block 55 mit angeblich insgesamt 1400 Behinderten zusammengepfercht worden sein. Dies wurde fuer Ewald Vorsteher die letzte Etappe. Am 4. oder 5. Maerz 1945 ist er verstorben. Die genauen Todesumstaende sind unbekannt.  
Ein Interesse an der der physischen Vernichtung des "Wahrheitsfreundes" Ewald Vorstehers gab es auch fuer die WTS. Ihre Lehre besagt, abgefallene Brueder, sogenannte boese Knechte, wuerden vernichtet und den zweiten Tod sterben. RFSS Heinrich Himmler bastelte etwa ab 1944 vergeblich an seinem unrealistiscghen Ueberleben. Ueber seinen Masseur Felix Kersten hatte er Kontaktmoeglichkeiten nach Schweden und zur Auslands-WTS. Neben der Freilassung von Juden und deren Eintausch gegen Lastwagen, versuchte er mit auffallend positiv schriftlichen Beurteilungen der JZ, sich als der Beschuetzer der ungeheuer positiven Eigenschaften der Sektierer fuer einen zukuenftigen NS-Staat in Szene zu setzen. Auch die Beseitigung eines Gegners der WTS, - der angeblichen Organisation Gottes - konnte sich dann letztlich auch guenstig fuer Himmler auswirken.
Ewald Vorsteher war durch die Manipulation mit den beiden anonymen Briefen erneut in das Visier der deutschen Verfolgungsbehoerden manoevriert worden: Das RSHA behauptete sogar, Vorsteher habe 1938 mit einem "Zirkular" auf sich aufmerksam gemacht. Das Belegexemplar fuer diese Behauptung konnte noch nicht gefunden werden.
Die Faelschung