Schicksal Erde

Schell Recherche, Kapitel II:

'Der zweite Tod'*

als globale Vernichtung der Menschheit

 

Der atomare Holocaust wuerde die Biosphaere unbewohnbar machen. behauptet Schell.

Durch Verstuemmelung der Oekosphaere wuerden auch andere Arten neben der Menschheit ausgerottet.

*) Abweichend versteht die WTS darunter die 'endgueltige Vernichtung' etwa einzelner ihrer Anhaenger im Falle von Unbootmaessigkeiten.

Bei der Vernichtung durch einen atomaren Holocaust wuerde die Zahl der vorzeitigen Todesfaelle die Hoechstgrenze jeder nur denkbaren Katastrophe erreichen: Alles menschliche Leben wuerde auf der Erde enden. Bedeutet schon der vorzeitige Tod eines jeden Menschen auf der Erde einen Verlust von unvorstellbarem Ausmass, so ueberstiege ihn noch ein anderer, klar zu unterscheidender Verlust, der vielleicht noch schwerer ins Gewicht fiele - die Annulierung aller kuenftigen Generationen der Menschheit.

Die Bibel berichtet, dass Gott Adam und Eva, als sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, damit strafte, dass er ihnen das Vorrecht der Unsterblichkeit entzog*) und sie nebst ihrer ganzen Art zum Sterben verurteilte. Diese unsere Art hat jetzt viel gruendlicher vom Baum der Erkenntnis gegessen und sieht sich mit einem zweiten Tod konfrontiert - dem Tod der Menschheit.

*) Alle Biosysteme sind sterblich; es koennte sich also auch um die Androhung einer sofort zu vollziehenden Bestrafung am Leben handeln. Der liebende, guetige Gott vollstreckte nicht, sondern fertigte Kleider fuer seine Schuetzlinge an.

Schell spielt zwei Szenarien eines atomaren Holocaust durch:

1.)

Milliarden Menschen werden Vernichtet, 10 Millionen Erdbewohner bleiben uebrig auf einer fuer Menschen bewohnbaren Erde. Die Art bliebe erhalten.

2.)

Alle Menschen wuerden sterilisiert, blieben aber ansonsten unversehrt. Die Erde wuerde langsam entvoelkert, weil die Geburtenrate bei null liegt. Nach der verseuchten Generation waere die Erde entvoelkert, die Art ausgestorben; alle kuenftigen Menschengenerationen abgeschnitten

Burke:

So heisst es in Burkes Schrift Betrachtungen ueber die Franzoesische Revolution - wobei ihn die Revolution mit Schrecken erfuellt, weil dort, wie er meinte, eine einzige Generation das nationale Erbe von Jahrhunderten zerstoerte. Ob er nun zu Recht oder Unrecht annahm, dass das Erbe Frankreichs verschleudert worden sei: zumindest waren die Generationen der Erben und ihre Nachkommen biologisch intakt. Heute muss die Erbengemeinschaft feststellen, dass sie selbst zum gefaehrdeten Erbe gehoert.

Russell:
Bezogen auf die Gesellschaft, in die jeder hereingeboren wird, fragt Burke aegerlich, ob es denn rechtens sei, ''eine so betagte Mutter in Stuecke zu hacken''. Seine Worte haben tiefere Bedeutung gewonnen, als er je voraussehen konnte, ist doch mittlerweile die ''Mutter'' nicht mehr allein die menschliche Gesellschaft, sondern die Erde selbst.  

Auch jetrzt schon koennen wir uns leicht vorstellen, dass sich unser Verlust einem ausserirdischen Wesen oder Gott in einer universellen, lebendigen Schoepfung, deren Existenz uns bislang verborgen geblieben ist, als Luecke bestimmter Art und Groesse darstellt. Solche Gedankenfluege, in denen wir unsere menschliche Perspektive vertauschen, sind Ausfluechte, da sie uns aus dem menschlichen Dilemma herauszaubern, dem uns zu stellen doch gerade unsere Pflicht ist. Indem wir eine Intelligenz erschaffen, die, das Ergebnis von oben betrachtet, der Vernichtung entgeht, und indem wir sie mit verdaechtig menschlichen Zuegen ausstatten, verleugnen wir die Vernichtung oder weichen ihr doch aus, denn wir haben unter der Hand einen Ueberlebenden fabriziert.[...]

Unter religioesem Gesichtspunkt waere die Anmassung einer solchen gottaehnlichen Perspektive der Versuch des Menschen, Gottes Allwissenheit zu usurpieren, und daher eine Form der Blasphemie.

Science-fiction
 

Eine sehr verwandte - und ernst zu nehmende - religioese Verirrung ist die von einigen christlichen Fundamentalisten bekundete Auffassung, der atomare Holocaust, den wir zu entfesseln drohen, sei der in der Bibel verkuendete Entscheidungskampf zwischen Gut und Boese auf dem Berg Harmageddon. Mit dieser Gleichsetzung massen wir uns Gottes Wissen und seinen Willen an. Doch nicht Gott, der die Dinge seiner Schoepfung sorgsam auswaehlt, bedroht uns, sondern wir bedrohen uns selbst. Die Vernichtung durch Kernwaffen waere nicht das Juengste Gericht, da Gott die Welt zerstoert, die Toten aber auferweckt, um allen, die einmal gelebt haben, vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.; sie waere die voellig sinnlose und gaenzlich ungerechtfertigte Zerstoerung des Menschen durch den Menschen.

