Inhalt:

1.) Die Methode des Appells in der Schule

2.) Die Methode der Information

3.) Synthese der beiden Methoden

4.) Das Unterrichtsexperiment

5.) Fazit

6.) Literatur



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Universität Bielefeld
Fakultät für Pädagogik
Sommersemester 1993

Seminar: Rassismus als Problem interkultureller Pädagogik
Dozent: Prof. Dr. N. Meder
V.-Nr.: 25 12 04

Thema: Die Entstehung von Rassismus - Präventionschancen und Auswege

Referenten: Roman Schmahl und Peter Dietrich

Schriftliches Handout von Peter Dietrich



Präventionschancen und Auswege

In meiner Arbeit soll es vorrangig über die kindliche Sozialisation in der Schule gehen, denn diese halte ich als entscheidend für die Aufnahme, Verinnerlichung und Weitergabe von Vorurteilen und Verhalten gegenüber anderen Menschen. Dabei denke ich zunächst an die Schule, in der sich die Kinder einerseits den halben Tag aufhalten und Kontakte zu anderen Menschen (außerhalb der Familie) knüpfen, sowie mit Schülern aus anderen Ländern konfrontiert werden. Gleichermaßen werden ,,Kontakte" zu anderen Kulturen über die Schulbücher (Geographie-, Erdkunde- und Biologiebücher) mit unterschiedlichen Inhalten, die mit bestimmten Ideologien verbunden sind, fast unreflektiert aufgenommen bzw. weitergegeben, denn ein Kind von z.B. sieben Jahren ist noch nicht in der Lage, die dargebotene Information auf ihren Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen. Zum anderen werden in der Schule gesellschaftliche Werte und Normen erlernt, die den Schüler auf das Leben in der Gesellschaft mit ihren Spielregeln vorbereiten soll. Dabei kommt dem Lehrer mit seinem Unterrichtsstil eine besondere Aufgabe zu.

,,Die Sozialisation und Erziehung beeinflußt unter anderem auch die psychosoziale und ethnische Identität eines jeden Menschen. Identität ist nicht etwas Statisches, ein für allemal Festgelegtes, sondern ein fortlaufender Prozeß im Spannungsfeld von äußeren, sozialen Interaktionen und intrapersonalen Mechanismen und Inhalten" (vgl; JÄGGI, S.177).

Inwiefern sich bestimmte Unterrichtsstile auf das spätere Verhalten der Schüler bzw. der späteren Erwachsenen auswirken können, ist ein Thema.

Zugleich ist mir bewußt, daß es die unterschiedlichsten Ansätze zur Prävention von Rassismus gibt. Ich halte diese Ansätze aber eher für sekundare, wie z.B. die Schaffung eines neuen weltweiten, interkulturellen Weltbildes, das JÄGGI unter anderem als eine Lösung ansieht. Denn, wenn sich in der Sozialisation bestimmte Stereotype erst gar nicht manifestieren können, entsteht in dem Heranwachsenden schon im Vorfeld ein offeneres Weltbild.

1.) Die Methode des Appells in der Schule

Kinder und jüngere Schüler bevorzugen die Methode des Appells, weil sie noch kein ausgeprägtes Weltbild entwickelt haben und auf Vorgaben angewiesen sind. Besonders jüngere Schüler kommen nicht ohne die festen Verbindungen von Information, Wertung und Norm aus. Sie müssen erst lernen, sich ein Bild von der Gesellschaft zu machen. Leichte Verhaltensregeln, einfache Informationen und eine vorgefestigte Einstellung seitens des Lehrers werden bevorzugt angenommen.

Der Lehrer sucht den Stoff unter bestimmten Gesichtspunkten aus und trägt diese Stück für Stück vor. Der Schüler bekommt die Information dargeboten, erarbeitet und erfragt diese aber nicht, und wenn, dann nur sehr global. Zudem ist die Information durch die Autorität des Lehrers abgesichert, denn was der Lehrer sagt wird schon stimmen. Zudem ist die Gruppenkohäsion der Schüler bei der Methode des Appells stärker ausgeprägt, denn die Schüler bilden eine Gemeinschaft gegenüber dem Lehrer.

