Konflikt zwischen Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bismarck (1888-1890)
Carsten Herber - Dezember 1997


Inhaltsverzeichnis:
1.) Deckblatt

2.) Inhaltsverzeichnis

3.) Biographie über

4.) Konflikt zwischen Bismarck und Kaiser Wilhelm II.

5.) Literaturnachweis


Otto von Bismarck
Otto von Bismarck arbeitete von 1871 - 1890 als deutscher Reichskanzler. Bismarck wurde am 1. April 1815 bei Schönhausen geboren und verstarb 1898 in Friedensruh bei Lauenburg. In seinem Leben erwarb er folgende Titel: Graf (ab 1865), Fürst (ab 1871), Herzog von Lauenburg (ab 1890). Bismarck stammte aus der altmärkischen Kleinadelsfamilie der Junker. Als Rechtsreferendar ging er 1836 in den preußischen Staatsdienst, verließ ihn 1839 und bewirtschaftete das Gut Kneipebhof in Pommern, ab 1845 das väterliche Gut Schönhausen. Im Jahre 1846 wurde er Abgeordneter des sächs. Provinziallandtages. Seine polit. Laufbahn begann Bismarck auf dem äußersten rechten Flügel des preußischen Vereinigten Landtages 1847. Beim Ausbruch der deutschen Revolution 1848 suchte er als führendes Mitglied der Konservativen Partei König Friedrich Wilhelm IV. für die Gegenrevolution zu gewinnen. 1849/50 war er Mitglied der zweiten Kammer des preußischen Landtags und des Erfurter Parlaments; 1851 bis 1859 preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt.
In den frühen 1850er Jahren bildete er unter Preisgabe konservativer Prinzipienpolitik seine Auffassung von Realpolitik heraus: Leitlinie sollte das Interesse der preußischen dt. Großmacht bei Respektierung der Interessen der übrigen Großmächte sein. Zunehmend bekämpfte Bismarck die führende Rolle Österreichs im Deutschen Bund. Mit Beginn der "Neuen Ära" 1858/59 entwickelte er Pläne, die deutsche Nationalbewegung als Bundesgenossen zu gebrauchen und den deutschen Bund zu sprengen. 1859-1862 war er Gesandter in ST.Petersburg; 1862 kurzeitig in Paris.
In einer für König WilhelmI. und die preußische Monarchie vermeintlich aussichtslosen Lage wurde Bismarck 1862 zum Ministerpräsidenten und Außenminister bestellt. Der isolierte Monarch hatte den Heeres und Verfassungskonflikt zum grundsätzlichen Kampf um König- und Parlamentsherrschaft zugespitzt. Bismarck stellte sich Wilhelm zur bedingungslosen Durchsetzung der angestrebten Heeresform zur Verfügung und erhielt die seine gesamte Regierungszeit kennzeichnende Freiheit für seine Politik. Er regierte budgetlos gegen das Parlament, dem er in dessen Bestreben um eine Parlamentisierung Preußens den Kampf ansagte. 1863/64 sondierte er jedoch die Möglichkeiten einer Kooperation mit Ferdinand Lassalle und der Einführung des gleichen Wahlrechts., um die Majorität der Liberalen im Parlament, denen das Dreiklassenwahlrecht zugute kam, zu brechen.
Die Außenpolitik Bismarcks stand in enger Wechselwirkung zur inneren Entwicklung Preußens. Bereits 1862 gab er Österreich sein Ziel zu erkennen, Preußens Herrschaft in Norddeutschland durchzusetzen. 1863 unterbreitete er erste Reformvorschläge für den Dt. Bund, die auch die Schaffung einer Volksvertretung mit gleichen Wahlrecht vorsahen, wodurch die dt. Nationalbewegung gegen Österreich eingespannt werden sollte. Im gleichen Jahr sicherte sich Bismarck durch die Alvenslebende Konvention gegen Polen die Rückendeckung Rußlands. In der Krise um Schleswig Holstein 1863/64 gelang es ihm, den international abgesicherten Status der Elbherzogtümer durch eine Alleinverantwortlichkeit Preußens und Österreichs zu ersetzen. Nach dem ersten dt. Einigungskrieg gegen Dänemark 1864, in dem Preußen und Österreich die Abtretung Schleswig-Holsteins erzwungen hatten, erreichte Bismarck im Vertrag von Gastein 1865 die Abgrenzung der Interessensphären im zunächst gemeinsam administrierten Kondominium. Österreich übernahm die Verwaltung Holsteins, Preußen die Schleswigs. 1866 betrieb er über Spannungen in dieser labilen Konstruktion die militärischen Konfrontation mit Österreich, wobei nun auch die längerfristige Perspektive einer Verbindung mit Süddeutschland Bedeutung gewann. Er schloß mit Italien ein Bündnis und erneuerte seinen Vorschlag zur Bundesreform durch Schaffung einer Volksvertretung.