Die Vorstellung, Gott fuehre uns bei der Tat die Hand, stellt buchstaeblich den aeussersten Versuch dar, uns unserer Verantwortung als Menschen zu entziehen - eine Verantwortung, die uns auferlegt ist, weil Gott uns (um einen Augenblick bei der religioesen Betrachtungsweise zu bleiben) einen freien Willen verliehen hat.

 
   
Aus den ... Ausfuehrungen folgt, dass es keine Rechtfertigung fuer die Vernichtung der menschlicghen Art geben kann und deshalb auch keine Rechtfertigung fuer irgendeinen Staat, der die Welt in einen atomaren Konflikt stuerzt, der einmal begonnen, unversehens zum globalen Holocaust und zur totalen Vernichtung fuehren koennte. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Handlung erlaubt ist, solange sie der Verhinderung atomarer Vernichtung dient. Es scheint besonders wichtig, den moralischen Aspekt der Frage zu betrachten, da die andere gaengige Rechtfertigung fuer militaerisches Vorgehen - das Eigeninteresse - die Vernichtung der Art natuerlich niemals rechtfertigen kann, um so weniger als die Vernichtung fuer den Urheber Selbstmord bedeuten wuerde; und Selbstmord kann, was er immer auch bezweckt, kaum im Interesse desjenigen liegen, der ihn begeht.
 
 
Im Jahr drei nach Schell:
 
 
WTS-Werbung fuer den WTS-Krieg 'Harmagedon'
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
Aber da Vernichtung die Gemeinschaft der anderen aufhebt, kann sie unter keinen Umstaenden ein moralischer Akt sein. Wer das Gegenteil behauptet koennte genausogut sagen, die Kinder einer Schule zu toeten, sei eine ihnen zukommende Erziehungsmassnahme, oder die Bevoelkerung eines Landes verhungern lassen, sei Teil einer vernuenftigen Wirtschaftspolitik.  

Bleibt die Frage, ob es irgendwo ein ueber die Moral und der Welt schwebendes Prinzíp - villeicht religioesen Ursprungs - gibt, das die Zerstoerung der Welt rechtfertigen koennte. Ware es beispielsweise denkbar, dass es eines Tages unsere Pflicht sein koennte, uns ueber menschliche Interessen und menschliche Moral hinwegzusetzen und unsere Art zur hoeheren Ehre Gottes zu vernichten?

 
Lang ist die Geschichte der Kriege, die im Namen des einen oder des anderen Gottes angezettelt wurden, aber fuer die etwaige Rechtfertigung eines atomaren Holocaust koennten theologische Prinzipien eine ausschlaggebende Rolle spielen, weil sie den Eindruck erwecken koennten, man koenne fuer etwas 'kaempfen' , das selbst vom Holocaust nicht erfasst wuerde. Zum Beispiel koennte die Vernichtung einer 'boesen' Menschheit als gerechtfertigt angesehen werden oder als einen zornigen Gott wohlgefaellig - oder zumindest als eine Erfuellung seiner Absichten (wie es bei der Gleichsetzung des Holocaust mit dem biblischen Geschehen auf dem Berg Harmageddon durch einige christliche Fundamentalisten der Fall zu sein scheint).
   

Wenn sich die Armeen unter dem Banner Gottes sammeln, wird die 'absolute' Herrschaft des individuellen Gewissens ueber die Handlungen des einzelnen umgemuenzt in einen absoluten Herrschaftsanspruch gegenueber anderen Menschen.

Die absolute Verpflichtung des einzelnen, sich der Stimme seines Gewissens zu unterwerfen haetten, die sich als Repraesentanten religioeser Orthodoxie anmassen, fuer Gott zu sprechen.

Damit wird das christliche Gebot , sich auf Gottes Geheiss fuer seinen Naechsten zu opfern, zur Erlaubnis, seinen Naechsten im Namen Gottes zu opfern. In der voratomaren Welt war diese Annahme Anlass zu verheerenden Massakern. In der atomaren Welt koennte er das Ende der Menschheit bedeuten. Ganz gewiss aber steht das alles der Lehre Christi unendlich fern, der die Menschen hiess, ihre Feinde nicht zu toeten, sondern zu lieben, und er lieber starb, als die Hand gegen seine Peiniger zu erheben.

Jeder christliche Rechtfertigungsversuch fuer die Zerstoerung der Welt wird hinfaellig angesichts der Tatsache, dass der christliche Gott, als er in Menschengestalt auf Erden wandelte. nicht nur keinen einzigen Menschen um seinetwillen opferte, sondern auch einen einsamen, qualvollen und erniedrigenden Tod starb, um die Welt zu erretten.

 
   
An keiner Stelle hat Christus etwas gesagt, was darauf schliessen liesse, dass seine beiden wichtigsten Gebote - Gott zu lieben und seinen naechsten zu lieben - in irgendeiner Weise voneinander zu trennen waeren oder dass das erste Gebot die Verletzung des zweiten rechtfertigen koennte. Vielmehr hat er ausdruecklich erklaert, dass religioeser Glaube ohne Liebe zum Menschen leer und gefaehrlich sei.

Gegenteiliger Ansicht - Christus als militanter, rachesuechtiger Sozialrevolutionaer - waren in der ersten Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts:

I.

die deutschen Handwerkerkommunisten in der Schweiz um den Schneidergesellen Wilhelm Weitling, der seine Ideen mit in die Emigration nach den USA nahm.

II.

das >>junge Deutschland I und II<< im Elsasss und in der Schweiz um den Abenteurer Harro Harring, Wilhelm Marr oder German Maeurer.