In der nächsten Unterrichtseinheit werden dann die Lösungen vorgegeben bzw. verglichen, folglich kann auch der 45-min-Takt gut vom Lehrer eingehalten werden. Für den Schüler ergeben sich kaum Konflikte durch anscheinend überflüssige Diskussionen, die ihn bei der Informationsaufnahme hemmen würden.

Dennoch transportiert der Lernstoff nicht nur Information bzw. Wissen, sondern auch gesellschaftliche Werte. Somit sind alle dargebotenen Informationen mit einer betimmten Absicht gekoppelt, nämlich, den Schülern möglichst schnell und einfach bestimmte Verhaltensregeln der Gesellschaft beizubringen, was auch von den Eltern durchaus als wünschenswert empfunden wird.

Wenn nun aber Wissen mit Appell verbunden ist, dann ist die Annahme dieses Wissens auch die Annahme von festen Einstellungen (so die These von Hermann Müller).

Der Schüler lernt, daß das Wissen fur ein bestimmtes Verhalten in der Gesellschaft notwendig ist. Das wiederum sichert dem Wissen im Bereich des Appells das Interesse nach mehr Wissen, es wird ja anscheinend gebraucht. Und alles, was gebraucht wird, ist wahrscheinlich von Bedeutung.

Die Kritik ist nun, daß der Schüler sein Wissen an den Werten und Normen der Gesellschaft orientiert. Ob das Wissen ,,richtig" oder ,,falsch" ist, ist von ihm nicht mehr sachlich zu unterscheiden. Zudem werden Erfahrungen und Informationen abgelehnt, die die Harmonie zwischen ihm und der Gesellschaft oder der Gruppe und dem Schüler stören könnten. Jede Veränderung könnte eine Schwächung der Gruppenzugehörigkeit zur Folge haben. Deshalb wird der Schüler im Unterricht auch keine Differenzierungen, wie z.B. extrem positive oder extrem negative Haltungen einnehmen.

Gleichermaßen wird das Interesse an Informationen nur solange bestehen, bis eine Verbindung zwischen dem Wissen und der Einstellung gelungen ist. Ein weiteres Interesse an Details nimmt schnell ab.

,,So sagten Lehrer, sie hätten nach zwei bis drei Stunden ihr Ziel erreicht, die weiteren Stunden hätten nur der zusätzlichen Einübung gedient" (MÜLLER, 1967).

Verständlich ist auch, daß Informationen im Bereich des Appells die Schüler extrem von der Außenwelt abschirmt.

Das kann positiv sein, weil auf diese Weise recht komplizierter Lernstoff von den Schülern zu ,,verkraften" ist. Negativ, weil sich durch die Abschirmung Vorurteile und Stereotypen bilden.

2.) Die Methode der Information

Ein informationsgesteuerter Unterricht tritt durch das Unterrichtsgespräch und die Gruppenarbeit hervor. Die Schüler sind kritischer und stellen häufig Fragen. Gegensätzliche Meinungen werden offen angesprochen und nicht verwischt. Die Schüler bestimmen stärker den Verlauf der Stunde und die Problemlösungsmöglichkeiten.

An den Lehrer werden in einem solchen Unterricht andere Anforderungen gestellt.Denn „die Prozesse in der gesellschaftlichen Anpassung und Behauptung ... werden in ihrem Abschluß hinausgeschoben".,,Während im Appell versucht wird, die Außenwelt möglichst so zu erfassen, wie es dem eigenen Gesellschaftsmodell entspricht und dieses wiederum stützt, tritt bei der Informationsmethode diese Mischung von Erkenntnis und Einstellung nicht auf" (MÜLLER, 1967).

Der Schüler muß selbst versuchen, sich aus vielen Einzelinformationen ein Weltbild und ein Wertesystem aufzubauen. Dieser Umstand bedeutet für den jungen Menschen eine Anstrengung für die geistige und soziale Orientierung, die ihn natürlich auch überfordern kann. Der Lehrer hat nun die Aufgabe, den ungeübten und unsicheren Schüler zum Aufbau eines eigenen Weltbildes zu unterstützen. Bezeichnend ist das Interesse seitens der Schüler an Information und die Freude an der Widerlegung schon gelernter Sachverhalte. Wissen wird hinterfragt und widerlegt.