Nachdem die Schlacht von Königrätz 1866 den Dt. Krieg zugunsten Preußens entschieden hatte, setzte Bismarck gegen den Willen WilhelmsI. die Schonung Österreichs als Großmacht durch und verwirklichte seine Neuordnungspläne: Nach der Aussöhnung mit dem preußischen Parlament und der Mehrheit der Liberalen durch das Idenitätsgesetz gründete er 1867 den Norddeutschen Bund, dessen Bundeskanzler und Außenminister er wurde. Durch Verträge band er die süddeutschen Staaten militärisch an den Norddeutschen Bund. Vor dem Hintergrund französ. Kompensationsansprüche wegen des Machtzuwachses Preußens 1866/67 löste Bismarck in Antwort auf eine französische Provokation mit der Emser Depeche 1870 den Dt.-Franz. Krieg aus. Gegen Helmut von Moltke, der einen "Karthagofrieden" anstrebte, behauptete er den Primat der politischen gegenüber der militärischen Führung. In den Verträgen mit den süddt. Staaten und mit der Kaiserproklamation WilhelmsI. am 18. Januar 1871 erreichte er die Gründung des Dt. Reiches. Die Verfassung des Reichs als konstitutionelle Monarchie mit einem aus gleichem Wahlrecht hervorgegangenen Reichstag spiegelte die Verbindung von Zielen der liberalen dt. Nationalbewegung mit den Wesenszügen des preuß. Beamten- und Militärsstaates wider. Bismarck wurde Reichskanzler des neuen Nationalstaates.
In den beiden Jahrzehnten der Reichskanzlerschaft verfügte Bismarck, der auch preußischer Ministerpräsident blieb, über eine nahezu unangreifbare innenpolitische Stellung. Im Reichstag stürtzte er sich auf die Nationalliberalen und die sich ihm nur zögernd wieder annähernden Konservativen. In oppositionellen Kräften sah er "Reichs-feinde". Im Kulturkampf gegen den politische Katholizismus, der Mitte der 1870er Jahre seinen Höhepunkt erreichte, suchte er das neu entstandene Zentrum vergeblich zu treffen. Nach zwei Attentaten auf WilhelmI. 1878 sollte das Sozialistengesetz (bis 1890 mehrfach verlängert) die 1875 gegründete Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die mit den Anschlägen nichts zu tun hatte, ausschalten.
1878/79 brach Bismarck mit der Mehrheit der Nationalliberalen, die langfristig eine Parlamentarisierung der Monarchie erwarteten, und vollzog mit der Einführung einer Schutzzollpolitik eine grundlegende konservative Wende der dt. Innenpolitik. Nun mehr sich auf wechselnde Mehrheiten im Reichstag stützend, begann er ein sozialpolit. Programm zu verwirklichen: Krankenversicherung (1883), Unfallversicherung (1884), Alters- und Invalidenversicherung (1889); dessen Hauptzweck, die Entfernung der Arbeiterschaft von der Sozialdemokratie, erreichte er allerdings nicht. Nachdem das "Kartell" aus Konservativen und nach rechts geschwenkten Liberalen 1887 in einem von der Außenpolitik bestimmten Wahlkampf noch einmal gesiegt hatte, erlitten diese Parteien 1890 eine schwere Wahlniederlage. Als Bismarck den 1888 regierenden und auf Unabhängigkeit vom Kanzler bedachten Kaiser WilhelmII. zu einem neuen sozialkonservativen Kampfprogramm gegen den Reichstag, möglicherweise aber auch zu einer Kooperation mit dem Zentrum bewegen wollen, wurde er von diesem am 18. März 1890 unter verletzenden Umständen entlassen. Außenpolitisch bemüht, die Mächte zu überzeugen, Deutschland sei "satuiert", betrieb Bismarck zunächst eine Politik, die Koalition gegen Deutschland verhindern sollte. Der Berliner Kongreß 1878 brachte ihm dank seinem Bemühen, im Balkankonflikt als "ehrlicher Makler" zu vermitteln, den Ruf eines großen europäischen Staatsmannes. Die dennoch eingesetzte schwere Krise im Verhältnis zu Rußland veranlaßte ihn zum Aufbau eines komplizierten Bündnissystems: Zweibund mit Österreich-Ungarn 1879, Dreikaiservertrag mit Österreich-Ungarn und Rußland, Dreibund als Erweiterung des Zweibunds um Italien 1882 und nach der Phase des Erwerbs von Kolonien 1884/85 Rückversicherungsvertrag mit Rußland und Förderung Mittelmeerentente zwischen Italien, England, und Österreich-Ungarn 1887. Bei sich zum Teil widersprechendem Inhalt der Verträge diente das System dazu, den Bündnisfall und damit den Krieg zu vermeiden. Seit der Mitte der 1880er Jahre einsetzende neue schwere Krisen (Bulgarienkrise 1885/86, Boulangerkrise 1886/87) ließen die außenpolitische Lage Deutschlands als zunehmend labil und gefährdet erscheinen. Bismarcks Sorge vor feindl. Koalitionen und einem Zweifrontenkrieg wuchs und ließ ihn nach Alternativen zum bestehenden Bündnissystem suchen. Militärische Abenteuer wie ein Präventativschlag gegen Rußland lehnte er konsequent ab.
Nach seinem Rücktritt bekämpfte Bismarck den von ihm für verhängnisvoll erachteten "Neuen Kurs " seines Nachfolgers Leo Graf v. Caprivi. Während er sich 1894 formell mit WilhelmII. aussöhnte, lehnte der Reichstag 1895 einen Glückwusch zum 80. Geburtstag ab. Bei seinen Gegnern von links galt er weiterhin als "Blut und Eisen"-Politiker. Doch setzte noch zu seinen Lebzeiten eine lange anhaltende nahezu mythische Verehrung des "Eisernen Kanzlers" ein.

Kaiser Wilhelm II.
WilhelmII. fungierte von 1888 bis 1918 als deutscher Kaiser und König von Preußen . WilhelmII. wurde am 27. Januar 1859 in Potsdam geboren. Verstorben ist er am 4. Juni im Haus Doorn in der Provinz Utrecht in den Niederlanden.
Im Gegensatz zu seinem Großvater WilhelmI. erwirkte sich der ehrgeizige junge Monarch als dritter und letzter Kaiser des 2. Deutschen Kaiserreichs nach dem Tod seines Vaters Kaiser FriedrichIII. bedeutenden Einfluß auf die Reichspolitik. Die Wilhelmische Ära (auch Wilhelminismus) leitete er durch den Bruch mit dem eigentlichen Gründer des Kaiserreichs, Reichskanzler Ott v. Bismarck, über die Aufhebung der Sozialistengesetze ein.
Als "sozialer Kaiser" wollte Wilhelm zunächst die Arbeiterschaft für die Monarchie gewinnen. Er lehnte deshalb Staatsstreichpläne Bismarcks für die Zeit nach dem Ablauf des Sozialistengesetzes ab und erzwang 1890 den Rücktritt des Kanzlers. Unter den schwachen Kanzlern Leo v. Caprivi (1890-1894) und Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900), mit Abstrichen auch unter Bernhard v. Bülow und Theobald von Bethmann Hollweg geriet sein "persönliches Regiment" aufgrund seines unsteten Charakters zu einer schwankenden Innen- Außenpolitik. Nachdem er sich Rußland bereits durch Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages zum Feind gemacht hat, zog er sich auch den Zorn Frankreichs und Englands durch seine offensive Flotten- und Kolonialpolitik (ab 1896/97) auf sich.Während er die Briten durch die Gratulation an den Präsidenten von Transvaal, Paul Krüger, zur Niederschlagung des Jameson-Raids (1896) und ein taktloses Interview im Daily Telegraph (1908) düpierte, festigte er durch seine Marokkopolitik (demonstrative Landung in Agadir 1905 als Auftakt zur ersten Marokkokrise) Frankreichs Bündnis mit England und Rußland. Mit der "Hunnenrede" anläßlich der Entsendung der dt. Truppen gegen den Boxeraufstand in China 1900 löste er Irritationen in ganz Europa aus. Versuche zur Wiederannäherung an Rußland (Vertrag von Björkoe mit Zar NikolausII: 1905) und zum Ausgleich mit Großbritanien über die Flottenpolitik (Mission Richard B. Haldanes 1912) scheiterten. Seit der Staatskrise über die Daily Telegraph-Affäre 1908 hielt sich Wilhelm mehr im Hintergrund, stimmte dem Schlieffen-Plan (erarbeitet v. Alfred von Schlieffen) wie der Entscheidung zur Vorbereitung des Weltkrieges durch den "Kriegsrat" 1912 grund-sätzlich zu. Während des ersten Weltkrieges war Wilhelm formal aös Oberster Kriegs-heer der Aufgabe, die zivile und militärische Gewalt zu koordinieren, nicht gewachsen und fügte sich seit der Berufung Paul v. Hindenburgs und Erich Ludendorffs dem Diktat der dritten Obersten Heeresleitung. Seine halbherzige "Osterbotschaft", die eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts versprach, konnte die Monarchie nicht mehr retten. Nach dem militärischen Zusammenbruch trat Wilhelm auf Rat Hindenburgs auf niederländischen Boden über und verzichtete am 28. November 1918 auf den Thron, nach dem Reichskanzler Max v. Baden bereits am 9. November eigen-mächtig seine Abdankung bekanntgegeben hatte. Wilhelm lebte danach zunächst in Amerongen, seit 1920 in Doorn.