Die pädagogische Schwierigkeit der Informationsmethode liegt aber auch darin, daß Wertungen bei dieser Methode nicht im Schonraum einer vereinfachten und verkürzten Wirklichkeit, nicht im Windschatten einer Gewißheit angeboten und akzeptiert werden.

Für den Schüler bedeutet dies einen Verzicht auf ein endgültiges und gesichertes Wissen, und das Wissen kann als Basis für die eigene Orientierung dienen.

Dennoch entwickelt sich das endgültige Weltbild beim Schüler, wenn es nicht vom Erzieher zerstört wird. Dieses Weltbild ist offener und elastischer und natürlich auch verletzbarer. Wie zu Anfang schon erwähnt, hat der Schüler dann das Bestreben, sich mit anderem, neuem und altem Wissen auseinanderzusetzen. Neue Fertigkeiten werden nicht nur dankbar angenommen, sondern auch eingeübt.

3.) Synthese der beiden Methoden

Sowohl die Appellmethode als auch die Methode durch Information haben Nachteile und Vorteile. Dies muß aber nicht unbedingt ein Hinderungsgrund dafür sein, auf eine der von mir vorgestellten Methoden zu verzichten. Einem Lehrer liegt die eine Methode besser, weil diese besser in seinen Unterricht paßt oder ihm diese mehr zusagt, weil z.B. im Mathematikunterricht weniger diskutiert werden kann als im Politikunterricht. Zudem sind jüngere Schüler auf die Appellmethode durch ein noch mangelhaft ausgeprägtes Weltbild angewiesen, was später problemlos durch die Informationsmethode ersetzt werden kann. Für den Lehrer werden sich zumindest mehr Probleme ergeben, mit denen er fertig werden muß.

4.) Das Unterrichtsexperiment

Der Unterricht wurde getrennt nach den Methoden des Appells und der Information durchgeführt. Unter sechs verschiedenen Gruppen fiel die Wahl auf die ,,Neger". Folgende Gründe waren maßgebend:

,,Die Abstufungen vom unvoreingenommenen Bild bis zu positiven und negativen extremen Stereotypen sollten möglichst breit und verteilt sein, um alle Schüler in dem Experiment zu erfassen. Wenn sich das Experiment nur auf einen geringen Bruchteil der Schüler in jeder Klasse bezogen hätte, weil z.B. die Klasse extrem positiv eingestellt gewesen wäre, hätten sich aus den Ergebnissen kaum allgemeine Ergebnisse ziehen lassen. Die Vorbefragung hatte gezeigt, daß den Negern deutliche stereotype Züge gegeben wurden, die durchaus nicht extrem negativ waren, sondern auch Positives enthielten. Unter diesen Voraussetzungen war die Gruppe der Neger günstig. Es war so ein breiter Spielraum gegeben, die Verstärkung sowie die Auflösung stereotyper Vorstellungen und ihre Differenzierung zu beobachten" (vgl. MÜLLER, S. 82).

Die Auswahl der Lehrer war von Bedeutung, da diese ja auch die von mir oben erwähnten Methoden anwenden sollten. Zudem wurden Unterrichtsfächer wie Sozialkunde, Geschichte, Deutsch und Erdkunde ausgewählt und die teilnehmenden Lehrer/innen sollten in gleicher Parität präsent bzw. Klassenlehrer sein. Gleichermaßen sollten die Lehrer der jüngeren Generation angehören (ca. 30-40 Jahre).

Je nach Uberzeugung entschieden sich die Lehrer für die eine oder andere Methode. Eine Schwierigkeit ergab sich noch in der Abstimmung der Ausgangsposition im Unterricht und des Curriculums, denn dieses Experiment sollte in allen Bereichen vergleichbar sein. ,,Diese Vergleichbarkeit wurde gewährleistet in der Vorbesprechung der Methoden und des zu verwendenden Materials, in genauen schriftlichen Anweisungen und in Stundenprotokollen der Lehrer, die eine nachträgliche Kontrolle der Stunden gestatteten" (vgl. MÜLLER, S. 83).

Die Schaubilder auf der Seite 6 zeigen deutliche Unterschiede, die ich nachfolgend erläutere.