Konflikt zwischen WilhelmII. und Bismarck
Kurzinformation:
Seit der Thronbesteigung im Jahre 1888 gab es Spannungen zwischen beiden Kontrahenten. In erster Linie war das Generationenproblem zwischen dem jungen Kaiser und dem alten, selbstständigen, erfolgsverwöhnen Kanzler. Der Kaiser wollte die Antisozialistengesetze abschaffen und den Rückversicherungsvertrag, den er für einen Verrat an Österreich hielt, nicht erneuern. Bismarck hielt beides für entscheidende Fehler. Persönliche Intrigen gaben den Ausschlag, daß der Kaiser den Kanzler zum Rücktritt aufforderte.

Außenpolitik:
Bündnispolitik:
Bismarck schloß in der Zeit von 1879 bis 1887 außenpolitische Verteidigungsbündnisse mit den Nachbarstaaten ab, damit Das Deutsche Reich nicht in die Gefahr eines Zweifrontenkrieges kommt. Alle Bündnisse richten sich gegen Frankreich.
-1879: Zweibund: Österreich und Deutschland. Wenn einer der beiden Staaten angegriffen wird, dann hilft der andere. Wenn einer der Vertragspartner ein drittes Land angreift, ist der andere neutral.
-1882: Dreibund: Deutschland, Österreich, Italien. Wenn Frankreich Italien angreift, dann helfen Deutschland, und Österreich. Wenn Frankreich Deutschland angreift hilft Italien. Wenn Rußland Österreich angreift, hilft Italien. Voraussetung ist aber ein gutes Verhältnis zu England.
-1887: Rückversicherungsvertrag: Deutschland und Rußland. Wenn Rußland von Österreich angegriffen wird, verhält sich Deutschland neutral. Wenn Deutschland von Frankreich angegriffen wird, bleibt Rußland neutral.
-1887: Mittelmeerabkommen: Italien, Österreich, England, Spanien. Der Besitzstand im Mittelmeer wird garantiert.

Kaiser Wilhelm II. war ein Fan des Imperialismus. Er hielt nicht viel von Verteidigungs-bündnissen sondern war für eine Ausweitung des Deutschen Reiches. Somit ließ er nicht nur das Bündnis mit Rußland platzen, sondern setzte die Ausweitung des Reiches auch in der Kolonialpolitk fort.

Kolonialpolitik:
Streitpunkte:
WilhelmII. versuchte das Deutsche Reich nicht nur territorial sondern auch machtpolitisch zu vergrößern. Er versuchte soviele Kolonien wie möglich zu ergattern. Bismarck, der die Kolonialpolitik WilhelmI. in geringen Maßen noch zuließ, sah durch die Kolonialpolitik WilhelmII. das Kräftegleichgewicht in Europa gefährdet und versuchte die Imperialistische Politik einzudämmen, stieß damit aber auf Unverständnis, denn Kolonialpolitik betrieben alle europäischen Großmächte und da durfte Deutschland nicht fehlen.

Militärische Aufrüstung:
Streitpunkte:
Um die deutschen Kolonien auf der ganzen Welt schützen zu können, bedurfte es einer großen Kriegsflotte. Somit baute WilhelmII. eine Flotte auf, die von der Größe, bis zum 1. Weltkrieg, fast englische Ausmaße annahm. Mit dieser Maßnahme stieß er in ein Hornissennest, denn England war durch das Mittelmeerabkommen abgesichert. Bismarck, der diese Entwicklung nur drei Jahre miterleben durfte, konnte den jungen dynamischen Kaiser aber nicht bremsen.

Innenpolitik:
Streitpunkte und Entwicklungen:
Schon kurze Zeit nach der Thronbesteigung WilhelmII. verschlechterte sich das persönliche Verhältnis zwischen ihm und Bismarck.

Hoftracht:
Als der Kaiser eine neue Hoftracht einführen wollte, war Bismarck voll blanken Hohnes. Dergleichen mußte in jeder Krise zwischen beiden die Verständigung erschweren. Jeder versuchte dem anderen eins auszuwischen.

Arbeiterbewegung:
Bestimmend war endlich die Konstellation, die seit dem Frühjahr 1889 den Bruch unausweichlich machte. Denn Bismarck vertrat eine kompromißlos harte Linie gegenüber der Arbeiterbewegung, wollte das erschreckte Bürgertum an die Seite der Regierung treiben und das Sozialistengesetz verschärfen. Der Kaiser dagegen glaubte an die Notwendigkeit sozialer Versöhnung, und es gab wenig Zweifel, daß die Vernunft diesmal auf seiner Seite stand. Unterschiede der Betrachtungsweise und intrigante (=hinterhältige) Ratgeber spielten ihre Rolle.

Massenstreik im Bergbau, Soziale Versorgung, Bildung und Industrie:
Entscheidend aber wurde die unterschiedliche Behandlung der Massenstreiks im Bergbau 1989. Dazu kamen Fragen der Schule und des Sozialistengesetzes, und es kündigten sich in dem Kampf zwischen dem alten Kanzler und dem jungen Kaiser auch jene Konflikte schon an, die seitdem den Gegensatz von Exportindustrie und Großlandwirtschaft ständig verstärkten. Es ging, hinter all den persönlichen Gehässigkeiten , letztlich um die Stabilisierung des Staates, die Bismarck wollte, oder um Öffnung zur industriellen Massengesellschaft, die WilhelmII. für die Lebensfrage des Reiches hielt und die bis 1914 nicht mehr zur Ruhe kam.