In Schaubild 5 zeigt sich, wie sich die Einstellungen der ersten und zweiten Befragung bei den Gruppen A2 gegenüber den Negern ändern. ,,Für die positiven Eigenschaften ergibt sich in der Zustimmung ein durchschnittlicher Anstieg von 5,9 %. Für die Gruppe A1 der 13-jährigen Schüler war eine durchschnittliche Zunahme der Zustimmung zu positiven Eigenschaften von 16,8 % festzustellen. Der Anstieg bei A2 (15 - 16-jährige) ist also erheblich schwächer, nur etwa ein Drittel"(vgl. MÜLLER, S. 114).

Das Schaubild 6 zeigt die Einstellungen der älteren Schüler zu den Menschen 'schwarzer' Hautfarbe vor und nach dem Experiment der Methode durch Information. „Für die positiven Eigenschaften ergibt sich eine durchschnittliche Abnahme der Zustimmung von der ersten zur zweiten Befragung von 13,9 %. Sie betrug bei der Gruppe der l3jährigen Schülerinnen und Schüler der Untergruppe I1 nur 4,7 %. Die Auswirkungen der Information sind also bei älteren Schülern viel stärker.

Die Ablehnung positiver Eigenschaften verändert sich auffallend. Während bei der Gruppe A2 ein leichter Anstieg zu beobachten war (2 %), geht bei der altersgleichen Informationsgruppe die Ablehnung positiver Eigenschaften durchschnittlich um 9 % zurück, obwohl die Prozentzahlen der Ablehnung in der Befragung vor dem Experiment schon relativ niedrig lagen (33,3 bis 7,8 %).

Zusammenfassend ist festzustellen, daß bei der Methode des Appells die jüngeren Schüler in höherem Maße ihre Einstellungen ändern als die älteren Schüler. Die Zustimmung zu positiven und Ablehnung von negativen Eigenschaften steigt derart, daß die Prozentsätze der Bejahung oder Verneinung der Eigenschaften bei beiden Gruppen nach dem Experiment bei verschiedener Ausgangslage etwa gleich sind.

Dagegen hat sich die Einstellung der älteren Schüler bei der Methode der Information zu den 'Negern' erheblich stärker verändert als bei den jüngeren Schülern. Ihr Urteil ist zurückhaltender, ihr Informationsbedürfnis stärker geworden. Die Information baut positive wie negative Vorstellungen ab, besonders bei den älteren Schülern (vgl. MÜLLER, S. 82-128).

5.) Fazit

Seit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wurde ein Schulsystem eingeführt, auf dem das heutige noch basiert, vorsichtig ausgedrückt. Seither hat sich dieses System nicht grundlegend verändert, ausgenommen die Gesamtschulen und Kollegschulen.

Wenn man nun bedenkt, daß sich die gesellschaftliche und politische Lage in den letzten 45 Jahren verändert hat, so sollte sich auch die Ausbildung in den Schulen und den Hochschulen an den Erfordernissen der heutigen Zeit ausrichten. Sicherlich ist ein Umdenken in der Bildungspolitik mit Problemen verbunden und diese sind nicht von heute auf morgen zu lösen, dennoch halte ich dieses unbedingt für notwendig. Denn wer sagt uns, daß die zunehmende Gewaltbereitschaft oder die rassistischen Ubergriffe auf andere Menschen nicht die Auswirkungen von Versäumnissen in der Bildungspolitik der letzten 45 Jahre sind.

Ich habe einige Aspekte angeführt, die eine multikulturelle Sozialisation möglich machen, ein Umdenken in der schulischen Ausbildung ist demnach unbedingt erforderlich, und gleichermaßen bilden wir mit dem heutigen Schulsystem zwar angepaßte Schüler heran, die innovativ-kreativen Schüler, die unsere Gesellschaft nun einmal benötigt, werden zu Einzelgängern und Außenseitern, scheitern in einem System, daß nur auf Anpassung und Erfolg aufgebaut ist.

6.) Literatur:

ADORNO, T. W.: The Authoritarian Personality, New York 1950

JÄGGI, C.: Rassismus ein globales Problem, Orell Füssli Verlag Zürich und Köln 1992

KLUGE/KUPPER/LILIENTHAL: Soziales Lernen in Konfliktsituationen,Finken-Verlag 1981

MANN, H.: Professor Unrat, Rowohlt Verlag 1980

MÜLLER, H.: Rassen und Völker im Denken der Jugend, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1967

ULRICH, K.: Sozialisation in der Schule, München: Ehrenwirth 1976


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