Konflikt und Auseinandersetzungen zwischen den Kontrahenten:
Die Tragödie begann mit einer fast beiläufigen Szene. Ein Kronrat wurde einberufen, und hier legte der Kaiser all jene Zweifel am Sozialistengesetz dar, die von den Liberalen bis zu den Sozialisten längst geäußert worden waren. Die Schlußfolgerung: Die Schule im Reich sollte reformiert werden. Bismarck, indes konstatierte sehr kühl "daß seine Majestät für Stadt und Land, für Volks- und höhere Schulen sorgen wolle, und daß man über der Sorge für die städtische, bebildetere Bevölkerung die für die ländliche nicht zurücktreten lassen möge. Letztere sei die stärkere an Zahl, wie an Kraft, wenn es sich schließlich bei dem Kampf zwischen Staatsordnung und Sozialdemokratie um Gewalt handele. In dieser Sache entscheide nicht die Schulbildung, außerdem gäbe es genug Gymnasien."
Unterdessen aber ging das Drama abseits von Berlin weiter. Im April 1889 hatten große Bergwerkstreiks im Gelsenkirchener Revier begonnen. Bei guter Ertragslage der Gruben verlangten die Arbeiter höheren Lohn. Desweiteren verlangten sie, für Überstunden bezahlt zu werden. Bald waren vierzigtausend Kumpel im Ausstand, dann wurde auch in Schlesien, um Waldberg, gestreikt. Auf dem Höhepunkt der Bewegung waren hundertfünfzigtausend Arbeiter im Ausstand. Den Eisenbahnen fehlte die Kohle um weiter fahren zu können. Truppen wurden um die Streikzentren zusammengezogen. Es drängte sich die Frage auf, ob der Ausnahmezustand verhängt werden sollte. Der Kaiser setzte auf Verhandlungen. Er empfing eine Deputation streikender Arbeiter (das erste Mal in der Geschichte des Reiches). Bismarck dagegen dachte an den Ernstfall. Er hätte gern die privatlichen Kohlengruben verstaatlicht, um die strategische Energieversorgung zu sichern. Der Kaiser wollte mehr Arbeitsschutz, notfalls gegen die Fabrikherren. Der Kanzler aber sah den Ausweg darin, dem Sozialistengesetz endlich jene Schärfe zu geben, die ihm von Anfang an gefehlt hatte.
Am Ende ging man ohne Kompromiß auseinander. Bismarck beharrte fortan, das Sozialistengesetz darf nicht zurückgenommen werden, sondern muß konsequent weiterentwickelt werden. Große Teile der Industrie glaubten nicht mehr an eine solche Lösung, auch nicht die Nationalliberalen (Partei Bismarcks). Dadurch wurde das Regierungsbündnis von 1887 unhaltbar, die Regierungsmehrheit zerfiel. Die Massenstreiks von 1889 hatten das System der taktischen Bündnisse zur Unterdrückung der politischen Arbeiterbewegung beendet. Die Streiks signalisierten Zentrum und Liberalen, daß Deutschland in das Zeitalter der industriellen Massengesellschaft eingetreten war. Bismarck aber beschritt beharrlich seinen alten Weg. Er manöverierte sich selbst ins Abseits. Der Mann, der noch die Sozialpolitik kraftvoll mitbestimmt hatte, wurde zum Hindernis jener anderen Politik, die zwischen den Mittelparteien, der Industrie, der preußischen Ministerialbürokratie und dem Kaiser im Entstehen war.

Sturz Bismarcks im im Jahr 1890
Kaum ein Einzelproblem in der Geschichte des Kaiserreichs, mit Ausnahme der Julikrise 1914, sollte mehr Hebel in Bewegung setzten, als der Sturz Bismarcks im März 1890. Diese Handlung war mehr als ein Personenwechsel. Es war das Ende einer Epoche, welche dann ihre Erben zum Schicksal wurden. In der Arbeiterfrage gab es keine Annäherung. Bismarck versteifte sich beim Sozialistengesetz auf die Ausweisungsbefugnis der Behörden. So sagte Bismarck:" Bleibe das Gesetz unerledigt, so müsse man sich ohne dasselbe behelfen und die Wogen höher gehen lassen." Er glaubte an Konflikte und scharfes Schießen ("Dann möge es doch zum Zusammenstoß kommen"). Und auch dem Kaiser war bewußt, was auf dem Spiel stand, aber er zog die entgegengesetzte Schlußfolgerung("Er wolle ohne den äußersten Notfall solchen Katastrophen soweit möglich durch Präventivmaßregeln vorbeugen, nicht seine ersten Regierungsjahre mit dem Blut seiner Untertanen färben).
Danach war der Bruch unheilbar. Auch die Generalität, seit den Tagen des Militärkonflikts die Garantimacht hinter Bismarcks Politik, nahm Distanz und schwenkte auf die Seite des Kaisers. Zwar erging ein Erlaß an die Generalkommandos, betreffend die Überwachung der sozialdemoratischen Bestrebungen, der vorläufige Festnahmen und Waffengebrauch regelte, damit jeder Aufruhr im Keim erstickt würde. Aber in Wirklichkeit ging es längst um innere Entspannung, und deren Protagonist war der Kaiser. Als die Reichstagswahlen am 20. Februar 1890 den Ruin des Kartells dokumentierten, rechneten die Liberalen und der Kaiser Bismarcks Starrsinn die Schuld zu. Bismarck sah darin den Beweis, daß die kaiserliche Sprunghaftigkeit die Politik ruinierte. Jetzt ging es um die Entscheidung für innere Versöhnung oder die Bitternis innerer Kämpfe.
Kaiser oder Kanzler: Bismarck hätte es nie auf diese Zuspitzung ankommen lassen dürfen. Denn damit hatte er bereits verloren, ohne es zu wissen. Der Kaiser sagte im Kronrat, die Deutschen hätten, anders als die Briten, sich "nicht um ihre Arbeiter gekümmert, sondern sie ausgepreßt wie Zitronen und auf dem Mist verfaulen lassen". Für Bismarck waren diese Aussagen Utopie und dienten nur dazu, um die Popularität der niedrigsten Klassen zu gewinnen.
Bismarck erklärte sich bereit, den kompetenten Berater des Monarchen, den rheinischen Oberpräsidenten von Berlepsch zum preußischen Handelsminister zu machen, zuständig für die Sozialpolitik.
Bismarck setzte auf einen Kampfkurs, in dem er all seine Erfahrung seit 1948 ausspielte. Für die Zukunft des industriellen Deutschlands aber hätte das alles eine Katastrophe bedeutet. Es gab zwei Szenarios, staatsrechtlich verzwickt das eine, das andere pure Konfliktpolitik. Im ersten Szenario wollte Bismarck gegen den Reichstag die Reichsverfassung auslösen, die er zu einem Bund der Fürsten und Senate erklärte, ohne Beteiligung der Repräsentativkörperschaften. Die Schlußfolgerung: Es waren dann ja auch die Fürsten, die durch Rücktritt vom Bundesvertrag die Verfassung auflösen konnten. Die Frage, ob sie es durften, wurde nicht bedacht. Danach jedenfalls wollte man weitersehen. Dazu gab es noch eine Variante, die von Preußen ausging. Man würde, so Bismarck:"Um der fortgesetzten Renitenz eines Reichstages, in welchen die oppositionellen Elemente die Mehrheit hätten, zu begegnen, auch andere Mittel anwenden". So konnte der preußische König die Kaiserwürde niederlegen oder den Reichsinstitutionen passiven Widerstand entgegensetzen.
Der zweite Fall hatte mehr politische Farbe, und der Kaiser wäre überspielt worden. Bismarck plante, wenn erst die neuen Arbeiterschutzgesetze im Reichstag eingebracht waren, große Militärvorlagen und dann ein neues, radikal verschärftes Sozialistengesetz mit "Strafbestimmungen für die Arbeiter, welche andere zum Streiken zwingen wollen". Das mußte zu erneuten Massenstreiks, städtischen Unruhen, zu Konflikt und Reichsauflösung führen, bis ein neuer Verfassungszustannd eingerichtet war. Hat Bismarck geglaubt, die Geschichte könne sich wiederholen und es sei, noch einmal, ein preußischer Verfassungskonflikt zum Sieg zu führen wie 1866?
Das war der Bruch. Weder der Kaiser noch die Kommandierenden Generäle, weder die Industrie noch die Häupter der liberalen Parteien konnten auf diesem Weg folgen.

Entlassungsgesuch Bismarcks
Am 18. März 1890 reichte Bismarck sein Entlassungsgesuch ein. Es war, nach den Hilflosigkeiten der vergangenen Wochen, ein letztes Meisterstück des Kabinettpolitikers, für Öffentlichkeit und Nachwelt bestimmt und so abgefaßt, daß der Kaiser, der Berichte des deutschen Konsuls in Kiew über russiche Militärpolitik mit aggressiven Marginalien versehen hatte, als dilettierender Kriegstreiber dastand. Bismarck deutete an, man verlange von ihm eine andere Politik gegen Rußland. "Ich würde damit alle die für das Deutsche Reich wichtigen Erfolge in Frage stellen, welche unsere auswärtige Politik seit Jahrzehnten im Sinne der beiden Hochs. Noch vor dem Furioso dieser Szenen, als Windthorst für das Zentrum mit Bismarck über künftige Koalitionen sprach, hatte der Zentrumsführer erschüttert bemerkt, daß er vom Sterbebett eines ehrwürdigen und großen Mannes komme.

Literaturnachweis:


Verfaßt von Carsten Herber - Klasse: 13 - Note: 13 Punkte

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